Palästina 36

Palestine 36

Palästina/JOR/Q/N/GB/DK/F 2025 · 119 min. · FSK: ab 16
Regie: Annemarie Jacir
Drehbuch:
Kamera: Hélène Louvart, Sarah Blum, Tim Fleming
Darsteller: Karim Daoud Anaya, Kamel El Basha, Sofia Asir, Hiam Abbass, Yumna Marwan u.a.
Palästina 36
So wichtig, dass palästinensische Geschichte erzählt wird...
(Foto: Alamode / Die FilmAgentinnen)

Geschichte ohne Grauzonen

Annemarie Jacirs Palästina 36 will die Vergangenheit erklären, verliert sich aber zwischen agitatorischer Vereinfachung, historischen Verzerrungen und einem erstaunlich unbeholfenen Kinoverständnis

Geschichte ist im Kino selten Vergan­gen­heit. Meist ist sie eine Kampfzone der Gegenwart. In Annemarie Jacirs Palästina 36 wird das fast in jeder Szene spürbar. Ihr Film erzählt den Arabi­schen Aufstand von 1936 bis 1939 gegen die britische Mandats­macht in Palästina und versucht dabei offen­kundig weniger, Geschichte zu rekon­stru­ieren, als histo­ri­sche Legi­ti­ma­tion für aktuelle poli­ti­sche Gefühle zu erzeugen. Dass dies in Zeiten eines eska­lie­renden Nahost­kon­flikts ein sensibles Unter­fangen ist, versteht sich von selbst. Gerade deshalb wäre Präzision nötig gewesen; drama­tur­gisch wie histo­risch. Beides bleibt der Film schuldig.

Dabei ist der Ausgangs­punkt mehr als inter­es­sant, ja fast schon essen­tiell. Was damals das britische Empire war, scheint im Subtext des Films heute Israel geworden zu sein: eine Form trans­ge­ne­ra­tio­naler Herr­schafts­struk­turen, die sich fortsetzt, nur unter anderen Vorzei­chen. Diese Parallele, die der Film nie wirklich analy­tisch entfaltet, ist sein span­nendster Gedanke. Denn tatsäch­lich kann histo­ri­sche Betrach­tung helfen, Gegenwart besser zu verstehen, unab­hängig davon, auf welcher Seite eines Konflikts man steht. Geschichte erklärt Macht­me­cha­nismen, Traumata, Besitz­ver­hält­nisse, Ressen­ti­ments. Sie wird aller­dings proble­ma­tisch, wenn sie nur noch mora­li­sche Munition liefern soll.

Genau daran scheitert Palästina 36 zunehmend. Schon drama­tur­gisch wirkt der Film seltsam unfertig. Figuren tauchen auf, verschwinden wieder, Moti­va­tionen wechseln abrupt, Szenen wirken wie lose anein­an­der­ge­reihte Marker eines poli­ti­schen Bewusst­seins, nicht wie organisch entwi­ckelte Narrative. Der Übergang vom sozialen Unmut zum bewaff­neten Aufstand erfolgt erratisch, beinahe mecha­nisch. Kaum eine Entwick­lung erhält Zeit, sich emotional oder psycho­lo­gisch zu entfalten. Statt­dessen arbeitet Jacir mit perma­nentem Pathos­druck: Großmütter, die Kinder auf Wider­stand einschwören, Bauern, die zu Märty­rer­fi­guren stili­siert werden, und immer wieder ritua­li­sierte Appelle an Boden, Herkunft und Opfer­be­reit­schaft. Das alles hat weniger mit histo­ri­schem Erzählen zu tun als mit iden­ti­täts­po­li­ti­scher Mythen­bil­dung.

Besonders uner­träg­lich sieht sich dies in den Szenen rund um die Indok­tri­na­tion der jüngeren Gene­ra­tion. Wenn ein Kind praktisch von der Groß­mutter auf Wider­stands­kurs kondi­tio­niert wird, entfaltet der Film eine Blut-und-Boden-Moral, die er selbst nicht bereit ist zu reflek­tieren. Wider­stand erscheint nicht als poli­ti­sche Entschei­dung, sondern als natür­liche Pflicht. Verräter verdienen keine Liebe, Kolla­bo­ra­tion keine Grauzonen. Alles wird moralisch tota­li­siert.

