| USA 2025 · 101 min. · FSK: ab 12 Regie: Timur Bekmambetov Drehbuch: Marco van Belle Kamera: Khalid Mohtaseb Darsteller: Chris Pratt, Rebecca Ferguson, Kali Reis, Annabelle Wallis, Kylie Rogers u.a. |
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| Menschliches, Allzumenschliches... | ||
| (Foto: Sony) | ||
Allein die Konstellation ist schon irgendwie bemerkenswert: ein russischstämmiger Regisseur, der seit Jahren immer mal wieder erfolgreich in Hollywood arbeitet, ein amerikanischer Star-Cast und ein Stoff, der sich fast schon zu offensichtlich in die lange Tradition dystopischer Zukunftsvisionen einschreibt, aber dennoch die Fragestellungen nicht einfach nur reproduziert.
Die Ausgangsidee von Timur Bekmambetows Mercy ist schnell erzählt, aber klug zugespitzt: In einer nahen Zukunft, in der Gewaltverbrechen zur Normalität geworden sind, wird Rechtsprechung an eine KI delegiert. Chris Pratt spielt den LAPD-Detective Chris Raven, der nach einer durchzechten Nacht gefesselt auf einem Stuhl in einem Gerichtssaal erwacht – angeklagt des Mordes an seiner eigenen Frau. Ihm bleiben exakt 90 Minuten, um seine Unschuld zu beweisen. Gegenüber sitzt keine menschliche Richterin mehr, sondern eine KI, verkörpert von Rebecca Ferguson als Richterin Maddox. Die Maschine erklärt nüchtern, die Wahrscheinlichkeit seiner Schuld liege bei 97,5 Prozent. Sollte sie zum Todesurteil kommen, wird dieses unmittelbar vollstreckt – die Giftspritze ist, bürokratisch effizient, gleich in den Stuhl integriert.
Der Vergleich mit Minority Report drängt sich auf, und Mercy spielt bewusst mit dieser Referenz. Doch wo Steven Spielberg Schuld im Vorfeld prognostizieren ließ, inszeniert Bekmambetow eine Art juristisches Instant-Speed-Dating mit der Maschine: Schuld wird hier in Echtzeit verhandelt, unter enormem Zeitdruck, in einer Situation, die weniger an ein klassisches Gerichtsdrama erinnert als an ein Action-Kammerspiel. Dass der Film selbst exakt 90 Minuten dauert, ist kein Zufall, sondern ein sehr feiner, formaler Kommentar.
Bekmambetow inszeniert geradlinig, fast altmodisch. Mercy wirkt in seiner Konzentration und Härte wie ein Echo der 1980er-Jahre: Man kann sich ohne Mühe Bruce Willis oder Mel Gibson in der Rolle des LAPD-Detectives Chris Raven vorstellen. Statt ironischer Brechungen oder postmoderner Spielereien setzt der Film auf klare Konflikte, präzise Dialoge und einen stetig steigenden Druck. Die LA-Szenen – kühl, urban, von einer fast klinischen Ästhetik – verankern die Geschichte zugleich fest in einer erkennbaren Gegenwart.
Inhaltlich bewegt sich Mercy auf vertrautem Terrain: Die KI reproduziert nicht nur menschliche Stärken, sondern auch menschliche Schwächen. Vorurteile, statistische Verzerrungen, moralische Kurzschlüsse – all das ist längst Teil der öffentlichen Debatte. Bekmambetow gelingt es jedoch, diese Themen nicht brav-didaktisch auszubreiten, sondern in eine dramatische Situation zu übersetzen, in der ein scheinbar kleiner Restzweifel – 2,5 Prozent – zur existenziellen Größe wird. 98 Prozent schuldig kann eben immer noch unschuldig sein, nur lässt sich diese Wahrheit kaum beweisen, wenn Algorithmen das letzte Wort führen.
Überraschend und am überzeugendsten ist der Moment, in dem Mercy den erwartbaren Gegensatz zwischen Mensch und Maschine verlässt. Statt eines simplen Duells entsteht ein tatsächlicher Dialog: Mensch und KI beginnen, gemeinsam neue Denkmuster zu entwickeln. Die Maschine lernt nicht nur aus Daten, sondern aus dem Zweifel selbst; der Mensch erkennt, dass Wahrheit nicht allein aus Erinnerung besteht, sondern aus der Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen – auch für eigene Lücken, Fehler, Blackouts.
Diese Haltung spiegelt sich auch in der Karriere Bekmambetows. Seit seinem Durchbruch mit Wächter der Nacht (2004) und dem noch erfolgreicheren Wächter des Tages (2008), über seinen Hollywood-Erfolg mit Wanted (2008) bis hin zu seinen Experimenten mit sogenannten Desktop-Filmen wie Unknown User, hat Bekmambetow immer wieder gern formale Grenzen verschoben. Mercy wirkt nun wie eine Synthese, denn auch Mercy ist im Kern ein »Desktop-Film«, findet doch alles, was hier passiert, vor oder neben einer sprachgenerierten Konsole, von einem im Stuhl integrierten Eingabe-Pad und einem monolitischen Bildschirmmosaik aus statt. Doch Bekmambetow erzählt konventioneller, jedoch gedanklich wach, technisch präzise und moralisch offen.
Mercy ist kein revolutionärer Film, eher ein kleiner schmutziger B-Film mit A-Film-Potential, der sich um Charakterentwicklung kaum schert. Dennoch ist es ein bemerkenswert konzentrierter, intelligenter Thriller, der alte Fragen neu zuspitzt: Wer urteilt? Nach welchen Maßstäben? Und was bleibt vom Menschen, wenn Effizienz zur höchsten Gerechtigkeit erklärt wird? Dass ein Regisseur mit russischen Wurzeln diese Fragen heutzutage im Zentrum Hollywoods derartig spielerisch verhandeln kann, ist fast schon mehr als eine Randnotiz – es könnte gar Teil einer stillen, aber wichtigen Botschaft dieses Films sein.