Mother's Baby

Österreich/CH/D 2025 · 108 min. · FSK: ab 12
Regie: Johanna Moder
Drehbuch: ,
Kamera: Robert Oberrainer
Darsteller: Marie Leuenberger, Hans Löw, Claes Bang, Julia Franz Richter, Nina Fog u.a.
Mother's Baby
Ein modernes Mütterdrama...
(Foto: jip film)

Die Wissenschaft, möglicherweise...

Abweichende Gefühle: Muss man Kinder wollen? Hat die Natur immer Recht? Johanna Moders Mother’s Baby stellt die bürgerliche Familienideologie infrage, bedient aber auch wissenschaftsfeindliche Klischees

Gleich zu Beginn steht ein ausge­las­senes Frei­zeit­ver­gnügen bei einer Achter­bahn­fahrt; das gibt den Ton vor. Und ist dies nicht gleich eine Analogie aufs ganze Leben?

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Das Leben ist kein Wunsch­kon­zert, sagt man gern. Für Julia ist es das aber schon, so scheint es anfangs, und das gleich in mehr­fa­cher Hinsicht: Netter Mann, edel­de­signte weiß­ge­tünchte und holz­ver­tä­felte teure Penthouse-Wohnung mitten in Wien, und ein künst­le­ri­scher Selbst­ver­wirk­li­chungs­beruf: Sie ist eine sehr erfolg­reiche Diri­gentin im Klassik-Segment.
Das einzige was noch fehlt zum libe­ral­bür­ger­li­chen Bilder­buch­glück, ist ein Kind.

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Julia und ihr Gatte Georg wünschen sich das schon lange. Weil es aber auf natür­li­chem Weg nicht klappt, wenden sie sich an den smarten Dr. Vilfort, der eine private Kinder­klinik leitet, die sich als Kinder­wunsch­klinik entpuppt, und dem aller­neu­esten Stand der Forschung entspricht. Vilfort (»Wir wissen hier, was wir machen.«) wirbt mit seinen Erfolgs­raten – »nicht nur national, auch euro­pa­weit!« – und macht ihnen Hoffnung, dass der Kinder­wunsch mithilfe seiner neuar­tigen expe­ri­men­tellen Methodik schnell in Erfüllung gehen dürfte: »Ich denke nicht, dass wir mehr als einen Versuch benötigen werden.«
Nach normaler Schwan­ger­schaft verläuft jedoch die Geburt nicht wie geplant, eine Saug­glocke kommt zum Einsatz, und das Baby wird danach erstmal sofort woanders hin gebracht, um behandelt zu werden, ohne dass die fassungs­losen Eltern erfahren, was genau passiert ist.

Erst später hören sie von Sauer­stoff­mangel, dass ihr Kind behandelt würde, und immer wieder, das sei alles völlig normal. »Völlig normal...«

Als sie endlich ihr Baby wieder­be­kommen, empfindet Julia bald eine seltsame kaum erklär­liche Distanz zu ihm. Die Merk­wür­dig­keiten häufen sich... Und die Anwe­sen­heit des Babys wird zunehmend zu einer Belastung für ihr Leben, denn Julia hat immer mehr Zweifel, ob das Wesen, das zu ihr nach Hause gebracht wurde, tatsäch­lich ihr Kind ist. Sie fragt sich, ob es in der Privat­klinik mit rechten Dingen zugeht? Und ahnt mehr, als sie es weiß, dass sie keine kurze Depres­sion durchlebt, sondern mehr dahin­ter­steckt. Julia wird ihr eigenes Kind unheim­lich.

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Schon in seinem Titel erinnert Mother’s Baby an Roman Polanskis Welt­erfolg Rose­ma­ries Baby. Mögli­cher­weise der Teufel war damals, Ende der sechziger Jahre, die Ursache einer scho­ckie­renden, tabu­bre­chenden Film­hand­lung.

In unseren Zeiten hat die Bedrohung und das als böse Empfun­dene längst zumindest seine Gestalt gewech­selt: Es braucht keinen Teufel und keine Religion mehr, es ist ein inner­welt­li­ches, dies­sei­tiges Böses, das viel­leicht die Gestalt der Wissen­schaft besitzt, der Ärzte, die Dinge tun, die die gemeine Frau und der gemeine Mann nicht verstehen oder nicht billigen.

Da Johanna Moder sich ganz auf die Innen­sicht der Mutter konzen­triert und das Publikum an dieser Anteil nehmen lässt, erleben wir, dass das Mutter­sein auch ein Horror­trip sein kann – und dass es das auch ohne Probleme bei der Geburt oft tatsäch­lich ist: Alle reden mit, alle geben Ratschläge, alle wissen es besser. Und im Zwei­fels­fall kann sich Julia auch nicht auf ihren Mann verlassen.

Hinzu kommen noch die Behörden, die im »achtsamen« Nanny-Staat des 21. Jahr­hun­derts zunehmend über­grif­fige Tendenzen entwi­ckeln.

