Primetime

USA 2026 · 111 min. · FSK: ab 12
Regie: Lance Oppenheim
Drehbuch:
Kamera: David Bolen
Darsteller: Robert Pattinson, Merritt Wever, Skyler Gisondo, Matthew Maher, Phoebe Bridgers u.a.
Primetime
Gesicht wie aus der Retorte: Pattinson spielt einen Moderator
(Foto: Leonine)

Das Böse zur besten Sendezeit

Eine Mediensatire als Horrorfilm

Primetime ist Medi­en­sa­tire, Thriller und Horror­film zugleich. Vor allem aber ist er eine Reflexion über das Böse, darüber, was wir eigent­lich meinen, wenn wir vom Bösen sprechen: von einem bestimmten Verhalten und seinen Folgen – oder von einer Kraft, die sich von Mensch zu Mensch überträgt und dabei ihre Gestalt verändert. Regisseur Lance Oppenheim inter­es­siert sich weniger für die Menschen und Psycho­logie als für das Maschi­nelle und Struk­tu­relle, das dahinter steckt. Denn das eigent­liche Problem der Medien ist die mediale Maschine, die – von »Tatort« bis »Akten­zei­chen XY ungelöst« – aus der Bekämp­fung des Bösen ein Geschäft und eine Form von Unter­hal­tung macht.

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Im Zentrum steht Chris Hansen, eine tatsäch­lich exis­tie­rende Figur der briti­schen Populär­kultur: der Moderator der erfolg­rei­chen NBC-Sendung aus den 2000er Jahren. Robert Pattinson spielt ihn als eine groteske Mischung aus Fern­seh­mensch, Ordnungs­hüter und Voyeur: geschnie­gelt, kontrol­liert, selbst­be­wusst – und doch von einem kaum zu verber­genden Hunger nach Aufmerk­sam­keit getrieben. Hansen tritt vor der Kamera als Mann auf, der andere Menschen zur Rechen­schaft zieht. Der Regisseur inter­es­siert sich also für diese Pose, nicht für den Menschen. Je länger man ihn beob­achtet, desto deut­li­cher wird, dass seine Autorität weniger aus mora­li­scher Über­le­gen­heit als aus der Macht des Fern­se­hens entsteht. Die Kamera macht ihn groß, seine Opfer klein. Was auf dem Bild­schirm wie souveräne Kontrolle aussieht, erweist sich außerhalb des Studios als Bedürf­tig­keit.

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Pattinson spielt Chris Hansen, den Moderator von »To Catch a Predator«, wie die Sendung tatsäch­lich hieß. Hier wurden poten­zi­elle Sexu­al­straf­täter in ein Haus gelockt und dann vor laufender Kamera entlarvt und der Polizei ausge­lie­fert. Voyeu­rismus pur, aber auch Verhin­de­rung von Verbre­chen – ein mora­li­scher Konflikt, der der Sendung Traum­quoten bescherte und sie kurz­zeitig zu einer regel­rechten Medi­en­sen­sa­tion werden ließ. Und eine ambi­va­lente ästhe­ti­sche Faszi­na­tion, die darin liegt, dass das Fern­seh­format chaotisch-abgrün­dige Realität und streng konstru­ierte Insze­nie­rung mitein­ander vermischt. Das Ergebnis ist ideal­ty­pi­sches Spek­ta­kel­fern­sehen.

Hansen liebt den Augen­blick, in dem er einen Verdäch­tigen konfron­tiert, dessen eigene Worte gegen ihn verwendet und dessen Verle­gen­heit vor laufender Kamera ausstellt. Sein eigent­li­ches Ziel ist nicht die Wahrheit, sondern die Bloßstel­lung.

Schon der Auftakt des Films stellt diese Umkehrung her: Ein poten­zi­eller Täter wird in ein präpa­riertes Haus gelockt; überall sind Kameras, jede Bewegung ist Teil eines vorbe­rei­teten Ablaufs. Hansen wartet auf seinen Auftritt. Der Mann, der glaubt, unbe­ob­achtet zu sein, ist längst zum Objekt einer medialen Insze­nie­rung geworden. Doch Oppenheim verschiebt die Perspek­tive: Nicht nur der vermeint­liche Täter wird beob­achtet, auch Hansen wird zum Unter­su­chungs­ge­gen­stand. Aus dem Blick des Fern­se­hens wird der Blick des Films auf das Fernsehen.

