| GB/USA 2026 · 80 min. Regie: Yuval Abraham, Rachel Szor Drehbuch: Yuval Abraham, Rachel Szor Kamera: Rachel Szor Schnitt: Yuval Abraham, Rachel Szor |
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| Eine der Leistungen dieses Films: Er zeigt uns das Antlitz des Krieges, auch des Kriegs der Zukunft... | ||
| (Foto: IMMERGUTEFILME) | ||
Dies ist ein agitatorischer Film. Ein Film, der von Anfang an weiß, was er zeigen will und der es auch zeigt. Ein Film, der keine Fragen stellt, weil er bereits im Vorhinein alle Antworten kennt. Ein Film, der sich von nichts überraschen lässt, der keine Zwischentöne zulässt, keine Grauzonen, keine Ambivalenzen und keine Ambiguität. Dieser Film kennt nur Schwarz und Weiß, Gut und Böse, richtig und falsch. Er ist das Gegenteil eines neugierigen, sensiblen, offenen oder
ergebnisoffenen Films.
Dieser Film weiß von Anfang an, wo er steht. Er möchte diesen Standpunkt illustrieren, er möchte sich bestätigt wissen.
Das eigentliche Thema und Ziel von Naza ist die Selbstbestätigung des Publikums. Wer mitklatscht, macht sich schuldig.
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Man kann vieles aus diesem Film erfahren. In den ersten 60 Minuten dominieren technische Aspekte. Die kühle Sachlichkeit des Ernstfalls dominiert. Es ist beeindruckend und spannend, was Naza über die Technik der derzeitigen Kriegsführung Israels und ihrer Verteidigung gegen den arabischen Terror erzählt. Es ist hochinteressant und angesichts der Bedrohung beruhigend zu erfahren, wie das israelische KI-System »Lavender« funktioniert und riesige Datenmengen im Nu verarbeitet, wie fortgeschritten und hochgradig ausdifferenziert bereits die Identifizierung einzelner Personen möglich ist. Wie bei möglichen Militärschlägen das Erwartungsmanagement funktioniert, und das israelische Militär (IDF) versucht, die Zahl der zivilen Opfer in Grenzen zu halten. Denn tatsächlich bedeutet der Titel genau dies: »NAZA« geht auf das hebräische »nezek agavi« für »Kollateralschaden« zurück. Damit werden die Zivilisten bezeichnet, die bei einem Angriff möglicherweise getötet werden.
Der Film erzählt nicht dazu, dass der Zweck der NAZA-Formel genau darin besteht: Festzustellen, ob ein Ziel überhaupt angegriffen werden soll, und welche Maßnahmen ergriffen werden müssen, um den Kollateralschaden zu verringern. Es gibt Hunderte von Soldaten der IDF, die nichts anderes tun, als solche Berechnungen anzustellen und dadurch die Bevölkerung des Feindes zu schützen.
Im Gegensatz zu Hamas und Hisbollah, die ihre Stützpunkte bewusst mitten unter der Zivilbevölkerung, in Schulen und Krankenhäusern platzieren, um die Zahl der zivilen Toten hochzutreiben.
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Man müsste so einen Film einmal über die Seite der Feinde Israels, über die arabische Seite machen. Oder haben die gar keine Geheimdienste, arbeiten nicht mit Überwachungstechniken und versuchen auch nicht, durch politisches Lobbying und Polit-PR die Öffentlichkeiten im Westen zu beeinflussen?
Naza tut manchmal so, als wäre die beschriebene Kriegsführung ein Alleinstellungsmerkmal Israels. Tatsächlich aber kämpfen alle so: Die Ukrainer und die Russen, die USA und die Perser. Genau darin liegt eine der Leistungen dieses Films: Er zeigt uns das Antlitz des Krieges, auch des Kriegs der Zukunft.
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Aber er misst auch mit zweierlei Maß: Die Regisseure sind schlau genug, ihren Film kurz mit den Ereignissen des 7. Oktober 2023 einzuleiten und die schuldigen Täter der Hamas ebenso zu benennen, wie die Komplizenschaft und klammheimliche Unterstützung unter der arabischen Bevölkerung. Sie tun dies allerdings in der distanzierten Form israelischer Nachrichtenbilder.
Als es am Ende um die arabischen Opfer geht, zeigen sie Chaos und Zerstörung, Tote auf der Straße, einen trauernden Vater, die Füße seiner toten Kinder. So haben sie den 7. Oktober nicht gezeigt. Ihr Film will offensichtlich nur Tote der einen Seite zeigen.
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Es geht nicht um Objektivität. Parteilichkeit ist legitim, und ein Film, der nur »die Wirklichkeit« und »die Wahrheit« darstellt eine Illusion. Dokumentarische Wahrheit ist das Streifen einer Wirklichkeit, aber es bleibt immer Fiktion, ist immer erlebte Erzählung.