Dabei gäbe es genügend Ambi­va­lenzen in dieser Geschichte. Der Film streift sie zwar gele­gent­lich – etwa beim Übergang vom Osma­ni­schen Reich zur briti­schen Verwal­tung und dem neuen Grund­buch­system oder bei den Span­nungen zwischen städ­ti­schen Eliten und länd­li­cher Bevöl­ke­rung –, doch jede komple­xere Beob­ach­tung wird sofort wieder vom ideo­lo­gi­schen Furor zugedeckt. Dass Teile der musli­mi­schen Ober­schicht durchaus eigene Inter­essen verfolgten und die Landfrage kompli­zierter war als eine reine Kolo­ni­al­erzäh­lung, deutet der Film zwar an, doch nie mit ausrei­chender analy­ti­scher Konse­quenz.

Auch formal wird dem Zuschauer nicht weiter­ge­holfen. In nahezu jeder Einstel­lung wünscht man sich bessere Schau­spieler, eine stärkere Kamera, ein präzi­seres Drehbuch, eine souver­ä­nere Regie. Selbst eine große Darstel­lerin wie Hiam Abbass vermag gegen die bleierne Dialog­füh­rung kaum anzu­spielen. Viele Szenen besitzen jene Fern­sehäs­thetik, bei der jede emotio­nale Pointe bereits musi­ka­lisch angekün­digt wird. Histo­ri­sche Origi­nal­auf­nahmen werden einge­streut, offenbar um Authen­ti­zität zu erzeugen, doch auch sie wirken eher illus­trativ als erkennt­nis­för­dernd.

Wie viel klüger, ironi­scher und filmisch souver­äner sich dieser Konflikt erzählen ließe, haben zuletzt andere gezeigt. Die Brüder Arab Nasser und Tarzan Nasser entwi­ckelten in Once Upon a Time in Gaza eine bitter­ko­mi­sche, viel­schich­tige Perspek­tive auf Gewalt und Alltag in Gaza, die nie ihre Figuren der poli­ti­schen Botschaft opferte. Und Tarik Saleh zeigt mit seiner Kairo-Trilogie – deren Abschluss Eagles of the Republic demnächst in die Kinos kommt – dass man auto­ri­täre Systeme gerade durch Ambi­va­lenz, Wider­spruch und mora­li­sche Unsi­cher­heit sichtbar machen kann. Dagegen wirkt Palästina 36 gerade bei dieser so wichtigen Thematik erschre­ckend eindi­men­sional.

Dabei ist es ja so wichtig, dass paläs­ti­nen­si­sche Geschichte erzählt wird. Es ist wichtig, dass auch die Perspek­tive arabi­scher Bauern, christ­li­cher und musli­mi­scher Araber, kolo­nialer Demü­ti­gung und sozialer Verwer­fungen sichtbar gemacht wird. Gerade die Zusam­men­ar­beit christ­li­cher und musli­mi­scher Araber oder die struk­tu­rellen Paral­lelen zwischen damaligen und heutigen Macht­kon­stel­la­tionen hätten großes erzäh­le­ri­sches Potenzial gehabt. Doch Jacir entscheidet sich immer wieder gegen Komple­xität und für Agitation.

Spätes­tens bei den histo­ri­schen Unge­nau­ig­keiten kippt der Film dann endgültig. Der Satz »Die arabische Nation ist eine Nation und Palästina ist eine davon« fungiert als ideo­lo­gi­scher Leit­ge­danke des Films und wirkt zugleich wie eine unge­wollte Offen­le­gung seines Problems: Geschichte wird hier nicht unter­sucht, sondern behauptet. Und sieht man sich die zuneh­mende Frag­men­tie­rung des pan-arabi­schen Gedankens in den letzten 50 Jahren an, wirkt solch ein Satz dann fast schon grotesk, so fern jeder poli­ti­scher Aktua­lität, aber auch histo­ri­scher Akku­ra­tesse ist er gesetzt.

Deutlich wird dieses histo­ri­sche Dilemma auch in anderen Kritiken zu dem Film, etwa bei Andreas Busche im Tages­spiegel, der deutlich macht, dass der Film jüdische Einwan­derer ausschließ­lich als »Fremde« behandle , »als hätte nie zuvor ein Jude in der Region gelebt«. Zudem verschweige der Film die anti­se­mi­ti­schen Pogrome der zwanziger Jahre volls­tändig. Busche weist außerdem darauf hin, dass der Arabische Aufstand 1936 eben nicht – wie im Film behauptet – durch die Ermordung eines arabi­schen Bauern ausgelöst wurde, sondern durch den gewalt­samen Tod zweier Juden. Besonders proble­ma­tisch erscheint ihm die Darstel­lung eines an das Arabische Hohe Komitee ange­lehnten »Muslim­rats«, der im Film faktisch als Mario­nette einer »Zionist Commis­sion for Palestine« präsen­tiert wird – eine Verschwörungs­er­zäh­lung, die histo­risch kaum haltbar sei.