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Das Entschei­dende ist: Die mora­li­sche Berech­ti­gung des Ziels macht die Methode nicht auto­ma­tisch unschuldig. Hansen und sein Team konnten sich darauf berufen, Menschen aufzu­spüren, deren Verhalten zutiefst vers­tö­rend war. Aber sie machten aus diesen Menschen zugleich Material. Sie waren keine Personen mehr, sondern »Fänge«. Der extremste Ausdruck dieser Logik ist der Fall des Mannes, den das Team »The Whale« nannte und der sich 2006 das Leben nahm, als die Polizei ihn im Zusam­men­hang mit einer Aktion stellen wollte. Der Name sagt alles. Der Mensch verschwindet hinter dem Tier, das man erlegen möchte.

Primetime inter­es­siert sich genau für diesen Moment, in dem mora­li­sche Gewiss­heit in Voyeu­rismus kippt. Das Böse soll nicht nur bekämpft, sondern gesehen werden. Und weil es gesehen werden soll, muss es insze­niert werden. Aus der Aufklärung wird Show.

Das ist entschei­dend, weil »To Catch a Predator« selbst niemals reine Doku­men­ta­tion war. Die zu über­füh­renden Männer wurden über fingierte Online-Iden­ti­täten angelockt, die Begeg­nungen vorbe­reitet, die Räume mit Kameras ausge­stattet und die anschließenden Konfron­ta­tionen drama­tur­gisch orga­ni­siert. Hansen und sein Team präsen­tierten sich als Voll­stre­cker einer gesell­schaft­lich erwünschten Ordnung, doch die Sendung war zugleich ein kommer­zi­elles Unter­hal­tungs­format. Sobald das Format auf einen promi­nenten Sende­platz gelangt, tritt es in Konkur­renz zu fiktio­nalen Serien und Shows: Nicht nur die Verbre­chen werden zum Gegen­stand, sondern auch ihre mediale Verwer­tung.

Darin liegt das Unbehagen des Films. Die Realität des Verbre­chens wird nicht geleugnet, aber sie wird in eine Form gebracht, die konsu­mierbar ist. Montage, Musik, Kame­ra­per­spek­tiven und die wieder­holten Rituale der Enthül­lung schaffen Abstand zu dem, was auf dem Bild­schirm eigent­lich geschieht. Die Form macht das Vers­tö­rende anschluss­fähig. Sie verwan­delt mora­li­schen Schrecken in Fernsehen.

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Der Film übernimmt diese Logik zunächst selbst. Der Regisseur orien­tiert sich – schnelle Schnitte, platte Witze – genau an der Bild­sprache des Main­stream-Fern­se­hens und der Reality-TV-Shows der frühen 2000er Jahre. Oppenheim filmt Hansen und sein Umfeld in einer grellen, künstlich über­stei­gerten Ästhetik. Farben scheinen zu verlaufen, digitale Bilder bekommen die Anmutung beschä­digten Video­ma­te­rials, und die Montage erinnert bisweilen eher an YouTube oder einen fiebrigen Nach­rich­ten­sender als an klas­si­schen Doku­men­tar­film. Das ist kein realis­ti­scher Zugriff, sondern eine bewusste Verdre­hung des Bildes.

Besonders deutlich wird das an Hansen. Seine Vorbe­rei­tungen auf die Einsätze besitzen etwas beinahe Rituelles. Er liest die Nach­richten, die seine späteren Opfer geschrieben haben, immer wieder laut vor, als würde er sich in die Sprache der Männer hinein­bohren. Dabei verändert sich sein Gesicht. Die Kamera zeigt nicht einfach einen Jour­na­listen bei der Arbeit, sondern einen Menschen, der von seinem Gegen­stand erregt und geradezu hypno­ti­siert erscheint. Pattinson spielt Hansen deshalb nicht als eindi­men­sio­nalen Moderator. Er macht aus ihm eine beun­ru­hi­gende, manchmal groteske Figur, deren Bedürfnis nach Kontrolle und Aner­ken­nung ständig durch­scheint.

