| Frankreich 2025 · 99 min. · FSK: ab 12 Regie: Éric Besnard Drehbuch: Éric Besnard Kamera: Laurent Dailland Darsteller: Grégory Gadebois, Bernard Campan, Alexandra Lamy, Isabelle Carré, Dominique Pinon u.a. |
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| Kein historischer Stoff, sondern Gegenwart... | ||
| (Foto: Happy Entertainment / 24 Bilder) | ||
»Nichts auf der Welt ist weicher und schwächer als Wasser, und doch überwindet nichts das Harte und Starke besser.«
– Laotse, Tao-te-king https://de.wikipedia.org/wiki/Daodejing»Es ist nichts, zu sterben, aber nicht zu leben ist« schrecklich. – Victor Hugo, Les Misérables
»Es ist leicht, gut zu sein, aber sehr schwierig, gerecht zu sein.«
– Victor Hugo, Les Misérables
»Im Jahr 1815 war Charles-François Bienvenu Bischof von Digne.« Es ist ein Satz wie aus einem anderen Erzählsystem: präzise, beinahe beiläufig, und doch legt dieser Satz aus Victor Hugos Roman bereits die moralische Tektonik frei, auf der sich alles Weitere bewegen wird. Was man von einem Menschen sagt, so heißt es dort auch, könne ebenso wirkmächtig sein wie das, was er tut. Es ist ein Gedanke, der wie ein leiser Vorgriff wirkt auf das, was Regisseur und Drehbuchautor Éric Besnard mehr als 160 Jahre später an diesem Stoff interessiert: nicht die großen Taten, sondern die Momente, in denen sich entscheidet, wer wir füreinander sind.
Victor Hugos Les Misérables gehört zu jenen Stoffen, die sich jeder Vereinfachung entziehen. Es ist ein Roman, der Welt nicht abbildet, sondern entwirft: als Spannungsfeld zwischen Elend und Hoffnung, zwischen struktureller Gewalt und individueller Verantwortung. Wer ihn verfilmt – und Besnard ist nicht der Erste –, muss wählen, muss entscheiden, wovon er erzählen will, so reich ist dieses Großwerk. Besnard wählt – gegen alle Erwartungen und unser nur allzu sehr bereits an Überlängen und epischen Formaten geschultes Auge – die Verknappung: er konzentriert sich auf die ersten beiden Teile von Hugos Roman, auf die Genesis einer moralischen Figur: Jean Valjean. Was bei Hugo ein weitgespanntes Panorama ist, wird hier jedoch zur konzentrierten Versuchsanordnung. Kein Barrikadenrausch, kein Figurenkosmos von Gavroche bis Thénardier, stattdessen folgen wir einem Menschen, der aus der Finsternis kommt und sich, tastend, neu erfindet. Das ist weniger, als möglich ist, und dann doch viel mehr als erwartet.
Grégory Gadebois spielt Valjean nicht als Ikone, sondern als Körper. Einen Körper, der gezeichnet ist von 19 Jahren Zwangsarbeit, von Hunger, von Demütigung. Kein Pathos, keine Heiligenpose. Doch gerade darin liegt eine subtile Kraft, denn dieser Valjean ist nicht erlöst, er arbeitet an sich, er arbeitet mit sich. Er ringt. Bernard Campan als Bischof Bienvenu ist als Antipode kein milder Heiliger, sondern ein kühler Pragmatiker der Güte. Einer, der verstanden hat, dass Menschlichkeit nicht aus Sentimentalität entsteht, sondern aus Entscheidung. Zwischen diesen beiden entspinnt sich dann allerdings kein melodramatisches Duell, sondern ein stiller Wettstreit: Welches Menschenbild trägt mehr, welches ist in Zeiten der Krise das mit der stärkeren Unwucht?
