| Frankreich 2026 · 113 min. · FSK: ab 0 Regie: Leyla Bouzid Drehbuch: Leyla Bouzid Kamera: Sébastien Goepfert Darsteller: Eya Bouteraa, Hiam Abbass, Marion Barbeau, Feriel Chamari, Karim Rmadi u.a. |
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| Begegnung im Olivenhain | ||
| (Foto: Neue Visionen) | ||
Was passiert, wenn ein Familiengeheimnis plötzlich nicht länger verborgen werden kann? Die tunesische Regisseurin Leyla Bouzid erzählt in ihrem neuen Film Mit leiser Stimme von einer jungen Frau zwischen Frankreich und Tunesien, zwischen familiärer Loyalität und persönlicher Freiheit. Was als Geschichte einer Rückkehr beginnt, entwickelt sich zu einer ebenso spannenden wie berührenden Spurensuche – und zu einem eindringlichen Blick auf die Lebensrealität gesellschaftlicher Subkulturen in Tunesien.
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Eine junge Frau, die aus Tunesien stammt, liebt eine andere, eine Französin. Von Paris aus kommen sie nach Karthago, wo der Onkel der Tunesierin gestorben ist. Für Lilia, die Hauptfigur des Films, ist dies eine Rückkehr zu Familie und Heimat, für die andere ein Verlassen ihrer Komfortzone. Da Homosexualität in Tunesien als Straftat gilt (und je nach Regierung mehr oder weniger streng bestraft wird), verbergen die beiden Frauen ihre Beziehung. Doch der Skandal ist bereits vor ihrer
Ankunft da: In Lilias Familie konnte niemand ernsthaft behaupten, nichts von den homosexuellen Beziehungen des verstorbenen Onkels gewusst zu haben, die hinter einer Scheinehe verborgen waren. Seine Schwestern Wahida, Lilias Mutter (gespielt von Hiam Abbass), und Hayet wussten immer von des Onkels Homosexualität, haben jedoch versucht, sie vor der Großmutter Néfissa geheim zu halten, weil sie einen Skandal für die Familie bedeutet hätte.
Doch jetzt wurde sein Körper nackt auf der
Straße gefunden.
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Der dritte Spielfilm der Tunesierin Leyla Bouzid beginnt wie ein Kriminalfilm. Im Gegensatz zu ihrer Mutter, ihrer Tante und ihrer Großmutter, die über diesen die Familie in der Nachbarschaft »entehrenden« Tod Stillschweigen bewahren wollen, versucht Lilia mehr über die Umstände des Todes ihres Onkels herauszufinden. Gespickt mit undurchsichtigen Hinweisen und offensichtlichen unausgesprochenen Wahrheiten führt die Spur, der die Hobbyermittlerin folgt, durch die wenigen
Orte der Stadt, in denen sich eine schwule Subkultur auslebt, zum Haus eines ehemaligen Liebhabers des Verstorbenen und in ein Dorf im Hinterland – eine Reise durch ein Tunesien, das unsichtbar gemacht und kriminalisiert wird, gezwungen, in Vorsicht und Schweigen zu leben.
Die Kontrolle, die Lilia zu Beginn aufrechtzuerhalten versucht, zerfällt allmählich, je weiter sie in ein ihr feindlich gesonnenes Terrain eindringt, in dem ihre Wirklichkeit immer unwichtiger
wird.
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Hin- und hergerissen zwischen ihrer Familie und ihrer Freundin und deren verschiedenen Bedürfnissen, zwischen den Orten ihrer Kindheit und dem Land, in das sie zum Leben gegangen ist, fühlt sich Lilia bald von ihrer Doppelrolle, ihrer doppelten Zugehörigkeit und den Widersprüchen, die diese mit sich bringen, erschöpft.
Mit leiser Stimme versucht nicht, diese Widersprüche aufzulösen, sondern bewegt sich in jenem Zwischenraum, in dem unterschiedliche Wertesysteme aufeinanderprallen und neu ausgehandelt werden. Mit einem gewissen Gespür fürs Subtile inszeniert, stellt die Erzählung bestimmte Verhaltenstypen dar. Dieser analytische Zugang macht es einem westlichen Publikum und seinem touristischen Blick leichter zu verstehen.
Obwohl der Film sich in bestimmten Momenten einem kitschigen »magischen Realismus« nähert und etwas an Kraft zu verlieren droht, gelingt es ihm, eine eindringliche Atmosphäre aufrechtzuerhalten, die ausreichend anziehend wirkt.
In einer Geschichte über persönliche Geheimnisse, die innerhalb einer Gesellschaft verborgen gehalten werden, die diese radikal verurteilt, erreicht Mit leiser Stimme jene Eigenschaft eines subtilen und bewegenden Kinos, das zugleich die Auflehnung als Form persönlicher Emanzipation verkündet – durch die Frauen einer Familie, die auf die eine oder andere Weise ihren Platz und ihre Entscheidungsfreiheit einfordern.
Das Private ist politisch, sagt man gern. Hier sieht man, was das wirklich bedeutet.