Es geht eher um Konsequenz der Betrachtung, und um Aufrichtigkeit. Es ist unaufrichtig, wenn dieser Film Einzelfälle aufeinanderhäuft, vor allem Einzelfälle des Versagens. Zum Beispiel hat einmal ein Hamas-Terrorist sein Telefon zu Hause vergessen, und mittels Mobiltelefon werden die Personen aufgespürt. Darum wird dann nur seine Familie bombardiert, anstatt er selbst. Das ist trauriges Pech für die Betroffenen. Aber es ist kein Fehler der Armee, und schon gar nicht ist es der
Regelfall.
Unaufrichtig ist es, wenn der Film erzählt, wie die Zahl möglicher (!!) Opfer einmal 500:1 betrug. Aber es wird uns nie erzählt, wie oft ein Militärschlag nur die Zielperson getroffen hat.
Alles, was nicht ins Bild passt, wird weggelassen. Insofern liegt die große Verlogenheit von Naza nicht in einer Falschaussage, sondern in dem, was er weglässt und zu erzählen vermeidet.
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Die Geschichte dieses Films ist von seinen Produktions- und Veröffentlichungsbedingungen nicht zu trennen.
Die Premiere von Naza vor zwei Wochen verwandelte Filmkritiker in Sportreporter und Fanboys. Sie sprachen plötzlich nicht mehr über die Qualität eines Kinowerks, sondern maßen Applauslängen, und berichteten danach triumphierend, »so lange wurde noch nie für einen Film applaudiert!«, 25 Minuten seien es gewesen. Daraus schlossen sie dann, der Film sei nicht etwa gut oder sehr gut, sondern »ein Meisterwerk« (filmstarts.de) – so geschehen vor drei Wochen in Venedig. Kurz darauf gewannen Yuval Abraham und Rachel Szor einen Silbernen Löwen.
Die, die so berichteten, reflektierten nicht, dass Applauslängen nicht das Geringste über die Qualität eines Films aussagen. Sie bedachten nicht, dass sich Applaus durch bestellte Claqueure orchestrieren lässt, dass er und die sofortigen Agenturmeldungen über ihn heute längst Teil einer globalen Marketingkampagne geworden sind; sie bedachten auch nicht, wer da weshalb klatscht – nämlich eine schon vorab zum bedingungslosen Applaus entschlossene, sehr bestimmte kleine Blase der internationalen Kunstszene –, und ihnen kam auch nicht der Gedanke, dass dieser Applaus vielleicht viel mehr über diejenigen aussagt, die da applaudieren, als über den Film selbst.
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Von nun an aber war der Film und der Applaus für ihn in der Welt, und mit ihm der Startschuss für das Rennen um den Auslands-Oscar, der in sechs Monaten in Los Angeles vergeben wird. Und es dauerte nur wenige Stunden, da war Naza von einem nahezu unbekannten Film zu einem internationalen Phänomen und einer Staatsaffäre geworden.
Denn in Israel fiel die Reaktion auf diesen Dokumentarfilm genau entgegengesetzt aus. Schnell gab es Vorwürfe des Geheimnis- und Landesverrats, Regierungschef Benjamin Netanjahu warf dem Werk vor, zur weltweiten »antisemitischen Aufstachelung« beizutragen. Generalstabschef Eyal Zamir forderte eine juristische Prüfung. Kulturminister Miki Zohar ging sogar so weit, zu verlangen, dass den Regisseuren die Staatsangehörigkeit entzogen werde – was im Rechtsstaat Israel ein ziemlich abstruses Unterfangen ist, sich aber im derzeitigen Knessetwahlkampf gut macht, ebenso wie unter den internationalen Israelhassern und Antisemiten, deren Vorurteile durch solche Überreaktionen nur bestätigt werden.
So war Naza zu einem politischen Ereignis geworden, bevor ihn die allermeisten derjenigen, die ihn verurteilten oder feierten, überhaupt gesehen hatten.
Auch sein Kinostart ab diesem Donnerstag ist ein Ereignis: In über 50 Ländern wird er zeitgleich in den Kinos herausgebracht. Und die britische Zeitung »Guardian«, deren Rechercheergebnisse in den Film einflossen, und die ihn gemeinsam mit einer britischen Produktionsfirma hergestellt hat, kündigte an, den Film ab Ende November 2026 auf der Guardian-Webseite ohne Bezahlschranke als Stream verfügbar zu machen.
Unverblümt ist Naza damit Werkzeug in einer politischen Kampagne, einer Kampagne, die von sich behauptet, Aufklärung zu leisten, die aber dabei immer schon die Ergebnisse und die Schuldigen kennt, und in ihren Vorab-Gewissheiten durch keine neuen Fakten und Ergebnisse zu irritieren oder zu erschüttern ist.
Wie gesagt: Grauzonen und Unschärfen gibt es nicht in dieser Welt, keine unangenehmen Tatsachen, keine Ambivalenzen. Das Urteil steht
fest. Naza ist dazu der Schauprozess.