Selbst diese reiche privi­le­gierte Groß­bür­ger­fa­milie bleibt davon nicht verschont und erhält Besuch von einer Mitar­bei­terin der Sozi­al­behörden. Die versi­chert ihr: »Man darf das nicht als Über­wa­chung seitens des Jugend­amtes verstehen. Das ist einfach ein beglei­tendes Angebot.«
Aber dann der Wink mit dem Zaunpfahl: »Sie müssen sich jetzt wirklich dringend für einen Namen für das Baby entscheiden. Da gibt es gesetz­liche Fristen, da sind uns die Hände gebunden.«

Insofern kommt die Gesell­schafts­kritik nicht zu kurz. Dieser Film zeigt die Ober­klasse einer Gesell­schaft, in der erwach­sene Frauen jahrelang nichts anderes tun oder zu tun haben, als zwischen Baby-Yoga und Baby-Schwimmen und einem Spazier­gang im Park und einem Besuch beim Kinder­arzt herum­zu­pen­deln. Eine voll­ver­sorgte, und gerade darum über­be­sorgte Gesell­schaft, die sich selbst verhät­schelt, und das, wovon sie am meisten redet, nämlich Wider­stands­kraft, Gelas­sen­heit und Resilienz, am wenigsten besitzt.

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Muss man Kinder wollen, um perfekt zu leben? Muss man, wenn es nicht klappt, denn unbedingt alles Wissen­schaft­liche bemühen, um die Natur zu bezwingen? Und hat die Natur denn immer Recht?

Der Film gibt auf all diese Fragen nur skep­ti­sche Antworten. Moder zeigt, dass das Mutter­sein nicht notwendig das reine Glück bedeutet, wie es unsere bürger­liche Fami­li­en­ideo­logie sugge­riert und davon abwei­chende Gefühle gern bestraft.
Geburt und Kind sind mit zu großen Verspre­chungen aufge­laden, so eine Aussage des Films.

Das gilt auch schon für die Geburt selbst: Es sind alltäg­liche Geburts­er­fah­rungen, die hier beschrieben werden, und die man nicht schön finden muss, um sie viel­leicht auch umgekehrt nicht gleich als »trau­ma­tisch« zu beschreiben: Ein Arzt, der nicht Klartext spricht, weil er manchmal selber nicht genau weiß, was los ist und tausend andere Dinge im Kopf hat, die Mutter aber nur eines; die Anäs­the­sie­schwester, die alle Fragen mit einem Lächeln wegwischt; die Hebamme, die trotz Panik im Gesicht und hekti­scher Aktivität weiter versi­chert, alles sei in Ordnung und normal.
Alles kleinere und größere Hilf­lo­sig­keiten, die man im Umgang mit der Medizin kennt.

Gut, moderne Menschen wissen mehr, auch über ihre Gefühle, und machen deswegen trotzdem mindes­tens so viel falsch wie frühere Gene­ra­tionen.

Sensi­bi­lität ist eine zivi­li­sa­to­ri­sche Errun­gen­schaft, Empathie ist in vernünf­tigen Dosen immer von Vorteil. Aber Über­emp­find­lich­keit ist eine Krankheit. Und die Aussage, es gebe keine Über­emp­find­lich­keit, ist eine Behaup­tung, schnell dahin­ge­sagt, und heute gern benutzt, um alles Mögliche zu recht­fer­tigen. In diesem wird sie aber durchs Verhalten der Haupt­figur widerlegt, so wie sie es wissen­schaft­lich schon lange ist.

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Der Film hat kein konkretes Thema im Sinne eines Inhalts, der sich in irgend­einer Weise auf einfache Schlag­worte redu­zieren ließe, wie »post­na­tale Depres­sion« oder »Opti­mie­rungs­ge­sell­schaft«. Oder auf die Angst und die Besser­wis­serei der Menschen gegenüber der Wissen­schaft. Alles das spielt eine Rolle, ist aber nur ein Teil des Ganzen.

Am deut­lichsten geht es hier um falsche Perfek­ti­ons­an­sprüche und die Schuld­ge­fühle, die entstehen, wenn man ihnen nicht genügt.

Dies ist daher auch ein Film für die große Acht­sam­keit in unserer »thera­peu­ti­schen Gesell­schaft« (Marc Saxer), wie sie Fachleute beschreiben, für ein Zeitalter, das sich selbst so streng beob­achtet und so genau, wie keine Epoche je zuvor und das eine entspre­chende Sensi­bi­lität entwi­ckelt.

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Das alles ist hervor­ra­gend und in subtilem Schrecken insze­niert. Dazu gehört, wie Kamera und Licht den cleanen Luxus und die kalte Gesichts­lo­sig­keit dieser privi­le­gierten Ober­schicht betonen, die in schicken, in sterilem Weiß gehal­tenen, mini­ma­lis­tisch einge­rich­teten Wohnungen hoch über dem gewöhn­li­chen Dasein lebt, und deren Leben auch sonst einem Hoch­glanz­ka­talog entsprungen zu sein scheint.

