Sauna

Dänemark 2025 · 103 min. · FSK: ab 16
Regie: Mathias Broe
Drehbuch:
Kamera: Nicolai Lok
Darsteller: Magnus Juhl Andersen, Nina Rask, Dilan Amin, Klaus Tange, Peter Oliver Hansen u.a.
Sauna
So feinfühlig und behutsam beobachtet...
(Foto: Salzgeber)

In Schattenbildern

Die Romanverfilmung Sauna erzählt von queeren Räumen, Stereotypen und Ausgrenzung und wählt dafür eine Ästhetik der Dunkelheit

Sauna beginnt mit dem verwehrten Sehen. In einem Darkroom ziehen nur verein­zelte kleine Lichter an der Kamera vorbei. Kurz wird ein mensch­li­cher Körper sche­men­haft sichtbar. Ein Auge spannt schim­mernd durch eine Öffnung. Ein Stöhnen wird laut. Mathias Broe lässt das Publikum in den Reiz der anonymen sexuellen Begegnung eintau­chen. Die Irri­ta­tion seiner Roman­ver­fil­mung beginnt jedoch dann, wenn Sauna diesen anfäng­li­chen Raum verlässt und sich die halbe Welt in einen einzigen großen Darkroom zu verwan­deln scheint.
Immer wieder versinken Figuren in Schat­tie­rungen. Szenen bei Tages­licht sind rar gesät. Weite Strecken des Films spielen sich im Halb­dunkel ab. Nur wenige ange­schal­tete Lampen sind bisweilen in den Zimmern drapiert, um Kontraste und Gegen­lichter in den stim­mungs­vollen Bildern zu kreieren. Menschen erscheinen dadurch als Schat­ten­risse. Ihre Gesichter verwan­deln sich andauernd in raue, expres­sive Reliefs. Eine späte Rückkehr zu den sexuellen Akti­vi­täten im Darkroom wird zu einem Spektakel bläulich und blass schim­mernder Haut- und Körper­teile. Die ästhe­ti­sche Fins­ternis legt sich wie ein schüt­zendes Gewand um die Charak­tere. Sie verleiht ihnen eine Unnah­bar­keit und Diskre­tion, gerade dann, wenn sie sich psychisch und physisch vor der Kamera entblößen.

Und doch sind diese schumm­rigen Bilder ebenso wenig vom Eindruck des Betrübten, Melan­cho­li­schen und Hoff­nungs­losen zu trennen. Ihre Düsternis wird zum formalen Ausdruck einer ange­strengten Iden­ti­täts­fin­dung und kriselnden Beziehung, die nach und nach erkennen muss, dass ihr Heraus­fallen aus einer Norm und ihre Rebellion dagegen tiefere Wunden hinter­lassen, als sie sich anfäng­lich noch einge­stehen will.

Sauna erzählt von einem jungen Mann, Johan, der in einer Kopen­ha­gener Sauna für schwule Männer arbeitet. Adonis, so heißt das Etablis­se­ment. Nachts feiert man und vergnügt sich. Tagsüber werden die übrig­ge­blie­benen Spuren von den Wänden und Böden beseitigt. Zwischen Partys und Grindr-Dates lernt Johan einen Transmann namens William kennen. Aus dem flüch­tigen Vergnügen und der Einsam­keit entwi­ckelt sich schnell eine intime Verbin­dung. Beide verlieben sich inein­ander und beginnen eine Affäre, die schon bald vom Unifor­mi­täts­druck, den Rollen­bil­dern und Grup­pen­dy­na­miken ihres sozialen Umfeldes über­schattet wird.

