| Belgien/NL 2023 · 106 min. · FSK: ab 18 Regie: Koen Mortier Drehbuch: Koen Mortier Kamera: Nicolas Karakatsanis Darsteller: Thibaud Dooms, Natali Broods, Boris Van Severen, Dirk Roofthooft, Colin Van Eeckhout u.a. |
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| Eine Jugendhölle aus dem Setzbaukasten des Elendkinos... | ||
| (Foto: Camera Obscura Filmdistribution) | ||
Ankunft und Abschied gehen am Beginn von Skunk nahtlos ineinander über. Der Wind heult in der Ruine eines alten, verbrannten Wohnhauses. Ein junger Mann, Liam heißt er, ist gerade dorthin zurückgekehrt, ehe die Montage zeigt, wie er diesem Ort und seinen Eltern einst entrissen wurde. Seine Familie ist schon in den ersten Minuten zerrüttet. Der Junge kriecht blutüberströmt aus dem Keller und wird von den Behörden abgeholt. Man befreit ihn aus der missbräuchlichen Obhut. Die körperliche Performance des Hauptdarstellers Thibauld Dooms holt schon während der Autofahrt zu großen Gesten aus. Schreien, weinen. Der Kopf wird verzweifelt gegen die Scheibe geschlagen, als wolle der Heranwachsende die Hülle zerstören, die ihn an das Leben fesselt.
Regisseur Koen Mortier hat Anfang der 2000er mit seinem Musiker-Exzess Ex Drummer für Aufsehen gesorgt und den Brechreiz des Publikums herausgefordert. Wenige Filme später knüpft er an diese Radikalität an und holt zum nächsten künstlerischen Tiefschlag aus. Sein Film will Entsetzen hervorrufen; das wird schnell deutlich. Am Ende bleibt es jedoch bei einem eher abgeschmackten Versuch. Das Entsetzen weicht immer öfter dem Augenrollen, so oberflächlich und dürftig konstruiert bleibt seine Abfolge von Grenzüberschreitungen. Skunk erzählt von der Schwierigkeit, jemanden aufzufangen, der auf die falsche Bahn gelenkt und sich selbst überlassen wurde. In wenigen Rückblenden skizziert Skunk eine Jugendhölle aus dem Setzbaukasten des Elendkinos. In Liams Familie wird geschrien und misshandelt. Drogen werden konsumiert, Orgien gefeiert. Gewalt steht an der Tagesordnung. Die Bilder triefen vor Schmutz. In der Küche bellt ein Hund im Zwinger. Während sich die ignoranten Eltern vergnügen, konsumiert ihr Kind vor dem Fernseher – na klar – so richtig schlimme Splatterfilme.
Der Großteil der Handlung dreht sich dann vor allem darum, wie Sozialarbeiter und Pädagogen versuchen, dem Teenager eine Perspektive zu bieten. Liam wird in eine Jugendeinrichtung gebracht, wo er mit anderen Härtefallen und Verstoßenen betreut wird. Koen Mortier inszeniert das in zittrigen, grobkörnigen und entsättigten Handkamera-Aufnahmen. Skunk will das ästhetisch Rohe auf die Leinwand bringen. Seine Inszenierung versucht sich die meiste Zeit an einem dokumentarischen Realismus, der jedes Hoch und Tief in Liams turbulentem Alltag begleiten will. Mortiers Drehbuch, das auf einem Roman von Geert Taghon basiert, arbeitet dabei mit einer zyklischen Struktur. Geselligkeit beim Spielen, eine zärtliche Begegnung zwischen Liam und einem Pferd oder ein Vieraugengespräch, das langsam eine emotionale Öffnung provoziert, wechseln sich ab mit neuen Eskalationen.
