| Deutschland/Österreich 2025 · 94 min. · FSK: ab 12 Regie: Markus Schleinzer Drehbuch: Alexander Brom, Markus Schleinzer Kamera: Gerald Kerkletz Darsteller: Sandra Hüller, Caro Braun, Godehard Giese, Maria Dragus, Robert Gwisdek u.a. |
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| Festgebissen am Schicksal | ||
| (Foto: Piffl · Schubert, ROW Pictures, Walker+Worm Film, Gerald Kerkletz) | ||
Sie hat im Dreißigjährigen Krieg gekämpft und will nun sesshaft werden, ein Landgut betreiben. In der Tasche hat sie eine Urkunde, die bezeugt, dass sie rechtmäßigen Anspruch auf den kargen Gutshof hat. Die Leute sind misstrauisch. Sie misstrauen dem Draufgänger, der verwegen an einer Bleikugel kaut, die er an einer Kette um den Hals trägt, die Wange von einem tiefen Schmiss gezeichnet. Breitbeinig steht er vor ihnen und will sich in die Dorfgemeinschaft einschleichen.
Sie und er, das figurale Vexierspiel ist von Beginn an die doppelte Perspektive, die der Österreicher Markus Schleinzer für seinen neuen Film wählt. Beziehungsweise schlägt er sich auf die Seite der Frau, wie der Titel Rose, der ihren Namen trägt, bereits verrät. Der Mann, in dem sich Rose verbirgt, bleibt hingegen namenlos – obgleich er Wundertaten vollbringt: einen Bären tötet, die Landwirtschaft ertragreich macht, Reichtum ins Dorf schafft und den Frauen und Männern das Lesen beibringt. Alles Taten, die in der protestantischen Gemeinschaft und der von der Religion gepredigten Leistungsethik hohes Ansehen einbringen. Die Moritaten von Rose werden als Lieder und Wandillustrationen festgehalten, gesungen wird von ihnen – aber nicht von ihr, und auch nicht von ihm.
Diese Lücke ist genau das, worum es geht, und der Wissensvorsprung, den Schleinzer seinem Publikum gibt. Nicht die Zuschauenden sollen Rose allmählich erkennend enttarnen, so wie es die Dorfbewohner tun. Den Zuschauern gibt Schleinzer andere Aufgaben, interessantere womöglich, jenseits der Kolportage, die die Entlarvung einer Frau in Männerkleidern unweigerlich ist. So sehen wir dem Kapitalismus bei seiner Geburtsstunde zu: Wer mehr hat, will mehr haben, will expandieren, den Reichtum und das Ansehen vergrößern, Macht gewinnen. Auch können wir menschliches Verhalten beobachten, der Dörfler angesichts des fremden Eindringlings, der außerhalb jeder Norm steht, und unsere Schlüsse, auch für die heutige Zeit, ziehen. Die Dreistigkeit, das Draufgängertum fallen auf, und der unerhörte Mut des Neuen – den sie schließlich durch eine lukrative Heirat zu einem der Ihren machen wollen.
Es ist leicht zu erahnen, was folgt. Auch hier arbeitet der Film mit einem Wissensvorsprung der Zuschauer: Wer im 17. Jahrhundert eine falsche Identität führt, kann sich seines Leibes nicht sicher sein. Die Cross-Gender-Performance von Sandra Hüller als Gutsherr Rose oszilliert dabei beständig. Die Hüller – der Artikel sei als Verbeugung zu verstehen, belohnt wurde sie mit einem Silbernen Bären, auch den hat sie sozusagen siegreich erlegt – spielt eine Frau, die einen Mann mimt – das ist weitaus komplexer als »normale« Hosenrollen, in denen die Frau erst einmal nicht mitgedacht werden soll.
Schleinzer interessiert weniger der aufregende Gang seiner Geschichte als vielmehr die – vorhersehbaren – gesellschaftlichen Mechanismen, die hier greifen. Vom Mob, der das Haus umstellt und der enttarnten Rose nach dem Leben trachtet, bis zur richterlichen Untersuchung, die allerhand Hilfsmittel der Täuschung zum Vorschein bringt, wird hier vor allem das Imaginäre gerichtet. Wie wäre es, sich eine andere Identität geben zu können? Judith Butlers »Performing Gender« drängt sich geradezu auf, nachdem das Geschlecht kulturell geformt, eingeübt und zugeschrieben wird. Friedlich zu leben, der Gesellschaft Gutes zu tun, ist ein utopischer Horizont in einer Welt am Rande der großen europäischen Kriege. Die Beinkleider haben es Rose möglich gemacht.
Einmal sagt Rose zu seiner Frau: Vertrauen und ein Geheimnis zu teilen würden angstlose Freiheit verschaffen. Nach dem Desengaño, dem Ent-Täuschen von Suzanna (Caro Braun) spüren wir förmlich, wie in dieser sanft vom Wind gestreichelten Wiese alle Last abfällt, wie inmitten der Blumen zwei Menschen zueinander finden. Und dennoch bleibt alles unkitischig.
Kameramann Gerald Kerkletz, der auch die Filme von Daniel Hoesl fotografiert, fängt die Welt der frühen Neuzeit meist in einem schmutzigen Schwarzweiß ein, das stark an Alexey Germans dystopischen Es ist schwer, ein Gott zu sein (2013) erinnert. Der russische Film spielt im späten Mittelalter, die Menschen versinken im Schlamm; Kot und Inzucht allüberall. Oder man denkt unwillkürlich an die Strenge des Schwarzweiß bei Michael Hanekes Das weiße Band, wo Schleinzer das Kinder-Casting verantwortete. Auch Schleinzer lässt seine Figuren im kontrastreichen Schwarzweiß gefangen sein, auch metaphorisch, findet aber immer wieder zu lichtvollen Momenten, zu einer großen Poetik der Bilder, die auf ein Ende der Dichotomien hoffen lässt.
Wie in seinem starken Debüt Michael (2011) über einen Kinderschänder (honi soit qui mal y pense), hat Markus Schleinzer auch für Rose erst einmal viel recherchiert. Seiner Rose sind zugrundegelegt zahlreiche Überlieferungen von Frauen, die sich im 17. Jahrhundert als Männer ausgaben, er ist in die Landwirtschaft von damals eingetaucht, hat Methoden, Bräuche und Werkzeuge studiert. Seine Figuren sprechen ein eigenartiges, gewundenes, altes Deutsch, einer der schönsten gestalterischen Aspekte, die Schleinzer ersonnen hat. Den protestantischen Hintergrund hat er in die Geschichte hineinverwoben und lässt den Kapitalismus erahnen – seine Rose wird als Overachiever auch entromantisiert.
Dass sich scheinbar ein paar Wunder ereignen, ist tatsächlich das zunächst Wunderbare in diesem stark realitätsverankerten Film. Aber niemanden erstaunt es, dass am Ende dann doch alles einen Grund hat.