Ähnlich kritisch äußerte sich der Jour­na­list und Histo­riker Oren Kessler in The Free Press. Er kriti­sierte unter anderem die völlige Verzer­rung der Landkäufe jüdischer Siedler, obwohl histo­risch doku­men­tiert sei, dass Land in der Regel legal erworben wurde und nicht einfach von den Briten »über­tragen« worden sei. Ebenso irri­tie­rend sei das völlige Fehlen von Hajj Amin al-Husseini, einer zentralen Figur der damaligen paläs­ti­nen­sisch-arabi­schen Politik. Vor allem aber blendet der Film laut Kessler praktisch die jüdische Bevöl­ke­rung des Mandats­ge­biets aus. Rund 400.000 Juden lebten 1936 in Palästina – im Film jedoch bleiben jüdische Figuren nahezu sprachlos. Kesslers bitterer Satz darüber trifft ins Zentrum: Die Zahl der von Juden gespro­chenen Worte entspreche ungefähr der Laufzeit des Films in Stunden – nämlich zwei.

So bleibt am Ende ein Film, der sich selbst mögli­cher­weise für mutig hält, dabei aber vor allem die eigene Perspek­tive immu­ni­siert. Palästina 36 möchte Gegen­ge­schichte schreiben und landet dabei allzu oft nur bei einer Gegen­er­zäh­lung. Das ist nicht dasselbe und vor allem: viel zu wenig.

Fazit: »Die Juden sind schuld«

Einseitiges Spektakel: Annemarie Jacirs »Palästina 36« verliert sich in Stereotypen

Eine Dampflok – wer schon mal in Jerusalem war, wird den alten Bahnhof wieder­erkennen.

Dann Kamele, Kutschen, Boys, die Gepäck tragen, getragene Musik – insgesamt ein Film voller Nostalgie.
Doch wem gilt diese Nostalgie? Dem Palästina der Araber? Oder dem Palästina vor der Einwan­de­rung der europäi­schen Juden, also der Zeit des briti­schen Kolo­nia­lismus? Oder gar der »Kampfzeit« des ersten arabi­schen Terro­ris­ten­ge­ne­ra­tion?

Ein Beamter der briti­schen Mandats­ver­wal­tung hält eine Rede: »Ich bitte Sie alle darauf zu vertrauen, dass Araber und Juden zusam­men­leben können. Mit Ihrer Hilfe schaffen wir ein vereintes und fried­li­ches Heiliges Land.«

Genau das wird aber nicht geschehen. Wir wissen das von Anfang an und der Film weiß das. Dieser Film spielt mit unserem Wissen, und auch mit seinem eigenen. Er zeigt die Vergan­gen­heit durch die Brille der – höchst einseitig und selektiv begrif­fenen – Gegenwart.

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Wir sehen zu Beginn moderne Archi­tektur, überhaupt zunächst ein modernes Bild Arabiens: Der Islam spielt keine Rolle, keiner trägt eine Kufiya, Frauen haben keine verhüllten Haare, aber manche tragen einen Fes aus der Zeit des Osma­ni­schen Reichs.
Palästina war damals kein Staat und kein Volk, auch nicht das Sehn­suchts­land iden­ti­täts­po­li­ti­scher Welt­ver­bes­serer, sondern nur der Name eines Mandats­ge­biets der Briten, in dem Araber und Juden zusam­men­lebten.
Doch dann ändern sich die Dinge, im Film wie in der Wirk­lich­keit, aber nicht aus den gleichen Gründen: illegale Waffen­lie­fe­rungen, »für Juden«, wie wir hören.
Wir hören auch, dass die Briten dulden, dass in vier Fabriken alle paläs­ti­nen­si­schen Arbeiter entlassen werden.
Fazit: »Die Juden sind schuld«. Und die Briten. Die Araber sind Opfer und sonst nichts.
Nur reiche Araber sind offenbar korrupt; sie machen Geschäfte mit »den Juden«, während die armen Araber kaum ihre Familien satt machen können.

