Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes

Pope Francis: A Man of His Word

D/I/CH/F 2018 · 96 min. · FSK: ab 0
Regie: Wim Wenders
Drehbuch: ,
Kamera: Lisa Rinzler
Schnitt: Maxine Goedicke
Ziemlich verschmitzt

Mensch Franziskus!

Lieber mit Godard in die Hölle, als mit Wenders in den Himmel: Was Wim Wenders noch vom Papst zu lernen hätte...

Er hat viele Fans weit über die Katho­liken hinaus – Papst Fran­ziskus, der erste Papst, der nicht aus Europa stammt, sondern aus Latein­ame­rika. Der erste Jesuit auf dem Papst­thron hat, so scheint es, einen neuen Stil in den Vatikan gebracht und auch mit der Wahl seines Namens­pa­trons Franz von Assisi ein Zeichen für einen Werte­wandel in der Katho­li­schen Kirche gesetzt. Einer seiner größten Fans ist der deutsche Regisseur Wim Wenders, ein beken­nender Christ, und übrigens kein Katholik, sondern ein Evan­ge­li­kaler. Nun ist Fantum und Glaube leider nicht unbedingt die beste Haltung – weder für einen Film­kri­tiker (wie man auch an manchen Wenders-Rezen­sionen merken kann), noch für einen Filme­ma­cher, auch nicht für einen Werbe­filmer…

Das eine ist das eine, das andere ist das andere. Das eine, das ist der Haupt­dar­steller dieses Films. Er, man muss das genauso sagen, er reißt es immer wieder raus. Immer wenn die Kamera gar zu sehr schwur­belt, vom Himmel hoch sachte und engels­gleich auf die Erde herab­schwebt, oder wenn sie mit dem Papst zusammen auf einem offenen Wagen durch das Spalier der jubi­lie­renden Massen fährt, sodass sich ein Kritiker gar zu einem Riefen­stahl-Vergleich hinreißen ließ – was natürlich fies ist, aber nicht falsch, erst recht nicht, wenn man sich erinnert, dass Wenders, als er noch ein deutscher Jung­filmer war und kein liebender Christ, und als er noch Film­kri­tiken schrieb, auch gern mal mit der Faschismus-Keule herum­ge­dro­schen hat –, immer wenn Wenders mit von sich selbst beseelter Stimme wieder irgend­welche Platitüden über den Untergang der Welt aus dem Off über sein Publikum ausgießt, über die Umwelt­ka­ta­strophe und über Fukushima und, und, und, bevor dann Franz von Assisi als eine Art spiri­tu­eller Superheld im Schwarz­weiß-Stummfilm-Stil die Welt so gerade nochmal rettet, weil er mit den Vögeln spricht, oder so ähnlich, immer, wenn man es also kaum noch aushält vor Fremd­schämen und Selbst­schämen in diesem Film, dann steht der Papst längst schon mit beiden Beinen fest auf der Erde und sagt irgend­etwas Vernünf­tiges, Gutes, was auch von einer schwä­bi­schen Hausfrau oder einem argen­ti­ni­schen Fußball­trainer stammen könnte.

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Es ist ja nicht so, dass das Chris­tentum oder die Katho­li­sche Kirche nichts zu sagen hätten. Es ist auch nicht so, dass die Liebe und die Berg­pre­digt, dass alle diese soge­nannten »einfachen Wahr­heiten« Schrott wären, bloß weil sie einfach sind – im Gegenteil.

Der Papst redet über die Gegenwart, und sagt eine Menge kluge Sachen. Die Welt von heute sei taub, sei getrieben, die Unruhe der Menschen, von einem Zeitgeist, einer Kultur der ständigen Stei­ge­rung und Beschleu­ni­gung. Aber am siebten Tage solle man ruhen: »Wir sind keine Maschinen. Wir verlieren das Mensch­liche.«
Einfache Wahr­heiten wie gesagt, aber nicht falsch.
»Unter­schiede machen den Menschen Angst. Aber Unter­schiede lassen uns wachsen.« – Wieder weise, zustim­mungs­fähige Worte, die progressiv und universal sind, auch wenn sie durchaus manche bestreiten würden. Worte, die aber auch folgenlos bleiben, wenn der Papst sie sagt. Und dann, wie ein Fazit, die Zusam­men­fas­sung dieser sympa­thi­schen Reli­gi­ons­auf­fas­sung: »Gott respek­tiert die Freiheit.«

