| Deutschland 2026 · 103 min. · FSK: ab 6 Regie: Jacqueline Jansen Drehbuch: Jacqueline Jansen Kamera: Markus Ott Darsteller: Magdalena Laubisch, Gerta Gormanns, Lola Klamroth, Suzanne Ziellenbach, Olga Prokot u.a. |
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| Statt einfacher Antworten das einfache Leben... | ||
| (Foto: Piffl Medien) | ||
Jacqueline Jansens Debüt Sechswochenamt erzählt vom Tod einer Mutter. Es erzählt aber vor allem von den Verschiebungen, die ein solcher Verlust in den Beziehungen der Hinterbliebenen verursacht. Es ist ein Film über Trauer, aber kein Film, der sich mit den offensichtlichen Bildern dieser Schmerzkategorie begnügt. Stattdessen untersucht er mit großer Präzision, wie sich Familien, Freundschaften und vertraute Rollen verändern, wenn plötzlich ein Mensch fehlt, der bislang selbstverständlich Teil dieser Ordnung war.
Dass Jacqueline Jansen für ihren völlig unabhängig produzierten Film beim 42. Filmfest München den Förderpreis Neues Deutsches Kino für die Produzentische Leistung erhielt und Hauptdarstellerin Magdalena Laubisch zudem als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde, überrascht nicht. Sechswochenamt gehört zu jenen seltenen Debüts, die genau wissen, was sie erzählen wollen und wie sie dies tun müssen.
Lore (Magdalena Laubisch) kehrt nach dem Tod ihrer Mutter während der Corona-Pandemie in ihre Heimatstadt zurück. Was zunächst wie ein klassisches Trauerdrama beginnt, entwickelt sich schnell zu etwas Komplexerem. Denn Lore muss nicht nur den Verlust ihrer Mutter bewältigen, sondern erlebt zugleich, wie sich nahezu alle Beziehungen ihres bisherigen Lebens verändern. Selbstverständlich Geglaubtes wird plötzlich fragwürdig. Rollen verschieben sich. Familienmitglieder zeigen Seiten, die zuvor verborgen blieben. Freundschaften und Verwandtschaften müssen neu vermessen werden. Jansen macht deutlich, dass man den Tod nicht als Endpunkt begreifen darf, sondern als Ausgangspunkt einer Neuordnung menschlicher Beziehungen.
Der Film ist dabei tief in seinem Milieu verwurzelt. Jansens Erkelenz ist keine symbolische Provinz, sondern ein sehr konkreter Ort in Nordrhein-Westfalen. Nachbarn kommen vorbei, Verwandte geben Ratschläge, jeder scheint etwas sagen zu müssen. Gerade darin zeigt sich eine der subtilsten Beobachtungen des Films: Wie oft Menschen angesichts von Trauer reden, weil ihnen die richtigen Worte fehlen. Wer kümmert sich hier eigentlich um wen? Muss Lore getröstet werden oder beruhigt sie die Menschen um sich herum? Aus solchen Situationen gewinnt der Film eine stille Komik, die nie aufgesetzt wirkt.
Jansen hat selbst betont, dass sie weder über Bilder noch über Musik zusätzliche Dramatik erzeugen wollte. Diese Haltung prägt den gesamten Film. Die Kamera von Markus Ott beobachtet aufmerksam, ohne sich aufzudrängen. Die Musik bleibt zurückhaltend. Nichts soll die Emotionen künstlich verstärken. Dadurch entsteht eine bemerkenswerte Nähe zu den Figuren. Der Betrachter wird nicht gelenkt, sondern eingeladen, selbst zu beobachten.
Betrachtet man Sechswochenamt genauer, dann ähnelt der Film tatsächlich der Arithmetik eines Todesfalls. Jacqueline Jansen verfolgt mit beinahe dokumentarischer Genauigkeit die Konsequenzen eines einzelnen Verlustes. Jede Begegnung, jedes Gespräch, jede organisatorische Notwendigkeit verändert die Beziehungen der Hinterbliebenen ein Stück weit. Trauer erscheint dabei nicht als isoliertes Gefühl, sondern als soziales Ereignis, das ganze Beziehungsgeflechte neu ordnet.
