| Deutschland 2025 · 86 min. Regie: Lukas Röder Drehbuch: Lukas Röder Kamera: Luis Dickhaut Darsteller: Heike Hanold-Lynch, Til Schindler u.a. |
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| Filmen um zu überleben | ||
| (Foto: MissingFilms) | ||
Handyaufnahmen als Widerstand gegen die Gewalt: Wenn derzeit in Minneapolis Mobiltelefone als virtuelle Schilde gegen die Schläge der ICE-Leute hochgehalten werden, ist dies ein Akt der Selbstverteidigung. Der junge Filmemacher Lukas Röder setzt nun in Scham die Wehrhaftigkeit des Mediums, das jeder und jede zur Hand hat, als poetologisches Prinzip ein. In einem konzentrierten Kammerspiel lässt er den Sohn gegen die Mutter antreten. Es geht um eine Gewaltspirale, die Aaron als Kind erlitten hatte, darum, wie er die Gewalt weitergegeben hat und wie die Übergriffe, die er erleben musste, zu neuen Übergriffen führten. Aaron, das Kind und der Erwachsene, war nie nur Objekt der Gewalt. Er wurde auch zum Täter, zum Peiniger. Indem er nun seine Handykamera auf seine Mutter richtet, zeigt sich diese ganze Ambivalenz des Täter-Opfer-Verhältnisses. Über Jahre ist Aaron nicht in sein Heimatdorf in den bayerischen Bergen zurückgekehrt. Jetzt sitzt er mit der Mutter in der guten Stube und will sie endlich zur Rede stellen. Ich filme, also bin ich. Aaron hat überlebt.
Lukas Röder geht all in. »Schonungslos« ist ein Adjektiv, das für seinen von Philipp Gröning und Felix Stegmann produzierten Abschlussfilm an der HFF passen könnte, »mutig« ein anderes. Und schließlich: »radikal«. Der Dreiklang erhebt Röder zu einem der interessantesten deutschen Nachwuchsregisseure. Die dramaturgische Intensität von Scham erinnert an die Psychodramen eines Ingmar Bergman, die Präsenz der Schauspieler an die zerrissenen Fassbinder-Figuren, das sich immer weiter in die Untiefen der Psyche schraubende Drehbuch an die intellektuell-abgründigen Planspiele der Erwachsenen bei Lars von Trier.
Gegen Aaron, den jungen Filmemacher, der seine Mutter zur Rede stellt und dabei seine Handykamera auf sie richtet, wehrt sich die Mutter – auch sie nimmt ihr Handy, filmt ihn. Bemerkenswert ist, dass sich die Mutter verteidigt, das Mother-Blaming, in dem sie für alles schuldig gesprochen wird, nicht so stehen bleibt.
Röder bringt diese Figurenpsychologie in eine Schuss-Gegenschuss-Logik – die Bilder gehorchen meist dem konsequenten Point-of-View. Als hochgradig verdichtendes Splitscreen geben sie keiner Perspektive den Vorzug. Auch der französische Gaspar Noé hat diese oftmals verschmähte Ästhetik – schließlich wird der Blick nicht mehr kontrolliert, sondern lässt einem die Wahl – konsequent eingesetzt. Aufgelöst wird unter dem doppelten Bild die Richtigkeit eines Standpunktes: Es gibt immer zwei Seiten einer Geschichte, das eine Bild ist nicht absolut, nur in Relation zum anderen zu verstehen. Hin und wieder legt die nicht filmgeübte Mutter das Handy zur Seite. Das Bild des Sohnes wird nun dominant – und der eingeschränkte Blickwinkel lässt sofort erkennen, dass etwas fehlt.