Dieser Mann, dieser Haupt­dar­steller des Films, sagt hier auch Dinge, die viel­leicht besser Martin Schulz letztes Jahr im Wahlkampf hätte sagen sollen. Hätte, hätte, Fehler­kette. Aber solche Reden, die hält bei uns sowieso kein Sozi­al­de­mo­krat, sondern nur der Papst – so weit ist es eben schon gekommen.

Am besten ist Papst Fran­ziskus bei öffent­li­chen Massen­auf­tritten. Und zwar aus drei wesent­li­chen Gründen. Vor allem, und das ist mögli­cher­weise das Wich­tigste, weil Fran­ziskus viel Humor hat. Weil er erkennbar Distanz zu sich selber hat.
Dann, weil dieser Papst in seinen Aussagen wünschens­wert klar ist. Er spricht über die »Ökonomie der Ausgren­zung« und die »Kultur des Mülls«. Arbeit, »das Nobelste, das der Mensch hat«, und »wenn man sein Brot nicht verdienen kann«, sei keine Menschen­würde möglich. »Man kann nicht zwei Herren dienen – Gott und den Reichen.« Ein Skandal seien Armut und Hunger – wer könnte da wider­spre­chen?
Was kann ein Papst in Yad Vashem sagen? Fran­ziskus fällt etwas ein: »Adam wo bist du? Mensch, was hast du getan?« Und er bittet Gott um die Fähigkeit, sich zu schämen für das, was wir fähig waren zu tun.
Diese sehr direkten mensch­li­chen Gesten, die in ihrer Unmit­tel­bar­keit anrühren, egal, wie man zum christ­li­chen Glauben und zur Amts­kirche steht, sind das dritte Element. Wenn er Armen oder Straf­ge­fan­genen zum Beispiel die Füße wäscht, dann mag das auch eine öffent­liche Geste sein. Aber es ist zugleich eine sehr direkte mensch­liche Tat, in der der Papst auch stell­ver­tre­tend für uns Ignoranz und Abscheu über­windet.
Und ich muss zugeben, dass das die Szenen sind, in denen mich dieser Film, trotz all seinen Schwächen, dann doch gerührt hat.
»El papa está con vos.« Der Papst ist mit Euch – in einer Rede vor Hundert­tau­senden Armen aus den brasi­lia­ni­schen Slums. Das ist es, was man von einem Papst heute erwartet. Und so hat dieser Film immer wieder rührende Momente. »Jede Familie hat Probleme – man löst sie durch Liebe.« Es sind einfache Wahr­heiten, die der Papst verkündet – aber noch einmal: das macht sie nicht falsch.

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Das alles hätte Wenders vom Papst lernen können: Klarheit, Einfach­heit, Humor und Distanz zu sich selbst. Wenn das Chris­tentum heißt, dann lohnt sich die Beschäf­ti­gung damit. Wenn aber Chris­tentum heißt, wie Wim Wenders zu reden, und Filme wie Wenders' Spätwerk zu machen, dann möchte ich doch lieber Atheist sein, oder wenigs­tens Moslem oder Jude. Bevor ich mit Wim Wenders in den Himmel komme, dann komme ich lieber mit Godard in die Hölle.