Die Mutter wird von Marie Leuen­berger gespielt, die man leider nicht oft im Kino sieht, aber dafür aus dem deutschen Fernsehen (Ein Krimi in Passau) in der Rolle einer in einem Zeugen­schutz­pro­gramm unter­ge­tauchten Poli­zistin, auch einer Über­mutter, wenn auch anderer Art. Ihren Mann spielt der zu wenig zu sehende Hans Löw als »modernen Mann« in aggres­siver Passi­vität. Den Kinder­pro­duk­ti­ons­chir­urgen gibt wiederum der Schwede Claes Bang, bekannt durch die Haupt­rolle des Kunst­ku­ra­tors im schwe­di­schen Cannes-Gewinner The Square. Der gibt seinem Repro­duk­ti­ons­me­di­ziner eine aalglatte Routine, bei der man sich lange nicht sicher ist, ob sich dahinter eine Reinkar­na­tion des perversen Doktor Moreau verbirgt, oder nur der Stoi­zismus eines 08/15-Medi­zi­ners, der wieder mal eine nervige Mutter ohne Drama aus dem Büro expe­dieren möchte.

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Mother’s Baby ist vor allem ein filmi­sches Spiel mit der Unsi­cher­heit. Auch der des Publikums. Man muss es schon offen zugeben: Bis zu einem bestimmten Grad denun­ziert dieser Film Ärzte und Wissen­schaft. Er bedient allzu schlichte Klischees von der »Kälte der Vernunft«, von der »höheren Wahrheit der Gefühle der Mütter«. Er nährt die sowieso schon vorhan­dene und während der Pandemie explo­dierte Wissen­schafts­skepsis unserer Gesell­schaften.
Doch gleich­zeitig schlägt er aus unseren Alltags­ängsten und Urängsten bezau­bernde Funken.

Trotzdem ist die hier implizit formu­lierte Kritik an der Repro­duk­ti­ons­me­dizin und ihren Verspre­chen ein bisschen schlicht. Auch heute werden weder »Desi­gner­babys« verspro­chen, noch ein »Kind auf Knopf­druck«. Aber was soll grund­sätz­lich falsch daran sein, beim eigenen Kind sowohl essen­ti­elle Entschei­dungen – für Gesund­heit, gegen Behin­de­rung – als auch für bestimmte Vorlieben – das Geschlecht, die Haarfarbe – zu treffen, wenn es möglich ist?

Wir haben gelernt, dass viel unwich­ti­gere Dinge nicht mehr »in Gottes Hand« liegen. Warum soll man die eigene Zukunft und die der Familie »dem Schicksal« über­lassen?

Es gibt hier keine einfachen und eindeu­tigen Antworten. Mother’s Baby ist da mitunter schwach, wo er sie doch nahelegt, und explizit wird. Er ist aber umso stärker im Formu­lieren der Fragen, dort wo er offen ist, und sein Publikum dem Diffusen aussetzt.

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Das Leben ist wie gesagt kein Wunsch­kon­zert. Genau gesagt möchte uns dies das repres­sive »Man« unserer Gesell­schaft glauben machen, das Menschen in die Spur setzen und zum Funk­tio­nieren bringen will. Dazu wird dann, weil »Gott tot ist« (Friedrich Nietzsche), eine Art Schick­sals­gläu­big­keit anerzogen, eine Hingabe ans Gegebene. Für diese Haltung gibt es aber keinen vernünf­tigen Grund. Denn Aufklärung (und Wissen­schaft) sind nicht nur, wie Kant sagte, »der Ausgang aus selbst­ver­schul­deter Unmün­dig­keit«, und das Leben, wie die Roman­tiker ergänzten, ein Fort­schritt in »unend­li­cher Perfek­ti­bi­lität«, sondern Eman­zi­pa­tion vom Gegebenen. Die Umge­stal­tung und Verwand­lung der Welt.
Es wäre doch schön, wenn das Leben ein Wunsch­kon­zert wäre. Oder?

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Johanna Moder ist ein kluger Film gelungen, der den Horror im Alltag entdeckt. Ein Horror­film ist Mother’s Baby1 auch dadurch, dass das Baby, um das es hier geht, lange keinen Namen und kein Geschlecht zu haben scheint. Immer nur wird von »es« gespro­chen, von »dem Baby« oder »dem Kind«. Wie von einer Sache.
Das entspricht der Distanz Julias, die womöglich ihre guten Gründe hat. Nur wenn man sehr aufmerksam den Dialogen zuhört, weiß man irgend­wann mehr.

So wie irgend­wann heraus­kommt, dass in der Klinik mit Rege­ne­ra­ti­ons­fähig­keit expe­ri­men­tiert wird, mit der Eigen­schaft des mexi­ka­ni­schen Schwanz­lurchs, seine Glied­maßen aus embryo­nalen Stamm­zellen nach­zu­bilden, und dass die Kühl­fächer des Labors neben solchen Axolotl auch embryo­nale Kadaver bergen...

Mit Mother’s Baby ist Johanna Moder ein modernes Mütter­drama von queck­silb­riger Faszi­na­tion und packender Inten­sität in »typisch öster­rei­chi­schem« Stil geglückt.