Anfänglich muss man sich erst einmal daran gewöhnen, dass es hier keinen leading character und keine Zentralperspektive gibt. Bald aber entwickelt der Film einen Sog gnadenloser Unentrinnbarkeit. Dies verdankt sich den virtuosen Dialogen von Lukas Röder und dem intensiven Spiel der Schauspieler*innen, die dafür mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet wurden. Til Schindler spielt Aaron als abgründige Vexierfigur. Blonde Locken rahmen sein stupsnasiges, junges und unschuldiges Gesicht, er steckt in einem rosafarbenen Pulli. Er ist der mit der schweren Kindheit. Ihm gegenüber: die Mutter. Heike Hanold-Lynch verkörpert sie mit einer bewundernswerten Uneitelkeit, sie lässt sich von unten und grimassierend filmen, No-Gos in unserer Welt der Influencer-Ästhetik.
Röder inszeniert seinen Film konsequent als Zweistimmigkeit, dabei eher als Duell, denn als Duett – die finale Versöhnung von Mutter und Sohn entfällt. Wohltuend auch, dass Röder sich vom deutschen Schreikino fernhält, das meint, Emotionen durch allzu viel Acting hervorbringen zu können. Scham ist leise und eindringlich, nichts anderes ist zu hören als das Sprechen, auch keine untermalende Musik. Die figurengeführten Bilder kriechen direkt in das Gegenüber hinein, als Erkundung, aber auch als Selbstverteidigung: Ich filme dich und halte fest, wie mein Angriff auf deinem Gesicht Spuren hinterlässt. Wenn die Figuren weinen, dann rinnen die Tränen die Wangen hinunter, still löschen sie den inneren Aufruhr.
Emotionsgeladene Dialoge mit heftigen Missbrauchsinhalten werden mit großer Natürlichkeit vorgebracht. Nichts bleibt einem erspart, der Film ist auch eine Geisterbahnfahrt hin zum Monströsen. Von den Schlägen der Mutter geht es immer tiefer in die Dunkelheit hinab, in eine Kindheit ohne Trost. Nur wenige Schnitte unterbrechen die One-Shot-Ästhetik, hier gibt es nichts, was die Textbewältigung leichter macht.
Die Figuren führen die Kamera ihrer Handys mit eigener Signatur. Die Mutter hält fahrig die Linse ihres iPhones auf den Sohn, immer wieder entgleitet ihr das Bild, dann filmt sie aus Versehen die Jeans, die Decke, die Lampe. Der junge Filmemacher-Sohn kadriert, lehnt das Handy an eine Tasse, damit hat er die Hände frei. Die Mutter erscheint aus seinem Blickwinkel in einer hierarchisch ambivalenten Unterperspektive – der Sohn ist der Unter- und Überlegene zugleich. Er, ein strauchelnder Erwachsener, kaum seiner Adoleszenz entschlüpft, filmt mit einem alten Nokia C5, das noch die gefürchteten Pixel-Bilder erzeugte. Mit Low-Tech und radikalen Point-of-View-Shots macht sich Röder bestimmt nicht lieb Kind. Auch das macht seinen Film mutig.
Scham erzählt nicht nur von familiären Entgleisungen, er manifestiert auch eine seltene, schonungslose Dringlichkeit des Filmemachens, die von Figurenebene aus auch für den Regisseur gedacht werden muss. Bereits Röders Kurzfilme Gehirntattoo und Langer langer kuss stülpten das Innere seiner Figuren nach außen, ohne jedoch zu Psychogrammen oder gar einem therapeutischen Kino zu geraten. Wenn Röder Scham »autofiktional« nennt, gibt er Auskunft über seine Betroffenheit, die er mit den Figuren teilt, und über die Verve seines Filmemachens. Vieles seien aber auch »phantasiereiche Grunderfahrungen«, daran arbeite er sich ab, sagt er nach der Premiere in München. Röder lotet das Kino als psycho-ästhetischen Erfahrungsraum aus.
Die groben, immer wieder falsch kadrierten, oft pixeligen Handy-Aufnahmen schaffen eine raue Textur der Gewalt. Der verhandelte Inhalt, die Vor- und Anwürfe, die Offenbarungen und Anschuldigungen werden auf diese Weise unmittelbar sinnlich, subkutan fühlbar, anschaubar – während der Film auf explizite Darstellungen des Gesagten verzichtet. Keine einzige Rückblende versucht, objektive Wahrheit zu finden, zu illustrieren oder das Gesagte zu korrigieren. Wir leiden weder mit dem kleinen Kind noch mit der jungen, herausgeforderten Mutter. Wir begegnen den Figuren in einem Reifeprozess, in dem das Erlebte verarbeitet wird.
