| IS/DK/S/F 2025 · 110 min. · FSK: ab 12 Regie: Hlynur Pálmason Drehbuch: Hlynur Pálmason Kamera: Hlynur Pálmason Darsteller: Saga Garðarsdóttir, Sverrir Gudnason, Ída Mekkín Hlynsdóttir, Þorgils Hlynsson, Grímur Hlynsson u.a. |
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| Leben und Liebe in der Schwebe... | ||
| (Foto: Plaion Pictures / Studiocanal) | ||
Hlynur Pálmasons letzter Film Godland aus dem Jahr 2022 war großartig: ein wuchtiger und stiller Film, so wie die Landschaft Islands, der an die großen Romane des isländischen Nobelpreisträgers Halldór Laxness erinnerte, der sein ganzes Leben gegen das Vergessen der dänischen Kolonialzeit auf Island angeschrieben hat. So wie in anderen europäischen Kolonien wurde auch auf Island mit dem Kreuz missioniert, das in Pálmasons Film aber gerade abhanden kommt. Mit überzeugend psychologischer Tiefe, umwerfenden Schauspielern und einer poetischen Kamera gelang es Hlynur Pálmason nicht nur, die komplexen Facetten kolonialen und rassistischen Denkens und Handelns zu demaskieren, sondern auch noch eine zärtliche Liebesgeschichte zu erzählen, eingerahmt in die Anfänge der Fotografie. Umso schmerzhafter war es, dass dieses stille Meisterwerk es nicht wirklich in die deutschen Kinos geschafft hat. Dafür aber nun immerhin sein neuester Film, The Love That Remains, der kaum gegensätzlicher sein könnte, auch wenn er ebenfalls auf Island spielt, allerdings in unserer Gegenwart.
Denn wo Godland in die Geschichte, in die Landschaft, in die Gewalt religiöser und kolonialer Selbstgewissheit mit sprichwörtlich fotografischer Intensität hineinbohrte, scheint The Love That Remains zunächst viel kleiner, alltäglicher, privater. Es geht um Anna, eine Künstlerin, und ihren Mann Magnús, der auf einem Fischtrawler arbeitet, also immer wieder für Wochen verschwindet und, wenn er zurückkommt, wie ein Besucher im eigenen Haus wirkt. Sie haben drei Kinder: Ída, Grímur und Þorgils. Und sie haben eine Ehe, die nicht mehr funktioniert, aber eben auch nicht einfach endet, weil Familien selten so enden, wie Beziehungen enden. Das ist das Elend des Patchworks: Man möchte aufhören, muss aber weitermachen. Man will nicht mehr Familie sein und bleibt doch unablässig in familiäre Abläufe, Rechnungen, Fahrten, Verletzungen, Gewohnheiten und Verantwortlichkeiten verstrickt.
Pálmason erzählt dieses „Auflösungsjahr“ im Leben einer Familie nicht als klassisches Trennungsdrama, sondern in Vignetten, Episoden und Zuständen. Das passt zunächst sehr gut zu diesem Stoff, denn Trennungen bestehen ja gerade nicht nur aus den großen Szenen, aus Türenschlagen und Geständnissen, sondern aus den kleinen Zumutungen danach: aus Gesprächen im Auto, aus organisatorischen Restbeständen, aus Blicken der Kinder, aus Missverständnissen, aus dem peinlichen Fortbestehen einer Intimität, die längst ihren Grund verloren hat. Anna verliert ihr Atelier und verlagert ihre Arbeit in die Natur. Sie setzt bettlakengroße Gegenstände den Elementen aus, beschmutzt sie mit Erde, Rost, Wetter, Zufall. Das ist natürlich kein Zufall, denn in diesem konzeptuellen Ansatz spiegelt sich ihr ganzes Leben: Kunst als Versuch, aus Kontrollverlust neue Formen zu gewinnen. Aber eben auch Kunst als gescheiterte Überlebensstrategie, als ästhetische Notwehr gegen etwas, das sich nicht mehr in einen Werkprozess überführen lässt.
Die stärksten Momente von Pálmasons Films liegen genau dort, wo Pálmason einfach nur beobachtet. Wenn die Mutter mit der Tochter im Auto über einen erschlagenen Hahn streitet. Wenn die Tochter die Mutter mit der fast grausamen Präzision von Kindern als überempfindliche Künstlerin erkennt oder zumindest so behandelt. Wenn ein Sohn mit einem Pfeil in der Brust dasteht und diese absurde Komik nicht als Gag, sondern als Familienzustand erscheint. In solchen Momenten ist The Love That Remains sehr komisch und sehr traurig zugleich. Pálmason weiß, dass Familienkomik oft aus Überforderung entsteht, aus falschen Reaktionen, aus dem grotesken Missverhältnis zwischen innerem Schmerz und äußerer Banalität.