Eher konventionell, aber dem Stoff dann auch angemessen, entfaltet der Film seine Dramaturgie. Er besitzt durch diesen konservativen Ansatz nicht die große, spektakuläre Kraft etwa der jüngsten Verfilmung von Der Graf von Monte Christo von Matthieu Delaporte und Alexandre de La Patellière aus dem Jahr 2024, die in knapp drei Stunden alles aufbietet, was großes Gefühl erzeugen kann, um Dumas' 20 Jahre vor Hugo erschienenen Roman zu adaptieren. Besnard geht den entgegengesetzten Weg: Reduktion statt Expansion, Intensität statt Exzess. Wo andere auf die Explosion setzen, interessiert ihn die Mechanik der Gefühle.
Darin liegt dann vielleicht auch die eigentliche Modernität dieses Films, der sich im Kern die Frage stellt: Wie begegnet man einer Welt am Abgrund? Nicht durch Pathos, sondern durch Präzision, macht Besnard klar. Sein Film zerlegt die Emotionen nicht, aber er beobachtet sie bei der Arbeit. Er zeigt, wie sich ein Mensch verändert – nicht als plötzliche Erleuchtung, sondern als Prozess, der von außen angestoßen wird und innen weiterarbeitet.
Und mit Hugo macht diese Adaption auch zweierlei sehr deutlich:
Die Menschheit existiert.
Die Menschlichkeit existiert.
Diese knappen Thesen werden jedoch nicht als Parolen exklamiert, sondern sind tastende Behauptungen. Der Film insistiert darauf, dass es Begegnungen sind, die den Abstand verringern zwischen dem, was ist, und dem, was sein könnte. Bienvenus Akt der Gnade ist kein Wunder, sondern ein Angebot. Valjeans Antwort darauf kein sofortiger Wandel, sondern ein Weg.
Verglichen mit Hugos Roman verschiebt sich damit der Fokus deutlich. Wo Hugo das Elend der Unterschichten in ein großes politisches Narrativ einbindet – mit dem Juniaufstand von 1832 als moralischem Kulminationspunkt –, bleibt Besnard dem Kleinen verhaftet. Aber dieses Kleine ist nicht unpolitisch. Im Gegenteil: Es ist radikal. Denn es behauptet, dass Veränderung nicht zuerst auf den Barrikaden beginnt, sondern in der Begegnung zwischen zwei Menschen.
Dass dabei vieles fehlt wie Gavroche, Thénardier und die große Pariser Bühne, ist keine Schwäche, sondern eher eine Methode, denn Besnard weiß, dass sein Film nicht alles sein kann. Also entscheidet er sich, etwas Bestimmtes zu sein: so etwas wie eine Studie über den Anfang von Moral.
Und genau hier öffnet sich, ein wenig unerwartet und über die vielen Jahre hinweg, ein Resonanzraum zu Song Sung Blue von Craig Brewer. Ein Musikfilm, der nicht vom Erfolg erzählt, sondern vom Danach: von den langsamen, oft unspektakulären Prozessen der Heilung, von Gemeinschaft als Praxis, von Empathie als Handlung. So wie dort Musik zum sozialen Möglichkeitsraum wird, wird hier die Geste der Güte – Bienvenus Entscheidung, Valjean nicht zu verraten – zu einem Modell einer anderen, einer besseren Gesellschaft. Was bei Brewer in Therapieräumen, in Coverbands, in fragilen Biografien sichtbar wird, formuliert Besnard in historischer Form: dass ein anderes Miteinander nicht durch große Programme entsteht, sondern durch kleine, konkrete Handlungen. Dass »Nettsein« – dieses scheinbar naive, oft belächelte Verhalten – in Wahrheit ein hochgradig politischer Akt sein kann. Ein Widerstand gegen Verhärtung, gegen Zynismus, gegen die kalte Logik sozialer Ausschlüsse.
In diesem Sinne ist Éric Besnards Adaption von Les Misérables kein historischer Stoff, sondern ein Destillat unserer Gegenwart. Es ist ein Film, der in unserer lauten, so brachialen und enthemmten Gegenwart leise und beinahe unspektakulär daran erinnert, dass eine erfolgreiche, friedliche Gesellschaft sich auch in Zwischenräumen bilden kann: zwischen zwei Menschen, in einem Moment der Entscheidung. Und dass der Abstand zwischen dem, was wir wollen, und dem, was ist, nur dort kleiner wird, wo jemand beginnt, ihn zu überbrücken.