Nürnberg

Nuremberg

USA 2025 · 149 min. · FSK: ab 12
Regie: James Vanderbilt
Drehbuch:
Kamera: Dariusz Wolski
Darsteller: Russell Crowe, Rami Malek, Michael Shannon, Leo Woodall, Richard E. Grant u.a.
Nürnberg
Damals war der Papst Pius XII.
(Foto: Weltkino)

»Never Again« als Illusion

In »Nürnberg« wird Hermann Göring zum Meister der Täuschung – und die Suche nach Wahrheit gerät zum fragilen Spiel zwischen Psychologie, Macht und Inszenierung, an dessen Ende die Formel »Never Again« als brüchige Illusion erscheint

Eine unge­ord­nete Menschen­menge mit ihren Habse­lig­keiten zieht schlep­pend eine Feld­straße entlang, gesäumt von zerstörten Fahr­zeugen. Ein einge­blen­deter Text verortet die Szene histo­risch: Es ist der 7. Mai 1945, der letzte Tag des Krieges. Ein Soldat uriniert auf ein mit einem Haken­kreuz verse­henes Objekt. In der nächsten Einstel­lung wird die Menschen­ko­lonne durch ein langsam fahrendes, hupendes Auto mit Nazi­flagge geteilt, was unter den Soldaten Unruhe auslöst und zu den Gewehren greifen lässt. Aus dem Wagen steigt niemand Gerin­gerer als Hermann Göring, Hitlers rechte Hand (gespielt von Russell Crowe), und ergibt sich frei­willig den Alli­ierten.

Mit diesen Bildern beginnt Nürnberg, der neue Film von James Vander­bilt, der sich an den wuchtigen und schwie­rigen Stoff der Nürn­berger Prozesse wagt.

Man könnte meinen, dieser Stoff sei bereits unzählige Male verfilmt worden. Am bekann­testen ist wohl Stanley Kramers Klassiker Das Urteil von Nürnberg aus dem Jahr 1961, der mit aller Klarheit ein mora­li­sches Statement zum Natio­nal­so­zia­lismus formu­liert. Vander­bilt geht jedoch einen anderen Weg: Er konzen­triert sich auf die Beziehung zwischen Göring und dem ameri­ka­ni­schen Mili­tär­psych­iater Douglas Kelley (gespielt von Rami Malek), der nach dem Kriegs­ende nach Nürnberg geschickt wird, um den psychi­schen Zustand der 22 inhaf­tierten NS-Funk­ti­onäre zu beur­teilen, bevor sie vor dem inter­na­tio­nalen Gericht zur Verant­wor­tung gezogen werden. Das Drehbuch basiert auf der wahren Geschichte, die Jack El-Hai in seinem Buch »The Nazi and the Psych­ia­trist« zusam­men­ge­tragen hat.

Von seiner Aufgabe faszi­niert, plant der junge Arzt nicht nur ein Buch darüber zu schreiben, sondern versucht zugleich zu verstehen, was diese Männer antreibt. Sein Ziel sei es, »das Böse« anhand der Haupt­an­ge­klagten zu analy­sieren und zu defi­nieren, um in der Zukunft solche Verbre­chen zu verhin­dern. »We could make sure something like this never happens again«, erklärt er zu seinem Dolmet­scher Howie Triest (gespielt von Leo Woodall) – ein Satz, der zugleich von hoch­am­bi­tio­niertem Idea­lismus und naiver Selb­stü­ber­schät­zung zeugt. Dies spiegelt sich im skeptisch-schmun­zelnden Gesichts­aus­druck des Dolmet­schers wider, der als ein deutscher Jude eines Besseren belehrt wurde.

Den Großteil der Zeit verbringt Kelley mit Hermann Göring. Zwischen beiden entwi­ckelt sich ein psycho­lo­gi­sches Kräf­te­messen. Crowe verleiht Göring dabei eine vers­tö­rende Mischung aus Charisma, Glaub­wür­dig­keit und Berech­nung; sein Spiel ist so über­zeu­gend, dass man ihm – bei aller Kenntnis seiner Verbre­chen – beinahe alles abnimmt, was er behauptet. Gerade darin liegt das Absurde und zugleich Beun­ru­hi­gende dieser Figur. Göring erscheint nicht nur als Ange­klagter, sondern als Erzähler seiner eigenen Wahrheit.