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Hier liegt aller­dings auch eine Schwäche des Films. Primetime inter­es­siert sich stärker für die mora­li­sche und ästhe­ti­sche Wahrheit seiner Geschichte als für deren doku­men­ta­ri­sche Rekon­struk­tion. Das Drehbuch verändert, verdichtet und erfindet Details. Wer den Film als histo­ri­sche Darstel­lung der tatsäch­li­chen Ereig­nisse betrachtet, könnte dadurch ein verzerrtes Bild erhalten. Gerade ange­sichts der realen juris­ti­schen und ethischen Fragen hinter den Lock­vo­gel­ope­ra­tionen wäre eine genauere Ausein­an­der­set­zung mit deren recht­li­chen Risiken inter­es­sant gewesen.

Weniger über­zeu­gend ist auch die Neben­hand­lung über Hansens Privat­leben und seine Untreue. Sie soll offen­kundig die Heuchelei eines Mannes sichtbar machen, der andere Menschen öffent­lich richtet, während er selbst seine mora­li­schen Maßstäbe im Privat­leben verletzt. Doch der Vergleich bleibt uner­quick­lich simpel. Fremd­gehen ist nicht die mora­li­sche Entspre­chung zu den Hand­lungen, die Hansen in seiner Sendung verfolgt. Die Konstruk­tion fügt der Figur deshalb kaum Erkenntnis hinzu; sie wirkt eher wie ein drama­tur­gi­scher Versuch, aus Hansen einen Schurken zu machen. Gerade das hat der Film eigent­lich nicht nötig.

Denn seine inter­es­san­tere Frage lautet ohnehin nicht, ob Chris Hansen ein schlechter Mensch ist. Sie lautet, was geschieht, wenn eine Gesell­schaft moralisch berech­tigte Empörung in ein Geschäfts­mo­dell verwan­delt. Selbst dort, wo die Ziele der Sendung auf Menschen gerichtet sind, deren Verhalten zu Recht Abscheu hervor­ruft, bleibt die Methode proble­ma­tisch. Das Gute wird nicht dadurch auto­ma­tisch gut, dass es sich gegen das Böse richtet. Auch die gute Absicht kann zum Rohstoff einer Industrie werden.

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In ähnlicher Weise hat bereits Danny Boyles Ink, vor drei Wochen Eröff­nungs­film der Film­fest­spiele von Venedig, die Grenze zwischen Nach­rich­ten­be­richt­erstat­tung und Spektakel, Unter­hal­tung und öffent­li­cher Bloßstel­lung ausge­lotet. Ink erzählt im Kern die Entste­hung des modernen Boule­vard­jour­na­lismus Ende der 60er Jahre. Robert Murdoch und sein »Sun«-Chef­re­dak­teur Larry Lamb erkennen, dass eine Zeitung nicht unbedingt dadurch erfolg­reich wird, dass sie die Welt »erklärt«, sondern dadurch, dass sie die Leser »packt«. Die Nachricht wird vom Inhalt zum Rohstoff, um eine Reaktion zu provo­zieren. Die »Sun« prak­ti­ziert in diesem Film keinen »schlech­teren« Jour­na­lismus, sondern entwi­ckelt eine andere Vorstel­lung davon, was Jour­na­lismus überhaupt ist. Die Nachricht soll emotional sein, erregend, und leicht vers­tänd­lich. Ink erzählt von dem Moment, in dem der Jour­na­lismus entdeckt, dass Menschen keine Infor­ma­tionen wollen, sondern Eska­pismus.

In der Gegenwart sehen wir, wohin das führt: Wenn man beide Filme zusam­men­nimmt, erzählen sie eine ziemlich düstere Geschichte der Medien – die Geschichte einer mora­li­schen Abwärts­spi­rale: Aus Infor­ma­tion wird Aufmerk­sam­keit, aus Aufmerk­sam­keit wird Erregung, aus Erregung wird Verdum­mung. Und die gibt wenigen Leuten zuviel Macht.