Meine Frau weint

Deutschland/F 2026 · 93 min. · FSK: ab 12
Regie: Angela Schanelec
Drehbuch:
Kamera: Marius Panduru
Darsteller: Agathe Bonitzer, Birte Schnöink, Vladimir Vulevic, Pauline Rebmann, Clara Gostynski u.a.
Meine Frau weint
Kranführer Thomas im unbeschriebenen weißen Raum
(Foto: Berlinale · Blue Monticola Film)

Einmal fällt Platzregen

Angela Schanelec erzählt in ihrem neuesten Film eine Kolportagegeschichte, die von einer großen Tragik erfasst wird

Drei Tage im Leben von Thomas und Clara. Er arbeitet auf einer Baustelle, sie in einem Kinder­garten. Sie haben sich vonein­ander entfernt, durch­leben eine Krise. Letztlich geht es in Angela Scha­nelecs neuem Film, Meine Frau weint, um die Trivia­lität einer Kolpor­tage-Geschichte: Clara (Agathe Bonitzer) hat mit einem anderen Mann, David, einen Tanzkurs besucht, für den ihr Freund Thomas (Vladimir Vulević) nicht zu haben war. Vermut­lich hat sie mit David eine Affäre begonnen, aber das bleibt unklar. Als sie mit dem Tanz­partner aufs Land fährt, um sich ein Haus anzusehen (wollten sie dort gemeinsam einziehen?) ereignet sich ein Unfall. David kommt ums Leben, Clara überlebt. Sie macht sich Vorwürfe, fühlt sich schuldig. Sie ist die Frau, die weint. Der Blick, den wir mit dem Film auf sie richten, ist der von Thomas: meine Frau…. Jetzt versuchen Thomas und Clara, gemeinsam das Ereignis zu verar­beiten, wieder zuein­ander zu finden. Und driften dabei doch immer weiter vonein­ander weg.

Schanelec macht den Dissens ästhe­tisch spürbar. Wie meist in ihren Filmen beginnt die erste Szene mit einer On-Off-Schere: Der, den wir sehen, spricht nicht; die, die sprechen, sehen wir nicht. In einem weißen Raum ein weißer Plas­tik­stuhl; Schanelec lässt in dieser ersten Einstel­lung größt­mög­liche Bedeu­tungs­frei­heit zu. Thomas, ein Mann in orangener Warnweste, setzt sich auf den Stuhl, unterhält sich mit zwei Frauen, die im Off hantieren.

Es geht im weiteren viel um Gefühle, banale und triviale, und doch geht es auch um das ganz große exis­ten­zi­elle Leiden und die Tragik: um das Leben und den Tod. Während Clara davon erzählt, was sich ereignet und welche Wendung ihr Leben genommen hat, schieben Thomas und sie das Fahrrad durch einen Park. In diesem ruhigen Moment fällt alles ausein­ander: die Gewiss­heit über das Zusam­men­sein, die Gewiss­heit über die Bestän­dig­keit des Lebens.

Die Umgebung ringsum – ein sommer­li­ches Berlin, in dem sich ein Platz­regen ergießt – nimmt sie nicht auf. Einmal sagt ein Freund, er wolle das Leben zerbre­chen lassen.

Das Leben wird in diesem Film oft befragt.

Die Szenen ereignen sich in langen, ruhigen Einstel­lungen. Scha­nelecs Kino ist eines, das sich gegen den Natu­ra­lismus entscheidet, das die Abstrak­tion wählt und in Situa­tionen erzählt. Ihr Kino erhebt die Sprache zum Körper und den Körper zur Sprache. Glei­cher­maßen liebt es die Frauen und die Männer. Ob in der Perspek­tive von Thomas über Clara erzählt wird, oder in der Perspek­tive von Clara über Thomas, tut nichts zur Sache. Die Figuren umarmen sich, auch wenn sie sich verlieren.

