Rose

Deutschland/Österreich 2025 · 94 min. · FSK: ab 12
Regie: Markus Schleinzer
Drehbuch: ,
Kamera: Gerald Kerkletz
Darsteller: Sandra Hüller, Caro Braun, Godehard Giese, Maria Dragus, Robert Gwisdek u.a.
Rose
Festgebissen am Schicksal
(Foto: Piffl · Schubert, ROW Pictures, Walker+Worm Film, Gerald Kerkletz)

Die Rose der Freiheit

Sandra Hüller spielt eine Frau im 17. Jahrhundert, die einen Mann mimt – Markus Schleinzers realitätsnahes Vexierspiel zeigt die Zeit, als die Welt zur Ruhe kommt – und in den Kapitalismus einbiegt

Sie hat im Dreißig­jäh­rigen Krieg gekämpft und will nun sesshaft werden, ein Landgut betreiben. In der Tasche hat sie eine Urkunde, die bezeugt, dass sie recht­mäßigen Anspruch auf den kargen Gutshof hat. Die Leute sind miss­trau­isch. Sie miss­trauen dem Drauf­gänger, der verwegen an einer Bleikugel kaut, die er an einer Kette um den Hals trägt, die Wange von einem tiefen Schmiss gezeichnet. Breit­beinig steht er vor ihnen und will sich in die Dorf­ge­mein­schaft einschlei­chen.

Sie und er, das figurale Vexier­spiel ist von Beginn an die doppelte Perspek­tive, die der Öster­rei­cher Markus Schleinzer für seinen neuen Film wählt. Bezie­hungs­weise schlägt er sich auf die Seite der Frau, wie der Titel Rose, der ihren Namen trägt, bereits verrät. Der Mann, in dem sich Rose verbirgt, bleibt hingegen namenlos – obgleich er Wunder­taten voll­bringt: einen Bären tötet, die Land­wirt­schaft ertrag­reich macht, Reichtum ins Dorf schafft und den Frauen und Männern das Lesen beibringt. Alles Taten, die in der protes­tan­ti­schen Gemein­schaft und der von der Religion gepre­digten Leis­tungs­ethik hohes Ansehen einbringen. Die Moritaten von Rose werden als Lieder und Wand­il­lus­tra­tionen fest­ge­halten, gesungen wird von ihnen – aber nicht von ihr, und auch nicht von ihm.

Diese Lücke ist genau das, worum es geht, und der Wissens­vor­sprung, den Schleinzer seinem Publikum gibt. Nicht die Zuschau­enden sollen Rose allmäh­lich erkennend enttarnen, so wie es die Dorf­be­wohner tun. Den Zuschauern gibt Schleinzer andere Aufgaben, inter­es­san­tere womöglich, jenseits der Kolpor­tage, die die Entlar­vung einer Frau in Männer­klei­dern unwei­ger­lich ist. So sehen wir dem Kapi­ta­lismus bei seiner Geburts­stunde zu: Wer mehr hat, will mehr haben, will expan­dieren, den Reichtum und das Ansehen vergrößern, Macht gewinnen. Auch können wir mensch­li­ches Verhalten beob­achten, der Dörfler ange­sichts des fremden Eindring­lings, der außerhalb jeder Norm steht, und unsere Schlüsse, auch für die heutige Zeit, ziehen. Die Dreis­tig­keit, das Drauf­gän­gertum fallen auf, und der unerhörte Mut des Neuen – den sie schließ­lich durch eine lukrative Heirat zu einem der Ihren machen wollen.

Es ist leicht zu erahnen, was folgt. Auch hier arbeitet der Film mit einem Wissens­vor­sprung der Zuschauer: Wer im 17. Jahr­hun­dert eine falsche Identität führt, kann sich seines Leibes nicht sicher sein. Die Cross-Gender-Perfor­mance von Sandra Hüller als Gutsherr Rose oszil­liert dabei beständig. Die Hüller – der Artikel sei als Verbeu­gung zu verstehen, belohnt wurde sie mit einem Silbernen Bären, auch den hat sie sozusagen siegreich erlegt – spielt eine Frau, die einen Mann mimt – das ist weitaus komplexer als »normale« Hosen­rollen, in denen die Frau erst einmal nicht mitge­dacht werden soll.