Kelley hingegen wirkt zunehmend fehl am Platz – wie ein Beob­achter aus einer anderen Zeit, dessen Blick zwischen wissen­schaft­li­cher Neugier und persön­li­cher Faszi­na­tion schwankt. Trotz seines Wissens über Görings Verbre­chen wirkt der Psych­iater zeitweise wie verzau­bert. Dabei ist Douglas Kelley vor allem derjenige, der zu Beginn als »Zauberer« einge­führt wird. Bereits in seiner ersten Szene im Zug demons­triert er einer ihm gegen­ü­ber­sit­zenden hübschen Frau einen Karten­trick. Durch diese harmlosen Tricks mit Karten oder Münzen gelingt es ihm, Kontrolle zu demons­trieren und Nähe herzu­stellen. Im Rückblick erscheinen sie jedoch wie eine bittere Ironie. Denn der eigent­liche »Magier« ist Göring selbst: Mit der versteckten Zyan­ka­li­kapsel entzieht er sich dem Galgen und reißt damit den letzten Akt der Insze­nie­rung an sich. Aus dem vermeint­li­chen Duell wird ein Spiel der Täuschung, in dem die Illusion von Kontrolle auf Seiten der Ermittler liegt, während der Täter bis zuletzt die Regeln bestimmt. Auch Robert H. Jackson (über­zeu­gend gespielt von Michael Shannon) muss teilweise zu indis­kreten Mitteln greifen, um den gewieften Göring vor den Augen der Weltöf­fent­lich­keit als Verbre­cher erscheinen zu lassen – mit wenig Erfolg.

Wie ein roter Faden zieht sich dieses Spiel der Täuschung durch den Film und bringt den Begriff der Wahrheit ins Wanken. Sie erscheint nicht mehr als fest­ste­hende Größe, sondern als etwas, das ausge­han­delt, insze­niert und immer wieder verschoben wird.

Nicht nur Kelleys zeitweise Faszi­na­tion vom Inbegriff des Bösen verleiht dem Film eine ambi­va­lente Note. Nicht weniger umstritten wirkt die Verwen­dung doku­men­ta­ri­scher Aufnahmen aus den befreiten Konzen­tra­ti­ons­la­gern. Sie erscheinen weniger organisch einge­bunden als vielmehr wie ein Versuch, dem Film nach­träg­lich mora­li­sches Gewicht zu verleihen. Es entsteht der Eindruck, dass der Regisseur nicht genau wüsste, wie er an das Thema »Holocaust« heran­gehen sollte.

Man kann diesem Film vieles vorwerfen: Seine Konven­tio­na­lität, seine emotio­nale Ober­fläch­lich­keit – gerade ange­sichts des Themas – und seine drama­tur­gi­schen Schwächen. Dennoch ist er in einer Zeit, in der das Völker­recht von einigen Großmächten buchs­täb­lich mit den Füßen getreten wird, erschre­ckend aktuell – und genau darin liegt seine Stärke.

In den Gesprächen zwischen Kelley und Göring werden zentrale Fragen verhan­delt: Kollek­tive Verant­wor­tung und Schuld. Und abermals wird die Plat­ti­tüde »Wir wussten es nicht« einge­wendet. Auch die auf den ersten Blick banalen Fragen nach »Gut« und »Böse« stehen immer wieder im Raum und lassen sich nicht eindeutig beant­worten bzw. zurück­weisen, so wie Görings gekon­terte Aussagen über ameri­ka­ni­sche und sowje­ti­sche Verbre­chen.

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass die Formel »Never Again« eine fragile Illusion ist. Douglas Kelley mag seine Zeit­ge­nossen nicht überzeugt haben – die Zuschauer erreicht diese Einsicht umso stärker.