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Das andere, das ist in diesem Fall das Entschei­dende. Das andere ist, dass dies eine Auftrags­ar­beit ist – aller­dings eine der kompli­zier­teren Sorte. Hätte Wenders nämlich einfach einen Imagefilm für den Vatikan gemacht, wäre die Sache klar, wer hier Herr ist und wer Knecht.
Aber wenn wir einmal alles das glauben, was Wim Wenders über den Entste­hungs­pro­zess seines neuen Films, Papst Fran­ziskus – Ein Mann seines Wortes in Inter­views erzählt, dann kam die ursprüng­liche Anregung zu dem Film zwar aus dem Vatikan, von der dortigen Kommu­ni­ka­ti­ons­ab­tei­lung. Dann hat Wenders, der Mann, der angeblich tief­gläubig ist, der angeblich am Abend der Papstwahl gespannt vor dem Fernseher »hing«, und nach Bekannt­gabe des Papst­na­mens »vor dem Fernseher aufge­standen« ist und gesagt hat: »Das gibt’s nicht! Dass sich das einer traut…«, und der angeblich in diesem Papst und nur in ihm den Menschen sieht, der Antworten hat auf die wich­tigsten Fragen unserer Zeit, dann hat dieser Wim Wenders, der vor der Anfrage der päpst­li­chen PR-Experten nie daran gedacht hat, einen Film über den Papst zu drehen, dann aber ziemlich schnell gewusst, was er wollte: »Kein Film über den Papst, sondern einer mit ihm.« Es sei ihm »nicht um die Insti­tu­tion Kirche« gegangen, »sondern darum, dass sich dieser außer­ge­wöhn­liche und mutige Mann unmit­telbar an die Menschen wenden kann, eben in einem Film.«

Wenn wir das also alles genauso glauben, wie gesagt wurde, dann muss man Wenders bereits hier erstens reinen Größen­wahn vorwerfen, dass er offenbar wirklich annimmt, ein Wenders­film könnte zum Sprach­rohr des Papstes »an die Menschen« werden, und zweitens eine gehörige Portion Naivität oder noch Schlim­meres – denn wie schlicht muss eigent­lich einer gestrickt sein, um allen Ernstes anzu­nehmen, dass man einen Film drehen kann, in dem der Papst sich »unmit­telbar« (was das überhaupt heißen soll, lassen wir jetzt mal) »an die Menschen« (an alle 7 Milli­arden? an bestimmte? an Wenders-Fans?) »wenden kann«, ohne dass das dann auch was mit der Insti­tu­tion zu tun hat, der er vorsteht? Auch Angela Merkel oder Uli Hoeneß oder Barack Obama oder Vladimir Putin können in einem Doku­men­tar­film nie wieder einfach »Mensch« sein. Wenn sie es denn je waren.

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Aber es geht weiter in diesem Tenor, und manchmal wüsste man schon gern, ob Wenders eigent­lich doch irgendwo am Ende des Tages ein berech­nender Zyniker ist, der sein Publikum für blöd verkaufen möchte, oder ob er selber von den Schergen der päpst­li­chen Kommu­ni­ka­ti­ons­ab­tei­lung für blöd verkauft wurde.
Er habe absolut freie Hand in der Gestal­tung und der Endfas­sung gehabt, behauptet Wenders, einen privi­le­gierten Zugang zu den Vatikan-Archiven, auch die Produk­tion sei finan­ziell völlig unab­hängig vom Vatikan gewesen – mit anderen Worten, so Wenders, »eine Carte blanche«.

Viel­leicht glaubt er das ja wirklich – zumal Wim Wenders ja offenbar alles Mögliche glaubt, worin ihm selbst manche sonst tief verbun­denen Anhänger nicht folgen werden.