Schleinzer inter­es­siert weniger der aufre­gende Gang seiner Geschichte als vielmehr die – vorher­seh­baren – gesell­schaft­li­chen Mecha­nismen, die hier greifen. Vom Mob, der das Haus umstellt und der enttarnten Rose nach dem Leben trachtet, bis zur rich­ter­li­chen Unter­su­chung, die allerhand Hilfs­mittel der Täuschung zum Vorschein bringt, wird hier vor allem das Imaginäre gerichtet. Wie wäre es, sich eine andere Identität geben zu können? Judith Butlers »Performing Gender« drängt sich geradezu auf, nachdem das Geschlecht kulturell geformt, eingeübt und zuge­schrieben wird. Friedlich zu leben, der Gesell­schaft Gutes zu tun, ist ein utopi­scher Horizont in einer Welt am Rande der großen europäi­schen Kriege. Die Bein­kleider haben es Rose möglich gemacht.

Einmal sagt Rose zu seiner Frau: Vertrauen und ein Geheimnis zu teilen würden angstlose Freiheit verschaffen. Nach dem Desengaño, dem Ent-Täuschen von Suzanna (Caro Braun) spüren wir förmlich, wie in dieser sanft vom Wind gestrei­chelten Wiese alle Last abfällt, wie inmitten der Blumen zwei Menschen zuein­ander finden. Und dennoch bleibt alles unki­ti­schig.

Kame­ra­mann Gerald Kerkletz, der auch die Filme von Daniel Hoesl foto­gra­fiert, fängt die Welt der frühen Neuzeit meist in einem schmut­zigen Schwarz­weiß ein, das stark an Alexey Germans dysto­pi­schen Es ist schwer, ein Gott zu sein (2013) erinnert. Der russische Film spielt im späten Mittel­alter, die Menschen versinken im Schlamm; Kot und Inzucht allü­berall. Oder man denkt unwill­kür­lich an die Strenge des Schwarz­weiß bei Michael Hanekes Das weiße Band, wo Schleinzer das Kinder-Casting verant­wor­tete. Auch Schleinzer lässt seine Figuren im kontrast­rei­chen Schwarz­weiß gefangen sein, auch meta­pho­risch, findet aber immer wieder zu licht­vollen Momenten, zu einer großen Poetik der Bilder, die auf ein Ende der Dicho­to­mien hoffen lässt.

Wie in seinem starken Debüt Michael (2011) über einen Kinder­schänder (honi soit qui mal y pense), hat Markus Schleinzer auch für Rose erst einmal viel recher­chiert. Seiner Rose sind zugrun­de­ge­legt zahl­reiche Über­lie­fe­rungen von Frauen, die sich im 17. Jahr­hun­dert als Männer ausgaben, er ist in die Land­wirt­schaft von damals einge­taucht, hat Methoden, Bräuche und Werkzeuge studiert. Seine Figuren sprechen ein eigen­ar­tiges, gewun­denes, altes Deutsch, einer der schönsten gestal­te­ri­schen Aspekte, die Schleinzer ersonnen hat. Den protes­tan­ti­schen Hinter­grund hat er in die Geschichte hinein­ver­woben und lässt den Kapi­ta­lismus erahnen – seine Rose wird als Overachiever auch entro­man­ti­siert.

Dass sich scheinbar ein paar Wunder ereignen, ist tatsäch­lich das zunächst Wunder­bare in diesem stark reali­täts­ver­an­kerten Film. Aber niemanden erstaunt es, dass am Ende dann doch alles einen Grund hat.