Diskri­mi­nie­rung in der queeren Szene

Mathias Broes Roman­ad­ap­tion schafft sich selbst eine große Fallhöhe. Queeres Kino, das sich nicht allein mit Heile-Welt-Botschaften und groß ausge­stelltem Empower­ment präsen­tiert, wird in der heutigen Rezeption gern auch mit Miss­trauen beäugt. Bei Werken wie dem gran­diosen All of Us Strangers sind hier und da etwa kriti­schere Stimmen zu vernehmen, die dem Film selbst eine diskri­mi­nie­rende oder homophobe Attitüde unter­stellen, nur weil er seine queeren Figuren leiden lässt, ihnen kein Happyend beschert oder zeigt, dass Margi­na­li­sie­rung oder verin­ner­lichte Scham so tief sitzen können, dass sie sich gerade nicht einfach so aus dem Leben verbannen lassen. Als ob nicht gerade auch das Vorführen solcher Zustände, Probleme und Erfah­rungen ein immens konfron­ta­tives und befrei­endes Potential bergen könnte!
SAUNA ist ein Film, der die Leben seiner queeren Charak­tere nie skan­da­li­siert, sondern ganz unauf­ge­regt als eine Norma­lität porträ­tiert. Ein eher düsteres, melan­cho­li­sches Werk ist das dennoch. Er macht sich keine Illu­sionen, dass auch innerhalb queerer Schutz­räume und Commu­ni­ties diskri­mi­nie­rende Struk­turen, Rollen­bilder und Ideale vorherr­schen können, die wiederum ihre ganz eigenen Aus- und Abgren­zungen schaffen. Dass das so fein­fühlig und behutsam beob­achtet wird, ist die große Stärke von Regisseur Mathias Broe und Dreh­buch­autor William Lippert. „Fuck The Cistem“, steht in diesem dänischen Film an der Wand. Aber wem ist mit solchen Parolen geholfen? Wie steht es um die Realität dahinter?

Mit der Liebe zwischen Johan und William prallen zwei Welten verun­si­chert aufein­ander. Es geht um die Konfron­ta­tion mit einer Identität und einem Körper im Übergang. Intime Szenen umfassen hier etwa das Einmas­sieren einer Testos­teron-Creme in die Ober­schenkel. Johan lernt dazu die Beschwer­lich­keiten und syste­mi­schen Hürden kennen, die William während der Geschlechts­an­glei­chung über­winden muss. Aber findet William umgekehrt Platz in der cis-männ­li­chen Welt des neuen Partners? So nah sich die Figuren kommen, so illu­so­risch erscheint irgend­wann die naive Vorstel­lung eines reibungs­losen Happyends für die beiden.

Schutz­räume im Wandel

Die unter­schied­li­chen queeren Räume selbst, vor allem die titel­ge­bende Sauna, bekommt der Film derweil nur ober­fläch­lich zu fassen. Er will sich gegen­wärtig geben und eine Zeit einfangen, in der sowohl das Online-Dating als auch die spontane leib­haf­tige Begegnung in neue Unsi­cher­heiten, Selbst­re­fle­xionen und Aushand­lungen bezüglich der Geschlech­ter­bilder und Klischees kippen. Jeremy Atherton-Lin hat vor einigen Jahren mit Gay Bar: Why We Went Out ein lesens­wertes Buch geschrieben, das aus persön­li­cher Sicht auf struk­tu­relle Umwäl­zungen und das Sterben queerer Örtlich­keiten und Räume blickt. Neuere Diskus­sionen, wer in diesen Räumen Platz hat und wer nicht, welche neuen Iden­ti­täts­kon­flikte dabei eine Rolle spielen, finden darin ebenso Erwähnung.

Nun muss das Kino kein Sach­buch­ersatz sein, aber es ist schade, dass Sauna ein wenig der umfas­sen­dere und diffe­ren­zier­tere Blick über seine Schau­plätze fehlt, wenn­gleich er um viele Konflikte und Schat­ten­seiten weiß. Der Film belässt es bei vielen nahe­lie­genden, flüch­tigen Eindrü­cken: Barge­spräche, Tanzen im bunt flackernden Licht oder der schon erwähnte Sex im Darkroom. Das ist ein sehr eng gefasster, viel­leicht sogar ein wenig aus der Zeit gefal­lener Blick auf solche Motive. Also klammert man sich an die übrigen Quali­täten dieses Films, die sich vor allem in einigen Dialogen und Charak­ter­mo­menten entfalten, die so großartig die Zöger­lich­keit und das vorsich­tige Heran­tasten der Figuren einzu­fangen wissen. Bei einem Strand­aus­flug etwa, eine der symbol­trächtig hellsten Sequenzen des Films, oder einem Liebes­be­weis der ganz beson­deren Art, der auch vor der Krimi­na­lität nicht Halt macht. An diesem Punkt ist schon längst wieder nur ein winziger Licht­klecks auf der Leinwand zu sehen.