| Spanien 2025 · 116 min. · FSK: ab 16 Regie: Aitor Arregi, Jose Mari Goenaga Drehbuch: Jose Mari Goenaga Kamera: Javier Agirre Darsteller: José Ramón Soroiz, Nagore Aranburu, Kandido Uranga, Zorion Eguileor, Kepa Errasti u.a. |
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| Ganz schön was los am Strand | ||
| (Foto: Salzgeber) | ||
Die Sonne steht am Horizont. Das Rauschen von Wind und Meer umgibt die Strandlandschaft. Inmitten der Dünen steht ein nackter Mann. Vorsichtig bewegt sich Vicente (José Ramón Soroiz) auf ihn zu. Er folgt ihm bis hinter ein Gebüsch. Sie küssen sich und haben schließlich Sex. Am Abend wiederholt sich die Routine: Dieses Mal in einem Schwulenclub in Maspalomas, dem Ferienort auf Gran Canaria.
Der 76-jährige Vicente lebt seine Sexualität konsequent aus. 25 Jahre lang war er mit seinem Partner zusammen und ist nun wieder Single. Die 50 Jahre davor musste er seine Homosexualität verstecken. Als Vicente plötzlich einen Schlaganfall hat, ändern sich seine Lebensumstände erneut. Seine entfremdete Tochter liefert ihn in eine Reha in San Sebastián ein. Während des Aufenthalts verwandelt sich der lebensfrohe Inselbewohner in einen frustrierten Mann. Im Umfeld der Klinik schämt er sich für seine sexuelle Neigung. Vicente steht abermals vor einer Veränderung, die ihm sein Lebensglück zu nehmen droht.
Maspalomas ist eine Zusammenarbeit der baskischen Regisseure Jose Mari Goenaga und Aitor Arregi, die unter dem Kollektiv Moriarti seit vielen Jahren gemeinsam Filme machen. Goenaga schrieb das Drehbuch, Regie führten sie beide. José Ramón Soroiz wurde für seine Rolle als Vicente beim Filmfestival in San Sebastián und bei den Goyas als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet. Beim Filmfest München gewann der Film den Preis für den besten queeren Spielfilm.
Die rauschhaften Sequenzen zu Beginn liefern einen sehr direkten und offenen Einblick in die Schwulenszene auf Gran Canaria. Der Sex ist explizit, die Clubs Raum der Begegnung und am Strand finden Gleichgesinnte schnell zueinander. Mittendrin: Protagonist Vicente, der völlig offen mit seiner Sexualität und seinem Alter umgeht. Allein das macht das Werk schon besonders, denn vergleichbare Kinofilme gibt es nicht wie Sand am Meer. Beginners (2010) von Mike Mills schlägt in dieselbe Kerbe, oder Amic / Amat (1999) aus Spanien, der in Deutschland jedoch nicht auf der Leinwand zu sehen war.
An den rauschhaften Anfang sollte man sich jedoch nicht gewöhnen. Mit dem Schlaganfall schlägt auch der Film eine andere Richtung ein. An die neue Lebensrealität von Vicente passt er sich an, wird ruhiger, die Szenen verweilen länger und die Sets werden eintöniger. Der Alltag in der Reha wird mit all seinen Mundanitäten dargestellt. Dabei entsteht eine gewisse Länge, die der Film inszenatorisch nicht aufzufangen weiß. Der Kontrast zu den warmen Farbtönen am Strand sowie zu den neonfarbenen Partynächten im Club wird umso stärker deutlich. So wird Vicentes Ausbruch aus der Klinik auch für die Zuschauenden zur Erlösung. Wenn er nachts die Bar eines alten Freundes besucht, werden die Farben wieder kräftiger und der Figur neuer Lebensmut eingehaucht.
In der Klinik hingegen entfernt sich Vicente von sich selbst. In dem heterosexuellen Umfeld findet er keinen Platz und keine Ausdrucksmöglichkeiten. Er fängt an, sich für seine Sexualität zu schämen. Da ist einzig der schwule Pfleger Iñaki, den er abends heimlich auf einer Dating-App verfolgt. Sein Zimmernachbar erinnert mit seinem Gerede über Frauen und Krafttraining an einen pubertären Teenager – manche Dinge ändern sich anscheinend nie. Zunehmend entwickelt sich jedoch eine Freundschaft zu ihm. Das brüderliche Verhältnis findet schließlich in einer zärtlichen Szene seinen Höhepunkt und bricht mit der ansonsten kühlen Ästhetik der Klinik.
Maspalomas verhandelt den Umgang mit der eigenen Identität und dem gleichzeitigen unstillbaren Bedürfnis nach Nähe. Vicente blickt auf 76 Jahre Leben zurück. Dabei war vieles nicht einfach: unterdrückte Sexualität, eine gescheiterte Partnerschaft, seine gebrochene Beziehung zur Tochter, sein Enkelsohn, den er nicht kennt. Und die nächste Krise steht bereits vor der Tür. In den Nachrichten wird vom neuartigen Coronavirus berichtet, von den ersten Todesfällen und vom Social Distancing. Trotz aller Herausforderungen feiert der Film das Leben. Er kehrt zurück zu den warmen Farben und zu den Bildern von Strand und Meer. Er zeigt noch einmal die Kraft der Begegnung, mit dem Wissen, dass all das in den nächsten Jahren der Pandemie uneingeschränkt nicht möglich sein wird.