Ganz so kann man das aber natürlich nicht stehen lassen. Der »privi­le­gierte Zugang zu den Vatikan-Archiven« dürfte sich kaum auf das komplette Archiv bezogen haben, eher nicht zum Beispiel auf die Abteilung Inqui­si­tion, auf das Opus Dei, bestimmt nicht auf die inner­kirch­li­chen Akten zu Pädo­philie, Miss­brauch und Verge­wal­ti­gungen Schutz­be­foh­lener, auch kaum auf Anti­se­mi­tismus und das Schweigen zu den Juden­morden in Deutsch­land nach 1933, auf die Kumpanei mit Musso­linis Faschisten, oder auf die poli­ti­schen Intrigen und Machen­schaften innerhalb wie außerhalb des Vatikans während der letzten 100 Jahre. »Privi­le­giert« ist übrigens sowieso nicht dasselbe wie »unbe­schränkt«, auch wenn es so klingt. Gemeint sind vielmehr vor allem die Film­ma­te­ria­lien der Papst­auf­tritte. Das »Centro Tele­vi­sivo Vaticano«, die Film­ab­tei­lung des Heiligen Stuhls, doku­men­tiert alle Reden und Reisen des Papstes, was für Filme­ma­cher sehr praktisch ist, aber auch bedeutet, dass der Papst auf den Bildern meistens eine gute Figur macht.
Das »Centro Tele­vi­sivo Vaticano« steht übrigens auch sehr deutlich im Abspann des Films, und die »Süddeut­sche Zeitung« nennt es »einen der Haupt­pro­du­zenten des Films« – ganz so unab­hängig klingt das nicht. »Carte blanche« oder nicht: Der Vatikan lieferte jeden­falls einen Großteil des Materials.
Man muss Wenders jetzt auch nicht nachsagen, dass er käuflich sei oder dass er Probleme damit hätte, seine Filme zu finan­zieren.
Es geht mehr um den Gestus, mit dem hier einer verschleiert, dass er nur deswegen relative Unab­hän­gig­keit genießt, weil er schon vorher innerlich relativ abhängig war.

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Hier ist nun ein kleiner Exkurs nötig: Glauben und Religion, um das auch mal so deutlich zu formu­lieren, wie es leider im Augen­blick viel zu selten formu­liert wird, verdienen keinerlei geson­derten Respekt. Sie verdienen den Respekt, den jede Privat­mei­nung verdient. Man darf sie haben, denn es herrscht Meinungs- und Gewis­sens­frei­heit. Schon das öffent­liche Ausspre­chen und Zur-Schau-Tragen reli­giöser Über­zeu­gungen wird in vielen Ländern proble­ma­ti­siert und einge­schränkt, weil Religion nämlich das Zeug hat, Konflikte zu schüren und soziale Span­nungen zu fördern.

Genau dieser Respekt gegenüber Religion wird aber in Deutsch­land, wo man immer schon gern öffent­liche Bekennt­nisse einfor­dert, von vielen verlangt. Wenders zum Beispiel behauptet jetzt in Inter­views gern, das religiöse Bekenntnis sei verpönt, unsere Kultur sei »zunehmend reli­gi­ons­feind­lich«. Dabei lieben die Deutschen diesen Regisseur für nichts mehr als für seinen Engels-Deutsch­land-Kitsch Der Himmel über Berlin.
Wenders aber verweist auf die USA als leuch­tendes Beispiel: »In Amerika ist das ganz anders: Dort hat es eine andere Tradition, dass man mit seinem Glauben nicht hinter dem Berg hält, es ist auf eine andere Art im öffent­li­chen Bewusst­sein. Man steht ganz selbst­ver­s­tänd­lich dazu, Christ, Jude oder Muslim zu sein.« Schon das ist ein schiefes Bild, denn Juden und erst recht Muslime werden in den USA gar nicht selten ange­griffen, doch selbst Katho­liken sind für konser­va­tive Kreise eine Bedrohung – nicht erst als einge­wan­derte Latinos, sondern auch als Kennedys.
Erst recht aber wird ein öffent­li­ches Bekenntnis zur Gott­lo­sig­keit und zum Atheismus sozial sank­tio­niert.

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Nun ist es bestimmt so, dass die schlauen Herren im Vatikan schon wussten, dass sie sich in Wenders einen Gläubigen und will­fäh­rigen Vermittler ihrer Absichten ins Boot geholt hatten, einen Priester des Zelluloid.
Wim Wenders war weder »Vorkämpfer des Neuen Deutschen Films«, wie er von manchen heute genannt wird, die auch nie Vorkämpfer der »Film­kritik« waren, noch ist er dem heutigen inter­na­tio­nalen Auto­ren­kino jene »Gali­ons­figur«, die er ein paar Jahre lang in den 80ern mal für manche war.