Und sie ringen mitein­ander, mit und um die Worte, erklären sich und das Leben. Das ist unge­wöhn­lich für Schanelec, und doch kommt ihre Sprache wie gewohnt aus einem thea­ter­haften Raum, in dem sie selbst zuhause war. Aber

Schanelec hat William Shake­speare übersetzt, »Hamlet«, »Macbeth«, »Ein Sommer­nachts­traum« und mehr, eine Über­set­zung, die man unbedingt zur Hand haben sollte. »Die Stücke« erschien 2016 im Verlag der Autoren. Schanelec / Gosch steht auf dem Einband, ohne Vornamen. Gosch, das ist Jürgen Gosch, der Thea­ter­ma­cher. 2009 ist er verstorben, Schanelec war mit ihm zusammen. Ist es biogra­fis­tisch, die Trauer­er­zäh­lungen von Scha­nelecs letzten Filmen auf diesen Verlust zu beziehen?

Die Figuren aber sind keine Könige wie bei Shake­speare, sie stammen aus der Arbei­ter­klasse und dem alltäg­li­chen Leben, und doch fährt ihnen größt­mög­liche Tragik zu. Die Sprache in Meine Frau weint ist künstlich und thea­ter­haft, die Worte machen aber auch auf sich aufmerksam, werden Material, jede Windung des Ausdrucks fällt auf. Die Französin Agathe Bonitzer, die schon in Scha­nelecs Music gespielt hat, und der Serbe Vladimir Vulević (den man aus Helene Wittmanns Human Flowers of Flesh kennen könnte), bringen für das ausein­an­der­fal­lende Liebes­paar Clara und Thomas ihre Akzente mit; die deutschen hoch­spra­chigen Sätze und Worte werden in ihrer nicht-mutter­sprach­li­chen Diktion unendlich weich. Gleich­zeitig sprechen sie ein Erstaunen über das Gesagte aus. Als wären ihnen die Worte fremd und auch das, was sie bezeichnen. Und mehr noch: Als wäre ihnen das Leben fremd und das, was mit ihnen passiert.

Wieder ist Scha­nelecs Film auch einer der Schau­spieler – so ätherisch sie teilweise in ihrer Verletzt­heit wirken, so physisch und körper­lich präsent sind sie. Der große Thomas trägt einmal Clara, es ist ein Bild der Stärke und der Verletz­lich­keit, auf seinen Armen balan­ciert er vorsichtig seine gebro­chene Frau, und doch ist er selbst im Inneren verwundet. Die Bilder sind mit Schwere versehen; gedreht wurde auf grob­kör­nigem 16-mm-Material. Marius Panduru, Stamm­ka­me­ra­mann von Radu Jude, verleiht ihnen eine opake, erden­schwere Mate­ria­lität, ein deut­li­cher Kontrast zur Trans­pa­renz bei Ivan Marković, der die letzten Filme von Schanelec, Ich war zuhause, aber... und Music, foto­gra­fiert hatte.

Und erden­schwer, voll Trauer fühlt sich Scha­nelecs Film in der Tat an. Die Ästhetik trans­por­tiert die Emotionen: die Lang­sam­keit der langen Einstel­lungen, der Anti-Natu­ra­lismus der Dialoge. Und dann erheben sich in einer Szene völlig uner­wartet die Figuren und tanzen für Clara, die kata­to­nisch auf dem Sofa liegt, zu Leonard Cohens »Lover Lover Lover«. Ein Moment, der einen hinein­saugt in den Film, der nachhallt und sogar das eigene Leben begleiten kann. Eine kurze Revolte gegen die Trauer.

Meine Frau weint ist ein Film, den man mit allen Sinnen erspüren muss. Schanelec ist eine Ausnah­me­erschei­nung in der deutschen Regie, sie macht ein soge­nanntes »schwie­riges« Kino, das jedoch ein kunst­volles, sensu­elles, abstraktes und dann doch wieder ein Kino der Leich­tig­keit ist.

Man muss sich in diesen Film hinein­fallen lassen, wie die Figuren.