Am Schluss fährt Aaron im Zug zurück durch die verschneite Winterlandschaft. Die rauen Berge türmen sich schroff am Horizont; hier ist keine Idylle, nirgends. Dazu, zum ersten Mal, Musik. Energiegeladener, wütender Punk. Sie wirft einen hinaus aus diesem Heimatfilm, der Scham auch ist, und lässt einen mit den eigenen Abgründen zurück.
»Wir kommen um uns zu beschweren/«
Manche Leute melden sich/ am Telefon oft unfreundlich./
Sie wollen nämlich, daß wir hören/
wie sehr wir sie gerade stören./
Sie sind das Salz in unserer Wunde/
und daran gehen wir zu Grunde.
– Tocotronic»Ich trage dich wie eine Wunde«
auf meiner Stirn, die sich nicht schließt.
Sie schmerzt nicht immer. Und es fließt
das Herz sich nicht draus tot.
Nur manchmal plötzlich bin ich blind und spüre
Blut im Munde.
– Gottfried Benn, »Mutter« (1913)
Mütter. Wir alle kennen sie: Oft genug haben sie Erwartungen, die gar nicht zu erfüllen sind. Und umgekehrt verstehen die Kinder oft gar nicht, was denn die Mutter schon wieder von ihnen will. Später, im Erwachsenenalter ist dann alles verhärtet. Unveränderlich, routiniert noch im Streit und seiner Eskalation.
Hier aber liegt alles etwas anders, als wie man es zu kennen glaubt. Scham, das Debüt des Regisseurs Lukas Röder, sprengt den Rahmen üblicher Familienstreitigkeiten wie der Erwartungen, die die Zuschauer an ihre filmische Darstellung haben.
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Dies ist ein radikaler Film, ein intensiver Film. Ein Zweipersonenkammerspiel, das manche nach der Premiere gar mit Rainer Werner Fassbinders Melodram Die bitteren Tränen der Petra von Kant verglichen. Auch an Alexander Sokurovs Mutter und Sohn muss man denken. Einem anderen kam auch die introspektive Version von We Need to Talk About Kevin in den Sinn, in dem Lynne Ramsay »mit subversiver Gewalt von der Entfremdung zwischen Mutter und Sohn erzählte«.
Im Zentrum stehen Aaron, gespielt von Til Schindler, und seine Mutter Susanne, dargestellt von Heike Hanold-Lynch. Beide spielen schonungslos offen.
Aaron war als Kind Gewalt in verschiedensten Formen ausgesetzt. Jetzt kehrt er, nach Jahren des Schweigens, in sein Elternhaus auf dem bayerischen Land zurück. Er ist Künstler in Berlin und will nun seine Mutter mit vorbereiteten Fragen konfrontieren, um die Geschehnisse seiner Jugend zu rekapitulieren – für ein
Kunstprojekt, aber vor allem für sich selbst. Und vielleicht ist das Kunstprojekt sowieso nur ein Vorwand für die persönliche Aufarbeitung. In jedem Fall ist es ein guter Vorwand für den Einfall des Filmemachers, dass sich die Figuren mit Smartphones selber filmen.
Das ist unmittelbar, und hat etwas quasi-dokumentarisches, jedenfalls ungeschöntes.
Es verfremdet aber auch die Situation. Denn dieser Zusammenstoß ist auch im Film geplant, konstruiert, inszeniert.
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So sehen wir beide miteinander intensiv streiten: Der mittlerweile 28-Jährige Aaron erzählt offen von seiner Homosexualität, unglücklichen ersten Lieben, vor allem aber von Gewalt, die er außerhalb seiner Familie erfuhr, die er aber auch selbst verübte. Er spricht über die Enttäuschung über seine Eltern, die ihn nach seiner Ansicht abwiesen und ihm seelische wie körperliche Verletzungen zufügten.