Besonders beeindruckend wird die Balance zwischen Zärtlichkeit und Banalität herausgearbeitet. Immer wieder findet Jansen kleine Momente menschlicher Nähe, die fast beiläufig wirken und gerade deshalb berühren. Zugleich zeigt sie die oft grotesken Alltäglichkeiten des Trauerns: organisatorische Zwänge, missglückte Gespräche, Menschen, die helfen wollen und dabei vor allem ihre eigene Unsicherheit offenbaren. Die Gleichzeitigkeit von Schmerz und Alltagsabsurdität verleiht dem Film eine Wahrhaftigkeit, die man im deutschen Kino nur selten findet.
Hinzu kommt die besondere historische Situation der Pandemie. Eine Trauerrednerin, die Jansen bei der Entwicklung des Films begleitete, formulierte einen Gedanken, der sich wie ein unsichtbarer Faden durch die Handlung zieht: Normalerweise verliert eine Gemeinschaft einen Menschen. Während der Pandemie verlor oft ein einzelner Mensch eine ganze Gemeinschaft. Gerade deshalb wirkt Lores Einsamkeit nie nur individuell, sondern auch gesellschaftlich.
Dabei verweigert sich der Film konsequent die einfachen Antworten. Über Lore erfährt man erstaunlich wenig. Wo sie lebt, was sie studiert, welche Pläne sie für ihr Leben hatte. Jansen vertraut ihrem Publikum und einem Kino, das nicht jede Information ausbuchstabieren muss. Stattdessen entsteht das Bild der verstorbenen Mutter nach und nach aus Erinnerungen, Gesprächen und Gegenständen. Fast scheint es, als werde die Tote im Verlauf des Films immer lebendiger, während die Lebenden mühsam versuchen, ihren Platz in einer veränderten Welt zu finden.
Auch die religiöse Ebene fügt sich unaufdringlich in dieses Geflecht ein. Schon der Titel verweist auf die katholische Tradition des Sechswochenamts. Doch Religion erscheint hier weniger als Antwort denn als Suchbewegung. Rituale bieten Halt, lösen aber keine Fragen. Wie so vieles in diesem Film bleibt auch der Glaube eine offene Angelegenheit.
In seiner Haltung erinnert Sechswochenamt an das isländische Trauerdrama Wenn das Licht zerbricht von Rúnar Rúnarsson. Beide Filme interessieren sich weniger für den eigentlichen Todesfall als für die unterschiedlichen Formen, die Trauer annehmen kann. Beide zeigen Verlust als widersprüchlichen Prozess, in dem Nähe und Distanz, Fürsorge und Überforderung, Liebe und Egoismus oft unmittelbar nebeneinander existieren. Wie dort werden auch hier die Fragilität menschlicher Beziehungen und ihre Widerstandskraft gleichermaßen sichtbar.
Dass ein derart eigenständiger Film ohne klassische Filmförderung entstehen konnte, grenzt fast an ein Wunder. Vielleicht erklärt gerade diese Unabhängigkeit dann aber auch seine Klarheit. Hier scheint niemand darauf gepocht zu haben, Erwartungen zu erfüllen oder dramaturgische Erwartungshaltungen abzuarbeiten. Stattdessen folgt Jacqueline Jansen konsequent ihrer eigenen Beobachtung.
Mit dieser Haltung ist ihr ein bemerkenswertes Debüt gelungen. Ein Film, der von Verlust erzählt, ohne sentimental zu werden. Der von Religion spricht, ohne Antworten zu liefern. Der von Familie erzählt, ohne sie zu verklären. Vor allem aber ein Film, der begreift, dass Trauer nicht nur ein Gefühl ist, sondern eine Bewegung: durch Erinnerungen, Beziehungen und Gemeinschaften hindurch.