| Kolumbien/D/S 2025 · 123 min. · FSK: ab 16 Regie: Simón Mesa Soto Drehbuch: Simón Mesa Soto Kamera: Juan Sarmiento G. Darsteller: Ubeimar Rios, Rebeca Andrade, Guillerma Cardona, Allison Correa, Margarita Soto u.a. |
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| Ein einziges berührendes und beglückendes Langgedicht... | ||
| (Foto: jip film) | ||
Eigentlich ist Medellín ein Ort für Utopien und Utopisten. Das dachte jedenfalls Óscar Restrepo, der tragische Held in Simón Mesa Sotos nach Amparo zweitem Spielfilm Un poeta. Schon die melancholischen Saxophonklänge zu Beginn lassen dahinschmelzen und geben die Stimmung vor. Mit Anfang dreißig veröffentlichte Restrepo zwei erfolgreiche Lyrikbände. Jetzt, ein Vierteljahrhundert später, verstauben sie im Regal seiner Ex-Frau, die Óscar in herzlicher Abneigung zugetan ist, ebenso wie seine Teenager-Tochter Daniela (Allison Correa). Ihr Blick, als der verpeilte Vater mal wieder Geld bei ihr leihen will, spricht in seiner Mischung aus Verachtung und Mitleid Bände. Wie sein Vorbild, der modernistisch-symbolistische Dichter José Asunción Silva (1865-1896), hätte er sich auf dem Höhepunkt seines Ruhms umbringen und damit unsterblich werden sollen, denkt Óscar in seinen dunkelsten Stunden. Und die hat er häufig, etwa wenn er den verhassten kolumbianischen Literatur-Nobelpreisträger Gabriel García Márquez auf dem 50.000-Peso-Schein erblickt, wenn er sich allabendlich betrinkt und in Rage redet oder seine missgünstigen alten Schriftstellerkollegen im Haus der Poesie trifft. Aus Geldmangel musste Óscar wieder bei seiner Mutter einziehen, was den Verwandten ein Dorn im Auge ist. Auf Vermittlung seiner Schwester Yolanda soll Óscar ab sofort an einer weiterführenden Schule Poesie unterrichten – ein Albtraum für ihn.
Niemand spricht das Wort »Poesia« so dezidiert und leidenschaftlich aus wie Ubeimar Rios in der Rolle des Óscar, und niemand kann so ausdauernd »No!« schreien und dabei durch die Straßen Medellíns rennen wie er. In einem Wechselbad aus Selbstmitleid und Selbstüberschätzung ist er immer kurz vor den Tränen oder einem Wutausbruch. Ubeimar Rios ist der Onkel eines Freundes von Simón Mesa Soto und erweist sich für den Film als Glücksfall. Im wirklichen Leben unterrichtet der stupende Laiendarsteller an einer Schule in der Nähe von Medellín und schreibt für eine Lokalzeitung. »Óscar war im Drehbuch eine wenig liebenswerte Figur«, erinnerte sich der Regisseur in einem Interview, »aber Ubeimar brachte eine Menschlichkeit ein, die nicht geschrieben war. Während des Drehs schlossen alle am Set ihn ins Herz. Seine Präsenz machte die Figur weicher und trotz ihrer Fehler sympathischer.«
Óscars rotweißkarierte Hemden und das rote Auto seiner Mutter, das ihm als Zufluchtsort dient, spiegeln die Grundfarbe dieses außergewöhnlichen filmisch-poetischen Werks. Gegliedert ist es in vier Kapitel mit Überschriften wie »Opus magnum« oder »Die Kunst wird uns retten«: Rot steht als Warnfarbe für eine gefährdete Existenz, aber ebenso für das sauerstoffreiche arterielle Herzblut eines Dichters.