Aaron hat die Hoffnung, dass sie irgendwie wieder zusammenfinden können, wenn nur einmal über alles gesprochen wurde.
»Kommt, reden wir zusammen, wer redet ist nicht tot«, schrieb Gottfried Benn sarkastisch. Denn was heißt schon reden? Das Aussprechen reißt auch alte Wunden auf, schafft erst neue.
Auch Mutter Susanne führt unerfüllte Erwartungen an, und beschreibt aus ihrer Sicht, wie sie ihren Sohn bösartig und hasserfüllt erlebt. Zwischen den beiden entwickelt sich ein Schlagabtausch.
Die Auseinandersetzung von Mutter und Sohn dreht sich im Kern um ihr Verhältnis aus offener Verbitterung und unausgesprochener Liebe, um die Abhängigkeit, die zwischen ihnen nach wie vor besteht.
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Es geht aber auch um die grundsätzliche Frage, ob man eigentlich alles bereden und durch Reden lösen kann, ob das wirklich Sinn macht, oder ob Schweigen und etwas auf sich Beruhenlassen nicht auch ein Wert sind.
Die implizit erhobene Behauptung, »dass Reden immer gut« sei und »Schweigen immer schlecht«, ist in dieser Pauschalität einfach sachlich falsch. Und sie ist respektlos gegenüber all jenen, die das Recht zu schweigen, das Recht auf Privatheit für sich in Anspruch nehmen,
auch gegenüber der eigenen Familie, die beschließen, nicht zu reden. Über Vergewaltigungen, Schläge, Seelenleiden, sexuelle Orientierung.
Das ist ein zeitloser Zweikampf, ein überzeitlicher Generationenkonflikt, aber auch ein sehr zeitgeistiger zwischen der »achtsamen«, »überempfindlichen« Generation Z und den »abgehärteten«, »unempfindlichen« Boomern: Denn die Mutter wirft ihrem Sohn vor, an der Vergangenheit zu kleben, weinerlich zu sein: »Kannst du mal aufhören mit deiner Jammerei...«
Der Vorwurf des Narzissmus an den Sohn steht im Raum und ist auch nicht so leicht von der Hand zu weisen. Wie wichtig sind Traumata und seelische Wunden wirklich? Im Verhältnis zum Rest des Lebens?
So ganz den populären Klischees entkommt der Film auch nicht immer, etwa wenn er die Homosexualität des Sohnes an Missbrauchserfahrungen und ein gestörtes Mutterverhältnis knüpft.
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Das ist alles überaus eindrucksvoll inszeniert: Es ist eine schlüssige Entscheidung des Regisseurs, größere Teile des Films im Splitscreen-Verfahren so zu erzählen, dass man gleichzeitig beide Gesichter der beiden Hauptfiguren sehen kann, also gewissermaßen zwei Bilder in einem hat.
Das ist ungewohnt und visuell aufregend. Eine Auseinandersetzung zwischen Seelenstriptease und Wahrhaftigkeitspathos. Den Titel darf man wörtlich nehmen: Es geht um Scham und ihre Überwindung. Für die Figuren, wie gelegentlich auch für die Zuschauer.
Beim Filmfestival Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken gewann Lukas Röder, ein Schüler Rosa von Praunheims und Philip Grönings, vor einem Jahr für sein Spielfilm-Debüt den Preis der Ökumenischen Jury, und erst in der vergangenen Woche wurden die beiden Hauptdarsteller Heike Hanold-Lynch und Til Schindler beim Bayerischen Filmpreis gemeinsam in der Kategorie »Entdeckung« für ihre schauspielerischen Leistungen ausgezeichnet. Die Ökumenische Filmjury in Saarbrücken lobte die gnadenlose Direktheit, mit der der Film auch die Wunden unserer Gesellschaft: Überforderung und enttäuschte Lebensmodelle aufgreift: »Ein Film, über den man reden muss!«