Wim Wenders war viel­leicht schon immer der Hermann Hesse unter den deutschen Regis­seuren: Nicht so radikal wie Werner Herzog, nicht klug wie Alexander Kluge, nicht so geschmeidig wie Volker Schlön­dorff und nicht so genial wie Rainer Werner Fass­binder, sind seine Werke schon zu Lebzeiten gealtert, Wohl­fühl­werke für das bildungs­bür­ger­liche Senio­ren­kino. In der Schamecke des DVD-Regals stauben seine Filme vor sich hin.
Dario Viganò, der PR-Stratege des Papstes, ist nicht nur Theologe, sondern auch Film­ex­perte. An Wenders lobt er »diesen maßvollen, poeti­schen und inno­va­tiven Blick.« Der Film Papst Fran­ziskus – Ein Mann seines Wortes,lobt Viganò in bezeich­nender Formu­lie­rung, sei »eine aufmerk­same Regie­ar­beit, die sich selbst zurück­nimmt«.

Der fertige Film legt den Verdacht nahe, dass eine Einfluss­nahme des Vatikan völlig unnötig war – Wenders meint jedes Wort ernst, das im Film fällt, und ist aus tiefstem Herzen davon überzeugt, dass er ein Propa­gan­dist dieses Papstes sein möchte, oder eigent­lich: Seines Bildes von diesem Papst.
Aus dem guten Mensch aus Düssel­dorf ist der Moraltrom­peter von Düssel­dorf geworden. Ein Moraltrom­peter, der so nebenbei im AfD-Stil billiges Poli­ti­ker­ba­shing betreibt – »Papst Fran­ziskus … ist eine Gegen­figur zu fast allen Poli­ti­kern heute. Ein Mensch, der tatsäch­lich das Gemein­wohl und nicht nur seine eigenen Inter­essen … vertritt.«

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Wir könnten jetzt hier noch den Film nach­er­zählen, und en detail rezen­sieren, und viel­leicht machen wir das auch noch irgend­wann, aber wer will das denn alles lesen?
Wenders-Jünger und Papst-Fans werden in den Film sowieso gehen, die anderen einen großen Bogen machen, und das ist alles auch gut so.

Nur eine Beob­ach­tung noch: Wenn der Film mit dem ganzen wirklich seltenen und oft inter­es­santen Vati­kan­ma­te­rial etwas beflissen die wich­tigsten Momente des bishe­rigen Ponti­fi­kats abhakt, zeigt er viel. Es gibt auch ein paar Bilder aus Zeiten, als der Mann noch Bergoglio hieß und im Argen­ti­nien der 90er Jahre auch schon zu klaren Worten und mensch­li­chen Gesten fähig war. Vier Exklusiv-Inter­views hat Wenders mit dem Papst auch geführt: Dabei spricht Fran­ziskus direkt zu uns, mit Dackel­blick, aber auch ein bisschen listig, frontal in die Kamera, wie sonst nur Richard III. bei Shake­speare, ein anderer Charis­ma­tiker.

Dem Film entgeht aber auch vieles, und manchmal das Entschei­dende, und das verrät etwas für den Filme­ma­cher Wenders, was wir so genau gar nicht wissen wollten: Dass nämlich Hingucken-Können allein zwar notwen­dige Voraus­set­zung für gutes Filme­ma­chen ist, aber längst nicht reicht. Man muss etwas auch erfassen und intel­lek­tuell durch­dringen können.
Den aller­größten Moment seines eigenen Films verpasst Wenders aber: »Who am I to judge?« antwor­tete der Papst seiner­zeit zur Frage der Homo­se­xua­lität. Und Wenders, dem Gläubigen, fällt überhaupt nichts ein zu dieser entschei­denden, vom Menschen, den er doch angeblich portrai­tieren will, alles verra­tenden Szene: Zu der Absur­dität, dass hier einer, der zum Urteilen gerade berufen wurde, auf das Urteilen sehr bewusst und coram publico verzichtet, der Absur­dität, dass ein Papst statt­dessen redet, wie Pontius Pilatus: »Was ist Wahrheit?« »Ich wasche meine Hände in Unschuld.« »Wer bin ich das zu beur­teilen?« Na der Papst halt!

Mensch Wim!

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