Und »die Juden«? Die sind plötzlich da. Einfach so, und offenbar vorher nicht. Warum sind sie da? Ein Mädchen fragt das, stell­ver­tre­tend für das Publikum: »Warum kommen sie her, um hier zu leben?« Antwort der Mutter: »Weil ihre Länder sie nicht wollen.«

Kein Wort von Pogromen in der Ukraine und in Polen, kein Wort von Rassismus und Nürn­berger Gesetzen, von Lagern und Mord­ak­tionen. 1936 gab es das alles schon, lange vor Auschwitz.

Man hätte auch sagen können: Viele lebten schon lange hier. Oder: Weil das auch ihr Land ist. Oder: Weil sie früher hier lebten und von unseren Vorfahren vertrieben wurden. Aber solche Möglich­keiten sind diesem Film zu komplex.

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Nun gut, das ist kein Doku­men­tarfim. Sondern nur eine Fiktion, ein schlechtes Melo, auf Soap-Niveau. Mehrere Zwischen­titel und Kapitel helfen, die Infor­ma­tionen zu ordnen, dennoch ist der Film ohne entspre­chendes Hinter­grund­wissen nicht leicht zu verfolgen.
Alles vermeint­lich Histo­ri­sche wird »herun­ter­ge­bro­chen« und rund um eine Handvoll gewöhn­li­cher Menschen erzählt. Es ist natürlich grund­sätz­lich inter­es­sant, sich klar zu machen, wie aus fried­li­chen Verhält­nissen eine Radi­ka­li­sie­rung entstand.

Aber dieser Film betreibt Schwarz-Weiß-Malerei und will keine Diffe­ren­zie­rung: Es wird auch auf dieser Fikti­ons­ebene alles ausge­blendet, was zugunsten jüdischer Menschen und der briti­schen Mandats­macht ins Feld geführt werden könnte. Man sieht nicht einen einzigen »positiven« jüdischen Charakter, ja: man sieht die Juden eigent­lich gar nicht in diesem Film. Es wird über sie gespro­chen; der Konflikt scheint nur einer zwischen Englän­dern und Arabern zu sein
Dann wird der Vater einer Haupt­figur einfach so erschossen. Von wem? Egal. Jetzt weiß der Sohn, vorher ein aufge­klärter Liberaler und moderner Mensch, »wo sein Platz wirklich ist«; er geht weg aus »der bösen verruchten unmo­ra­li­schen Stadt« und »bekennt sich« zu Volk und Heimat.

Vorher hatte ihm der Vater noch die Leviten gelesen: »Es ist die Beziehung zwischen uns und unserem Land. Das ist die Arbeit von Tausenden von Jahren.«

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Es gibt zwei Seiten in Palästina 36, dem neuen Film der christ­lich-arabi­schen, in Bethlehem geborenen, schon lange in den USA lebenden Regis­seurin Annemarie Jacir. Einer­seits die Bedeutung der Geschichte, die sie diesmal erzählt: den Aufstand der arabi­schen Bevöl­ke­rung gegen den briti­schen Kolo­nia­lismus, ausgelöst durch die ersten Wellen jüdischer Siedler nach deren Vertrei­bung aus Osteuropa und dann aus Nazi­deutsch­land.
Diese Geschichte zu kennen, ist funda­mental, um den soge­nannten Nahost­kon­flikt zu verstehen: ein komplexes Problem voller Wider­sprüche, in der oft die eine Seite zu skru­pel­losen, blut­rüns­tigen Tätern erklärt wurde, während die andere ausschließ­lich als unschul­dige Opfer erschien.

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Das Problem des Films sind genau diese formalen, narra­tiven und stilis­ti­schen Mecha­nismen. Das Problem ist nicht der Inhalt, sondern die Form. Eine Form, die sich an jenen großen Hollywood-Pres­ti­ge­pro­duk­tionen orien­tiert, bei denen die vermeint­liche Qualität eines Films nicht über Insze­nie­rung definiert wird, sondern über den formalen Aufwand einer groß ange­legten Produk­tion. Diese Form erstickt letztlich das eigent­liche Interesse an der histo­ri­schen Rekon­struk­tion. Diese verliert sich in stereo­typen Figuren und einem effekt­ha­sche­ri­schen Melodram, in dem das große Spektakel das wahre mensch­liche Drama der jüdischen und der arabi­schen Bevöl­ke­rung verdeckt – Menschen, denen durch poli­ti­sche Demagogen langsam, aber stetig alles genommen wurde, was sie hatten.

Dieser schwache Film wird vermut­lich keine Meinungen ändern. Würden wir in ruhigeren Zeiten leben, würde Palästina 36 vermut­lich ignoriert werden.