Ein Münchner im Himmel – Der Tod ist erst der Anfang

Deutschland 2025 · 94 min. · FSK: ab 6
Regie: David Dietl
Drehbuch:
Kamera: Holly Fink
Darsteller: Maximilian Brückner, Momo Beier, Hannah Herzsprung, Marcel Mohab, Heiner Lauterbach u.a.
Ein Münchner im Himmel - Der Tod ist erst der Anfang
Was alles möglich gewesen wäre...
(Foto: Leonine)

Der Himmel ist auch nicht mehr das, was er mal war

David Dietl versucht Ludwig Thoma, Monaco Franze und Postkarten-München zusammenzuführen und landet irgendwo zwischen Jenseitsverwaltung, Familienkitsch und bayerischer Dauerfolklore

Es ist schon auffällig, wie sehr sich das deutsche Kino derzeit für das Jenseits inter­es­siert. Kaum ein halbes Jahr vergeht ohne irgend­eine Variante von Tod als Büro­kratie, Himmel als Zwischen­behörde oder Fegefeuer als Thera­pie­zone. Viel­leicht liegt darin ein Symptom der Gegenwart: dass man selbst das meta­phy­sisch Unver­füg­bare inzwi­schen nur noch als Verwal­tungs­ap­parat erzählen kann. Julius Grimms über­schätzte Komödie Zweig­stelle etwa verwan­delte das Sterben in eine Art kafka­esken Behör­den­witz. Nun also David Dietls Ein Münchner im Himmel – Der Tod ist erst der Anfang, der sich lose an Ludwig Thomas berühmte sati­ri­sche Kurz­ge­schichte Der Münchner im Himmel anlehnt und daraus eine baye­ri­sche Feelgood-Fantasy bastelt.

Das Problem beginnt dabei nicht einmal mit der Idee selbst. Denn tatsäch­lich besitzt Thomas 1911 erschie­nene Satire bis heute eine erstaun­liche Gegen­wär­tig­keit. Der Münchner Grantler Alois Hingerl, der als Engel im Himmel scheitert und lieber wieder Bier trinken und schimpfen möchte, funk­tio­niert deshalb so gut, weil Thoma die baye­ri­sche Selbst­my­tho­lo­gi­sie­rung gleich­zeitig liebt und verspottet. Diese Doppel­be­we­gung – Zuneigung und Bosheit zugleich – machte den Text zu einem ikoni­schen Stück Literatur, das über Jahr­zehnte hinweg immer wieder neu einge­spro­chen, adaptiert und folk­lo­ris­tisch ausge­schlachtet wurde. Der Witz lebt vom Wider­stand gegen jede Verede­lung. Hingerl ist kein herzens­guter Depp. Er ist anstren­gend, stur, kleinlich und gerade deshalb komisch und wäre eigent­lich der ideale Held für unsere egozen­tri­sche Social-Media-Gegenwart.

David Dietls Film jedoch will seinem Helden diese gefähr­liche Unbe­quem­lich­keit nicht antun. Maxi­mi­lian Brückner spielt den Münchner Taxi­fahrer Ludwig »Wiggerl« Brunner als eine Art sakrisch guten Typen mit leichtem Hang zum Granteln, aber tief drinnen selbst­ver­s­tänd­lich goldenem Herzen. Schon damit verschiebt sich der Ton entschei­dend. Aus der sati­ri­schen Figur wird ein fami­li­en­kom­pa­ti­bler Sympa­thie­träger. Dass Wiggerl nach einem Auto­un­fall im Himmel landet und dort wegen seines mise­ra­blen Karma-Kontos Probleme bekommt, dort auch bleiben zu dürfen, entwi­ckelt der Film folge­richtig nicht als böse Farce, sondern als senti­men­tale Läute­rungs­ge­schichte. Natürlich geht es irgend­wann um Tochter, Ex-Beziehung, verlo­renen Vater, emotio­nale Versöh­nung und die Erkenntnis, dass der wahre Himmel eigent­lich die Familie sei. Man kennt diese Drama­turgie inzwi­schen aus fast allen ameri­ka­ni­schen Film-Genres so gut, dass man sich irgend­wann fragt, warum hier überhaupt noch permanent bayerisch geredet wird.

