Obsession – Du sollst mich lieben

Obsession

USA 2025 · 109 min. · FSK: ab 16
Regie: Curry Barker
Drehbuch:
Kamera: Taylor Clemons
Darsteller: Michael Johnston, Inde Navarrette, Cooper Tomlinson, Megan Lawless, Andy Richter u.a.
Obsession
Toxische Beziehung?
(Foto: Universal Pictures)

Wishful Thinking

Curry Barkers erste Kinoproduktion ist ein schmerzhafter Horrorfilm über psychische Abhängigkeiten und gefährliche Wünsche

Curry Barker gehört einer neuen Riege an Regis­seuren an, die einen modernen, unkon­ven­tio­nellen, dabei bemer­kens­wert freien Weg in die Filmwelt gefunden haben. Bekannt geworden ist er durch Internet-Videos, gemeinsam mit Cooper Tomlinson betreibt er den YouTube-Channel »that’s a bad idea«. Über 500 Videos haben die beiden online gestellt, die meisten dauern nur wenige Minuten, sind eine Ansamm­lung von Comedy-Sketches und Horror­kurz­filmen. Letztere zogen die größte Aufmerk­sam­keit auf sich, verzeichnen Klicks im Millio­nen­be­reich.

2024 folgte der erste Langfilm, konse­quent ebenfalls auf YouTube veröf­fent­licht: Milk & Serial, der knapp über eine Stunde läuft, von Barker geschrieben, insze­niert und geschnitten. Er und Tomlinson spielen die beiden Haupt­rollen, ein fiktives Content-Creator-Duo, das sich gegen­seitig zunehmend vers­tö­rende Streiche spielt, natürlich endet es in einer Spirale aus Mord und Paranoia. Bereits dieser Film ist sehr gelungen, erzeugt seine Vers­törung auf formaler Ebene, reizt das Internet-Thema – samt wackliger Digital-Hand­ka­mera – gekonnt aus. Mit knapp 2,5 Millionen Aufrufen kann man ihn als Barkers finalen Durch­bruch betrachten, seinen Übergang zum kommer­zi­ellen Kinofilm.

Als solchen hat er nun Obsession vorgelegt, der auf dem Toronto Inter­na­tional Film Festival Premiere feierte, hier­zu­lande bereits auf dem Fantasy Filmfest und bei unzäh­ligen Previews lief und nun – verspätet – auch regulär in den Kinos anläuft.

Der Plot lässt sich leicht zusam­men­fassen: Der unsichere Mitt­zwan­ziger Bear (gespielt von Micheal Johnston) ist seit längerer Zeit in seine Arbeits­kol­legin Niki (Inde Navarette) verliebt, traut sich aber nicht, ihr seine Liebe zu gestehen. Gemeinsam mit seinem Freund Ian (YT-Koope­ra­teur Tomlinson) probt er die Situation, nach einem gemein­samen Pubbesuch soll es so weit sein. Unter­s­tüt­zend hat Bear ein spaßhaftes Geschenk aus einem Esoterik-Laden besorgt, einen One Wish Willow, ein Holzstück, das dem Besitzer nach dem Zerbre­chen einen Wunsch garan­tiert. Bear ist aller­dings erneut zu unsicher, selbst, als Niki ihn offen fragt, ob er sie mag, bringt er es nicht zustande, offen mit ihr zu sprechen. Enttäuscht und wütend zerbricht er den Willow und wünscht sich: Dass Niki ihn mehr liebt, als »anyone else in the fucking world«.

Sein Wille geschehe, wort­wört­lich: Niki ist fortan nicht mehr von Bear zu trennen, opfert ihm ihr ganzes Leben. Zusehends steigert sich ihre Abhän­gig­keit, ihre Obsession, mit ihm ins Uner­mess­liche, wird diese »Beziehung« zur Gefahr für alle Betei­ligten, Freunde und Bekannte der beiden. Und Niki scheint immer mehr von sich abzu­rü­cken, nicht mehr sie selbst zu sein.

Es gab in den letzten Jahren immer mehr Filme, die toxische Bezie­hungen ins Zentrum gestellt haben, ebenso viele, die sich an Incels und unschuldig erschei­nenden, misogynen Männern abge­ar­beitet haben. Obsession steht ebenfalls in dieser Tradition, hüllt seine Themen aber in ein klas­si­sches B-Movie High-Concept. Bear als Prot­ago­nist ist klug gewählt, erscheint er doch zunächst als einfache Iden­ti­fi­ka­ti­ons­person, als unschul­diger, etwas verklemmter Junge aus der Vorstadt. Schnell wird aber deutlich, dass eigent­lich er der Anta­go­nist ist, der ausge­spro­chene Wunsch einen unum­kehr­baren Sünden­fall darstellt. Die folgende »Beziehung« zu Niki ist ein reines Abhän­gig­keits­ver­hältnis, eine brutale Unter­drü­ckung.

Infol­ge­dessen stellen die Horror­mo­mente eine perma­nente Irri­ta­tion dar, scheinen beinahe schi­zo­phren in sich gespalten: Zwar geht von Niki eine nicht zu leugnende Gefahr aus, sie ist der »Aggressor« des Films, Barker insze­niert aber klug genug, um sie nicht plump zu antago­ni­sieren. Statt­dessen stellt er immer wieder ihre eigene Zerris­sen­heit, Tragik und Entfrem­dung ins Zentrum des Films. Die heraus­ra­gende Inde Navarette – in ihrer ersten Haupt­rolle – taumelt durch den Film wie ein einsames, fremd­ge­steu­ertes Mannequin; zu jeder Zeit ist ihre Verzweif­lung spürbar, ist man sich bewusst, dass hier eine Figur handelt, der längst jegliche Kontrolle entrissen wurde.

Spira­len­haft führen diese Momente in eine Vers­törung, wie sie im Horror-Kino schon lange nicht mehr zu empfinden war.

Das rührt insbe­son­dere von der bewussten Eingren­zung des Plots: Obsession hat es nicht nötig, seine Prämisse weiter auszu­buch­sta­bieren, vielmehr finden sich über­na­tür­liche Anklänge, die subtil eine inner­fil­mi­sche Mystik etablieren. Auf diesem Boden können sich die psycho­lo­gi­schen und physi­schen Grau­sam­keiten des Films frei entwi­ckeln, ohne permanent einge­ordnet oder erklärt zu werden. Aller­dings lässt Barker seinen Film nie abheben, ist dezidiert an einem zeit­ge­mäßen, modernen Portrait seiner jungen Prot­ago­nisten inter­es­siert. Diese Natür­lich­keit spitzt den Horror in Obsession immer weiter zu, ganz normale (zum Teil ohnehin schon unan­ge­nehme) Bezie­hungs- und Party­szenen schlagen in alptraum­hafte Bedro­hungs­sze­na­rien um. Jene sind allesamt souverän und ungemein wirkungs­voll insze­niert, auch wenn von Genre-Konven­tionen kaum Abstand genommen wird, manche Entwick­lungen gar etwas vorher­sehbar wirken.

Inmitten alldem sind es aber immer wieder Nava­rettes Augen, die sich ins Zentrum drängen, klar machen, wer die tragische Figur dieses hervor­ra­genden, unan­ge­nehmen Films ist: Die entmün­digte Niki, deren Obsession keinen eigenen Willen mehr besitzt, die maschi­nell reagieren muss, abhängig ist von einer igno­ranten Tat eines unsi­cheren, unüber­legten Jungen und dessen solip­sis­ti­schem, tödlichem Wunsch.