| Deutschland 2025 · 122 min. · FSK: ab 16 Regie: Hille Norden Drehbuch: Hille Norden Kamera: Bine Jankowski Darsteller: Dana Herfurth, Luna Jordan, Vera Fay, Jakob Geßner, Johann von Bülow u.a. |
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| Das Eintauchen in eine unbekannte Welt... | ||
| (Foto: Neue Visionen) | ||
Dieser Film ist der Hammer! Rätselhaft. Peinlich und peinigend, befremdend und in erster Linie ganz großartig! Vor allem wird er während des Sehens immer besser.
Er lässt einen nicht so schnell los, und man denkt immer wieder nach, was man da jetzt eigentlich genau gesehen hat...?
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Eigentlich möchte ich allen, die das hier jetzt lesen, nur sagen, dass sie in diesem Film gehen sollten. Vertraut mir, ich weiß, was ich tue.
Ihr solltet diesen Film sehen, in diesen Film gehen, weil ihr so einen Film noch nicht gesehen habt. Er ist keineswegs fehlerfrei, aber er ist unheimlich gut in seiner Intensität, in seiner Aufrichtigkeit, auch in seiner Tapferkeit.
Dieser Film ist kein bisschen weniger tapfer als diese Dutzenden wöchentlich erscheinenden Filme, die irgendein Dissident in irgendeinem fernen Ort gedreht hat, an dem die Menschenrechte schrecklich verletzt werden, und die man sich als kultur- und
politikinteressierter Bildungsbürger dann kopfschüttelnd und zunehmend empört anguckt: Schlimm, was die so machen, im Iran, in China, in Russland sowieso und neuerdings sogar in den USA.
Ich will das gar nicht gegeneinander ausspielen, muss es aber doch ein bisschen, weil Smalltown Girl nicht weniger von Menschenrechtsverletzungen und schlimmen Dinge handelt. Nur lassen die sich in diesem Fall ungleich schlechter konsumieren, weil sie sich auch bei uns in Deutschland und Europa ereignen, jetzt gerade, jeden Tag mitten unter uns, weil Freunde und Bekannte von uns allen hier Täter und Opfer sind, ohne dass wir das in den meisten Fällen wissen.
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Hille Nordens Film ist nicht weinerlich, er ist stolz und tapfer, er ist selbstbewusst und extrem offen. Dass er nicht um den heißen Brei herum redet, ihn nicht mit Phrasen des Abwiegeln oder des Hochkochens und nicht mit irgendwelchen ideologischen Agenden verbrämt, sondern einfach ganz offen und direkt geradeaus zeigt, was Sache ist, gefällt mir am meisten an Smalltown Girl.
Der Film bricht aus diesen ganzen Klischees aus, auch den rhetorischen Klischees, dem Geschwätz von »Opferrollen«.
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Wo bin ich denn hier hin geraten, war mein erster Gedanke. Man ist zu Beginn des Films in einer irgendwie ein bisschen zu quietschbunten Mädchenwelt, genau gesagt einer WG zweier Freundinnen. Die eine ist auf sonderbare Weise überdreht und außerdem fällt auf, dass sie ein mehr als lockeres Verhältnis zu Männern zu haben scheint: nahezu jeden Abend hat sie einen anderen Typ im Bett; sie tritt verführerisch und lasziv auf; sie übertreibt ganz offensichtlich in dieser Hinsicht, und fragt sich als Zuschauer, warum eigentlich? Von Anfang an ist spürbar, aber nicht fassbar, dass irgendetwas daran ungut und ganz und gar falsch ist.
Trotzdem täuscht erstmal der Schein. Und mir persönlich ging es so, dass ich zuerst, in den allerersten Minuten dachte: Was soll denn das hier? Das halte ich kaum aus. Das ist mir alles zu überdreht und die Hauptfigur zu anstrengend und auch ein bisschen flach – warum soll ich mir das ansehen? Es ist eine interessante Frage, ob dies die Regisseurin genauso beabsichtigt hat, ob sie hier also kühl ihr Publikum in die Irre führt oder der Film so ist, weil es eben einfach genau so
gewesen ist, was die Regisseurin uns erzählen möchte? Weil sie versucht, möglichst genau an der Wahrheit zu bleiben, jedenfalls der Wahrheit ihrer eigenen Erfahrungen.