Dabei versucht der Film gleich­zeitig fieber­haft, ein anderes München, das alte, längst begrabene München zu beschwören: jenes knarzig-warme, leicht verranzte, melan­cho­lisch-versof­fene München, das man aus Helmut Dietls Serien kennt. Denn immer wieder glaubt man hier tatsäch­lich den »Gespens­tern« aus Monaco Franze oder Kir Royal zu begengnen. Diese Mischung aus Lebens­künst­lertum, urbanem Schlen­drian und tragi­ko­mi­scher Müdigkeit. David Dietl zitiert seinen Vater sichtbar und mit großer Ehrfurcht. Doch genau darin liegt viel­leicht auch eins der Probleme dieses Films. Die Zitate bleiben Re-Enact­ments. Sie erzeugen Wieder­erkennen, aber kein Eigen­leben.

Denn Helmut Dietls Figuren waren niemals bloß gemütlich. Der Monaco Franze war eben nicht nur der charmante Stenz, sondern auch eine traurige Figur des ewigen Davon­lau­fens. Seine Komik entstand aus einem exis­ten­zi­ellen Mangel­ge­fühl heraus. In Ein Münchner im Himmel – Der Tod ist erst der Anfang dagegen wird das Milieu zur nost­al­gi­schen Deko­ra­tion. Das alte München erscheint wie ein Märchen­bild für Menschen, die Schwabing nur noch aus Feuil­le­ton­texten kennen. Bier­gärten leuchten golden, schrul­lige Neben­fi­guren dürfen ein bisschen herum­schnurren, dazu dudelt sich permanent eine baye­ri­sche Musik­folk­lore durch die Szenen, als hätte jemand Angst, der Zuschauer könnte vergessen, wo er sich befindet. Dabei ist ja nicht ausge­schlossen, dass auch das funk­tio­nieren kann, sieht man sich etwa das letzte Pumuckl-Re-Enactment Pumuckl und das große Miss­ver­s­tändnis an, dem durchaus ein Eigen­leben gelingt.

Dabei ginge es auch ganz, ganz anders, sieht man sich etwa Adrian Goigin­gers wunder­baren Wiener Musikfilm Rickerl – Musik is höchstens a Hobby an. Dort entsteht aus lokal kolo­riertem Lebens­künst­lertum tatsäch­lich eine Figur mit Brüchen, Verlet­zungen und sozialer Realität. Voodoo Jürgens spielt diesen Wiener Verlierer mit einer Müdigkeit und Würde, die den Film permanent zwischen Komik, Absturz und Erschre­cken schweben lässt. Bei Dietl hingegen bleibt alles weich gepols­tert. Selbst das Jenseits wirkt wie eine Event­fläche mit leicht esote­ri­schem Einschlag.

Das liegt auch an der Insze­nie­rung des Himmels selbst. Seit Wim Wenders’ Der Himmel über Berlin wissen wir, dass Engel vor allem Beob­achter sind: melan­cho­li­sche Wesen auf den Schultern der Menschen, die deren Sehn­süchte hören. Dietls Himmel dagegen funk­tio­niert eher wie eine Mischung aus Bürger­büro und Wellness-Lounge. Olli Schulz als Schutz­engel bemüht sich redlich um lako­ni­schen Humor, doch vieles wirkt wie impro­vi­sierte Sket­ch­ar­beit zwischen BR-Comedy und Strea­ming­serie, auch wenn es Dietl an einer Stelle gelingt, Wenders und seinen Engel-Film kongenial zu zitieren.

Und dann gibt es einzelne Momente, in denen etwas anderes, etwas Über­ra­schendes aufblitzt. Hannah Herz­sprung etwa verleiht Ex-Frau Kathi eine angenehm spröde Präsenz, die kurz­fristig echte Verlet­zungen erahnen lässt. Und auch Maxi­mi­lian Brückner hat in ruhigeren Szenen jene leicht traurige Körper­lich­keit, die dem Film in größeren Anteilen gutgetan hätte. Dann blitzt kurz auf, was möglich gewesen wäre: eine Tragi­komödie über eine Stadt, die längst ihre Identität verloren hat und zum verlo­genen Selbst­zitat geworden ist.

Doch passiert das, zieht sich Dietls Insze­nie­rung nach dem Drehbuch von Marcus Pfeiffer und Christian Lex auch schon wieder zurück. Niemand darf dauerhaft unan­ge­nehm sein, niemand wirklich scheitern, niemand verloren gehen, niemand verletzt werden. Das Kino wird zur thera­peu­ti­schen Versöh­nungs­ma­schine. Viel­leicht erklärt genau das die gegen­wär­tige Konjunktur solcher Himmel­fahrts­ge­schichten: In einer erschöpften Gesell­schaft soll selbst der Tod noch ein Feelgood-Erlebnis liefern.