| Frankreich/B 2025 · 77 min. · FSK: ab 0 Regie: Antoine Lanciaux Drehbuch: Pierre-Luc Granjon, Antoine Lanciaux Musik: Didier Falk Schnitt: Pierre-Luc Granjon, Antoine Lanciaux |
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| Charmante Atmosphäre und leise Poesie... | ||
| (Foto: Luftkind/Central) | ||
1926 realisierte die junge deutsche Regisseurin Lotte Reiniger mit Die Abenteuer des Prinzen Achmed ihren ersten langen Film und schrieb damit Filmgeschichte. Denn sie schuf den ersten abendfüllenden Scherenschnittfilm mit Silhouettenfiguren. In dieser handwerklichen Tradition steht der erste lange Trickfilm des französischen Animationskünstlers Antoine Lanciaux. Mit seinem Team arbeitete er etliche Jahre an dem Stop-Motion-Film Die Schatzsuche im Blaumeisental, in dem „Puppenfiguren“ sich wie bei Reiniger vor flachen Hintergründen bewegen. Das ist heute eine große Besonderheit, entstehen doch im digitalen Zeitalter die meisten Animationsfilme weitgehend im Computer.
Unter der Regie von Lanciaux fertigten die Animationskünstler Figuren, Kulissen und Requisiten aus Papier, Kartons und Stoffen, die sie dann Bild für Bild auf Multiplan-Glasplatten arrangierten, bewegten und abfilmten. Allein 17 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren damit beschäftigt, fast 2000 bewegliche Puppenfiguren herzustellen, wobei jede der von Sophie Roze entworfene Figur in etlichen Varianten gefertigt wurde. Die analoge Herstellung in Zehntausenden Stunden Handarbeit entfaltet am Ende eine charmante Atmosphäre und leise Poesie, die sich angenehm vom unterkühlten Design vieler aktueller digitaler Trickfilme abheben.
Die neunjährige Lucie fährt in den Sommerferien allein mit dem Zug aufs Land. Sie will zu ihrer Mutter Caroline, die in ihrem Heimatdorf Bectoile eine Ausgrabung in einer verfallenen Burg leitet. Nachdem Caroline sie mit dem Moped am Bahnhof abgeholt hat, findet Lucie einen verletzten jungen Dachs, den sie im Bauernhof gesundpflegen will, in dem ihre Mutter nun wohnt. Im Bauernhof lernt sie Yann, den jugendlichen Enkel der Bauern, kennen, der handwerklich sehr begabt ist und schon Traktor fahren kann. Die beiden freunden sich an und erleben zusammen dem großen Hund Mandrin einige Abenteuer, bei denen immer wieder zwei rätselhafte Blaumeisen eine Rolle spielen. Die beiden locken die Kinder an einem einsamen See im Wald, an dem ein Wohnwagen steht, in den sich ein skurriler alter Einsiedler zurückgezogen hat. Lucie hält ihn für einen Zauberer und bringt das Dachsjunge zu ihm. Und tatsächlich kann er das Tier heilen. Derweil hat Caroline mit ihrem Mitarbeiter Pierrot im Burghof eine Krypta freigelegt. Dabei hilft auch Yann aus, der hofft, in der Ruine einen Schatz zu finden, der laut einer Sage dort versteckt sein soll.
Die zweite Besonderheit des Langfilmdebüts von Lanciaux, der seit den 1990er Jahren als Drehbuchautor, Storyboarder und Animator für das namhafte Trickfilmstudio Folimage arbeitet, liegt auf der narrativen Ebene. Im Unterschied zu den allermeisten jüngeren Trickfilmen kommt es ohne Antagonisten und überzogene dramatische Zuspitzungen aus. Gleichwohl müssen die Zuschauerinnen und Zuschauer nicht auf Spannungsmomente verzichten, für die sonst allerlei Bösewichter und Widersacher sorgen. Hier entstehen sie zum Beispiel einfach aus Naturereignissen wie etwa ein Gewitter, aus Albträumen oder Konflikten zwischen den Figuren. Weil die Gefahren eben nicht überlebensgroß sind und die Hindernisse aus dem erwartbaren Lebensumfeld Lucies stammen, können sich junge Kinobesucherinnen und -besucher umso leichter mit ihr identifizieren.
Eine wichtige Rolle spielt im Film der Chanson-Klassiker La Mauvaise Réputation(zu deutsch: Der schlechte Ruf) des französischen Sängers Georges Brassens aus dem Jahr 1952, der bissige Kritik an Vorurteilen und am gesellschaftlichen Anpassungsdruck auf Nonkonformisten übt. Im Film schlägt das Lied eine Brücke zwischen Lucie und der Außenseiterfigur des „Zauberers“, der ein belastendes Geheimnis mit sich herumschleppt.
Der Film, der auf dem Lucas Filmfestival 2025 in Frankfurt am Main den Publikumspreis gewann, richtet sich schon aufgrund seiner ästhetischen Machart und überschaubaren Erzählbögen in erster Linie an ein junges Publikum, fasziniert mit seiner Abenteuerlust und Detailliebe auch erwachsene Zuschauende. Wer genau hinschaut, entdeckt in dem Film, der auf dem renommierten Animationsfilmfestival in Annecy uraufgeführt wurde, immer wieder neue reizvolle Einzelheiten: Da hüpfen am Bildrand etwa kleine Frösche zwischen Schilfrohren in einen See, oder ein Dachselternpaar späht am Wegesrand hinter Baumstämmen nach den vorbeieilenden Menschen. Und durch einen Kuhstall schwirren kleine Fliegen. Nicht zuletzt überträgt sich die unbändige Entdeckerfreude der Kinder schnell auch auf Erwachsene.
Vom deutschen Verleihtitel sollte man sich nicht übrigens in die Irre leiten lassen. Es geht hier nur am Rande um eine Suche nach einem Schatz, der vor allem dem ungestümen Yann keine Ruhe lässt. Vielmehr stößt Lucie in Bectoile auf Spuren traumatischer Ereignisse in der Familie, die bis zum zweiten Weltkrieg zurückreichen, und deckt gleichsam verschüttete familiäre Verbindungen auf.
Insgesamt entfaltet der Film, der gegen Ende sogar märchenhafte Züge annimmt, eine Atmosphäre der Geborgenheit: Im Blaumeisental sind große und kleine Menschen und die Tiere durchweg hilfsbereit. In einem solchen Umfeld kommt auch der Humor nicht zu kurz: Besonders charmant gerät der Dauerzwist und Yann und der Gans Zerbinette, die immer wieder den Traktor von Yanns Großeltern besetzt, um dort ein Ei zu legen, womit sie den Unmut des Teenagers erregt, der den Traktor als sein Revier betrachtet und die Gans – erfolglos – zu vertreiben versucht.