Denn um Erfahrungen – die der Regisseurin – geht es hier, und dies ist ein tapferer und auf der Erfahrungsebene erstaunlich ehrlicher Film, noch in der Ratlosigkeit, die manchmal alles andere dominiert.
Es ist das oben geschilderte Gefühl der Beunruhigung, das in den quietschbunten Oberflächen dieses Films liegt, es ist zugleich auch eine Leere und Traurigkeit, die sich wie ein Mehltau der Depression für eine ganze Weile über die Handlung legt.
Aber bitte nicht missverstehen: Keineswegs ist Smalltown Girl ein depressiver oder deprimierender Film. Dies ist ein trauriger Film, aber auch einer, der glücklich machen kann.
Vor allem ist er hochspannend, weil es der Regisseurin gelingt, ziemlich unmittelbar Erfahrungen auf die Leinwand zu bringen, und weil diese Erfahrungen zwar häufig vorkommen, aber trotzdem ungewöhnlich sind und tabuisiert in den öffentlichen Diskursen und deswegen unvertraut.
Für mich war dieser Film das Eintauchen in eine unbekannte Welt. Obwohl ich gefühlt schon ziemlich viele Filme gesehen habe, die sich in irgendeiner Form mit dem Thema Missbrauch, mit weiblichen
Erfahrungen in Männerwelten, und mit unangenehmen Verhältnissen zwischen den Geschlechtern, mit »Liebesverhältnissen« beschäftigt haben, hat erst dieser Film mir bestimmte Dinge klar gemacht und nahegebracht. Gleichzeitig bleibt vieles unfassbar. Im Wortsinn: Nicht zu fassen, nicht zu erfassen. Ich verstehe nicht, was Männer daran aufgeilt, Frauen eine Saftflasche in die Vagina einzuführen und warum ein junges Mädchen das mit sich geschehen lässt. Wie vieles andere, was ich in
diesem Film sehe, der Momente hat, die unerträglich sind. Und trotzdem schafft dieser Film, zumindest eine Ahnung davon zu wecken, warum das so ist.
Wie oben erwähnt, berührt er und macht auf seltsame Art sogar glücklich.
Dazu tragen die Schauspieler bei, auch die Männer, die sich überwinden konnten, diese fiesen, auch fies dummen Typen zu spielen, die man nicht spielen und nahekommen lassen möchte, vor allem aber hier schon Dana Herfurth in der, ja: natürlich in ihren Facetten extrem herausfordernden Rolle der Hauptfigur, des alter ego der Regisseurin, die sie voll schauspielerischer Lust, Präsenz und Intensität meistert. Dann Luna Jordan, die als ihre Mitbewohnerin und Schulfreundin hier mithält, was bestimmt nicht immer einfach war, und Vera Fay als ihrem jüngeren Ich.
Denn zur Filmkunst dieses Debüts gehört es, dass Smalltown Girl recht virtuos in den Zeiten herumspringt, und manchmal auch smooth herumgleitet – etwa in einer großartigen Szene, in der sich ein Küchenraum sanft in einen Kindheitsalbtraum verwandelt.
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Auch nach diesem von Anfang bis Ende sehr konsequenten Film ist es nicht ganz einfach, über ihn zu sprechen, und interessanterweise war es gleichzeitig erstaunlich leicht, mit der Regisseurin Hille Norden eineinhalb Stunden genau darüber zu reden (wie unser Podcast zeigt); obwohl sie wie gesagt hier auch autobiographische Erfahrungen verarbeitet.
Es macht also vielleicht nicht viel Sinn, was ich hier schreibe. Es ist ein widersprüchliches Tasten, diesem Film gerecht zu werden, und das auch noch auf eine Weise, dass möglichst viele, die das lesen, ihn sich auch anschauen, aber vielleicht ist genau das, das Tasten in einem Feld aus Widersprüchen, eine ganz angemessene Haltung.