Wo könnte diese ergreifende Satire auf den Literaturbetrieb besser angesiedelt sein als in Medellín? In seiner Heimatstadt habe er viele Autorinnen und Autoren getroffen, die nicht dem idealisierten Bild ihres Berufsstandes entsprochen hätten, sagte Simón Mesa Soto: »Sie kennen die Straße, sind punkig, sehr real – und ich fand sie als Figuren faszinierender als Filmschaffende. Poesie hat etwas Anachronistisches – sie wirkt, als existiere sie noch in der Vergangenheit, und das passte gut zu dieser Geschichte. […] In diesem Bereich gibt es Widersprüche und eine ganz eigene Art von Komik, die ich durch schwarzen Humor erkunden wollte.«
Medellín, die nach Bogotá zweitgrößte Metropole Kolumbiens, gilt wegen ihres milden Klimas als »Stadt des ewigen Frühlings«. Das dortige weltgrößte Poesiefestival zieht alljährlich circa 120.000 Menschen an, so auch den Dichter Volker Braun. »Inbesitznahme der großen Rolltreppe durch die Medellíner Slumbewohner am 27. Dezember 2011« überschrieb der unverdrossene Utopist aus Dresden ein Gedicht, zu dem ihn der Anblick der Favelas auf den umliegenden Bergen inspiriert hatte. Braun thematisiert das gewaltige soziale Gefälle, das pro forma von einer Rolltreppe überbrückt wird, die der Bürgermeister für die als unbetretbar geltende »Comuna 13« oberhalb der Stadt errichten ließ: »Den 12 000 Hochgeborenen wurde ein Teppich ausgerollt / Auf ihren stinkenden Steilhang, die Hölle genannt / Aus unverrottbarem Stahl bis auf den Müllberg / Zu ihren Drunter- und Drüberkünften. So / Erreicht sie der technische Fortschritt / In ihrem Mangeldiskrikt, den das Mehl und die Milch meiden […].«
Für die 15-jährige Yurlady (Rebeca Andrade in ihrer ersten Rolle) gehört die Überwindung dieses geografischen wie sozialen Höhenunterschieds zu ihrem Alltag. Nach dem Unterricht stapft das stoische junge Mädchen in der Schuluniform mit kariertem Minirock zu der hochgelegenen armseligen Unterkunft zurück, die ihre vielköpfige Familie bewohnt. An manchen Tagen, klagt die Großmutter, hätten sie nicht einmal Geld für ein Ei. Zu erreichen ist die Wohnung nur über eine ausgesprochen enge Wendeltreppe. Ihr kommt eines Nachts eine entscheidende dramaturgische Bewandtnis zu.
Yurlady hat eine Schwäche für künstliche Fingernägel und für Notizbücher, beides am liebsten in glitzerndem Lila. Eines dieser Hefte füllt sie mit Zeichnungen und Poemen, in denen sie auf originelle, dabei völlig unverstellte Weise ihre Erlebnisse und Träume beschreibt. Ihre Mitschüler machen den seltsamen neuen Poesie-Lehrer auf Yurlady aufmerksam: Sie sei in der Klasse die einzige, die Gedichte schreibe. Ab diesem Moment blüht Óscar auf: Als Yurladys Mentor will er ihr eine Lesung beim Poesiefestival ermöglichen. Gewinnt sie dort einen Preis, wäre ihre Familie eine Zeitlang versorgt. Mit Óscar und Yurlady finden aber auch ein von seiner Tochter verachteter Vater und eine von ihrem Vater früh verlassene Tochter zusammen.
Doch der unverbesserliche Idealist hat nicht mit der Bosheit und Eitelkeit des Literaturbetriebs gerechnet. So verlangt der rhetorisch geschickte Poetik-Dozent Efrain (Guillermo Cardona) von Yurlady, sie möge sozialkritischer schreiben und ihre dunklere Hautfarbe thematisieren. Alles läuft auf ein tragikomisches Unglück beim Literaturfestival zu, wobei im Wortsinn erschwerend hinzukommt, dass Óscar wesentlich schmächtiger ist als sein Protegé. Seinen schwarzen Humor beweist Mesa Soto nicht zuletzt bei der Karikatur von Nebenfiguren wie einer unbedarften europäischen »Kulturvermittlerin« oder einem indigenen federgeschmückten Lyriker, der sich als übler Macho erweist.
Mit Un poeta habe er seine eigenen Fehler, Zweifel und Widersprüche porträtieren wollen, erklärt der vierzigjährige Simón Mesa Soto. Für ihn, der wie sein Protagonist im Nebenberuf unterrichtet, um seinen Lebensunterhalt zu sichern, sei der auf körnigem 16 mm-Material gedrehte und damit auf charmante Weise »unperfekt« wirkende Film sein »persönlicher Exorzismus«: »Was würde aus mir in zehn oder zwanzig Jahren werden, wenn ich das Kino aufgeben würde?« Auszeichnungen wie der Jurypreis »Un Certain Regard« in Cannes oder der CineCoPro-Preis beim Münchner Filmfest werden Simón Mesa Soto hoffentlich von solchen Gedanken abbringen. Sein zutiefst humaner Film, der auch von der Schwierigkeit kreativer Arbeit in der kolumbianischen Klassengesellschaft erzählt, ist ein einziges berührendes und beglückendes Langgedicht.