Jeder Glücksmoment wird direkt mit der nächsten Schockerszene relativiert. Gewalt gegen Tiere, Gewalt gegen Menschen. Schläge werden verteilt. Es wird randaliert. Es kommt zu einem Selbstmordversuch und sexuellen Übergriff. Die Situation unter den Jugendlichen kann jederzeit ins Chaotische umschlagen. Zudem sorgt jeder Kontakt zu den Eltern für einen Rückfall. Skunk zeigt wiederholt Versuche, mittels Brutalität und Gewalt ein Stück der Autonomie wiederherzustellen, die die eigene Abstammung und Sozialisation verwehrt.
Dass derlei Stoffe über Traumata durch frühere Generationen heute so populär und zahlreich zu finden sind, überrascht kaum. Schließlich rütteln sie am Innersten von illusorischen Freiheitsversprechen und Anforderungen an das Subjekt, sich selbst für eine Glücks- und Gewinnmaximierung zu optimieren. Es gilt, sich zum Oberhaupt der eigenen Umstände und Biografie zu erheben – ungeachtet der Strukturen und Gegebenheiten, denen man dabei ebenso unterworfen ist. Skunk verwandelt dieses Unterfangen in einen quälenden Kampf und lässt schlussendlich Blut fließen. Eine Vernichtungsfantasie steht im Zentrum der Handlung. Immer verzweifeltere Taten werden vollzogen, um die toxischen familiären Wurzeln zu kappen und sich von dem Elend zu befreien, das das Ich auch Jahre später noch verfolgt. Mortiers Film will also das Unerträgliche menschlicher Determinanten einfangen, die in seiner Logik nur in der Katastrophe münden können.
Wenn es dabei aber an strukturelle Fragen, Konstruktionen und systemische Analysen geht, steht der Film überwiegend mit leeren Händen da. Ihm bleibt nur das Grauenerregende als Sensation und formelhaftes Kunstwerk an sich. All der Frust soll sich in noch mehr Leid und Qualen entladen. Das meint Schonung für nichts und niemanden, auch nicht für das Publikum, das sich all den drastischen Schauwerten aussetzen soll. Das Erzählen von der Hilflosigkeit von Institutionen, Behörden und sozialpädagogischer Arbeit entdeckt in Mortiers Drehbuch nur die Konsequenz des eigenen Horrors. Sein Provokationskino strebt nach dem Extrem. Ansätze des Universellen werden mit der Heftigkeit des Höhepunktes aber doch wieder nur auf den pathologischen Einzelfall verengt.
Skunk geht es in seiner eigenen dunklen Blase nicht mehr um die Formung und Veränderbarkeit von Systemen. Er bietet dahingehend auch für sein Publikum keine Reibeflächen, an denen Wahrnehmungsmuster und Verhaltensweisen befragt oder durchkreuzt werden könnten. Dafür stecken alle viel zu sehr im Automatismus ihrer angestammten Bahnen fest. Hier ist von Beginn an klar, wer welche Rolle zu spielen hat und mit welchen Eindrücken diese zur Anschauung gebracht werden. Schlimm, schlimm, kann man hinterher sagen. Schaurig geht es bei manchen Leuten zu. Mitleid und Empathie werden dabei aber mit Selbstgeißelung und Schreckenslust verwechselt, wenn SKUNK mediale Gewaltbilder ineinander verschachtelt, mit kitschig sentimentaler Musik unterlegt und die eine filmische Realitätsebene mit der anderen spiegelt.
Statt nach Ursachen und Zusammenhängen zu fragen, reproduziert Skunk fleißig ästhetische und (a)soziale Klischees. Seine soziologische Studie treibt die Figuren in eine unausweichliche Schicksalshaftigkeit, weg von einer produktiven filmischen Fragestellung. So, als habe man es final auf der Leinwand mehr mit überwältigenden Naturkräften denn menschlichen Umgangsweisen zu tun, wenn Anfang und Ende ihren Kreis schließen. Das ist als erzählerische Ausflucht und dünn gestrickte Pointe gerade dort allzu bequem und überheblich distanziert, wo das Zusehen ob der filmischen Brutalität immer schwerer fällt.