Überhaupt ist dieser Film dort am besten, wo er die Transformation von Alltagsprozessen innerhalb familiärer und wirtschaftlicher Bindungen sichtbar macht. Die Trennung ist nicht nur emotional, sie ist auch logistisch. Der Kunstbetrieb ist nicht nur ein Ort der Freiheit, sondern auch einer der Abhängigkeiten. Die Mutterschaft ist nicht nur Liebe, sondern Arbeit. Die Seefahrt des Vaters ist nicht nur Beruf, sondern Abwesenheit, und diese Abwesenheit hat sich längst in die Familie eingeschrieben. Magnús ist kein Monster, Anna keine Heilige. Pálmason moralisiert nicht vorschnell. Er interessiert sich für das, was bleibt, wenn Schuldzuweisungen zu klein werden für die Komplexität der Verhältnisse.
Problematischer wird es dort, wo der Film seinem eigenen feinen Beobachtungsvermögen offenbar nicht ganz traut und den Alltag immer wieder mit surrealistischen Brüchen auflädt. Der improvisierte Jazz, der Galerist, der mit der Cessna abstürzt, Anna, die in den Raum fällt, nachdem ihr Ex-Mann endlich gegangen ist: Das ist immer wieder überraschend und manchmal auch befreiend komisch. Aber nicht alles davon fügt sich organisch in den Film. Der magische Realismus, der hier immer wieder eindringt, wirkt gelegentlich weniger wie eine Erweiterung der Wahrnehmung als wie ein Konzept, das sich selbst beim Arbeiten zusieht. Das Riesenhuhn, der Ritter: Solche Einfälle haben ihren Reiz, aber sie sprengen auch den zärtlichen Realismus in diesem Film, der in seinen leiseren, genaueren Passagen viel stärker ist als in seinen demonstrativ fantastischen Ausflügen.
Vielleicht ist das aber einfach nur der Preis eines Films, der sich nicht mit dem standardisierten Realismus eines Trennungsdramas zufriedengeben will. Pálmason sucht nach Bildern für Zustände, für die der Alltag allein nicht auszureichen scheint. Nur entstehen dadurch Spannungen, die nicht immer produktiv sind. Manchmal wirkt The Love That Remains, als würden zwei Filme miteinander ringen: ein wunderbar präziser Film über die Nachbeben einer Trennung und ein verspielter, surreal aufgeladener Film über die Unmöglichkeit, dieses Nachbeben realistisch darzustellen. Der erste Film ist stärker. Der zweite ist nicht uninteressant, aber bisweilen etwas zu selbstverliebt.
Dennoch geht The Love That Remains damit nicht zuviel Potential verloren. Denn Pálmason besitzt weiterhin etwas, das im Gegenwartskino eher selten geworden ist: ein Vertrauen in Dauer, in Zwischenräume, in die widersprüchliche Würde unbeholfener Menschen. Saga Garðarsdóttir spielt Anna nicht als Leidensfigur, sondern als eine Frau, die erschöpft ist von der Liebe, von der Kunst, von der Familie, von sich selbst vielleicht am meisten. Sverrir Guðnason gibt Magnús eine stille Fremdheit, die nie ganz entschuldigt, aber auch nie denunziert wird. Und die Kinder, von den Kindern des Regisseurs gespielt, sind nicht bloß Seismografen der elterlichen Katastrophe, sondern eigenständige Wesen, verletzlich, komisch, manchmal hart, manchmal zärtlicher, als sie selbst es wissen.
So bleibt am Ende ein Film, der nicht den souverän-poetischen Realismus von Godland hat, der nicht so zwingend, nicht so geschlossen ist, vielleicht auch nicht so notwendig. Aber er ist eigensinnig, lebendig und in seinen besten Momenten von einer entwaffnenden Genauigkeit. The Love That Remains erzählt nicht von der großen Liebe, sondern von dem, was nach ihr übrig bleibt: Arbeit, Trotz, Kinder, Tiere, Kunst, Ärger, Müdigkeit, ein paar absurde Bilder und manchmal, ganz plötzlich, doch wieder Zärtlichkeit. Und Pálmason weiß, dass Liebe nicht immer verschwindet, wenn sie aufhört zu funktionieren. Manchmal bleibt sie einfach zurück: beschädigt, komisch, unpraktisch, aber immer noch da.
Nichts ist dauerhaft. Gleich zu Beginn dieses Films scheint einem Haus das Dach wegzufliegen. Es ist der Abriss des alten Ateliers von Anna. Und eigentlich sollte es zu ihrer Kunst passen, dass sie hier nicht bleiben kann. Dass sie erstmal in ein Provisorium, eine grattlige Garage ziehen muss. Denn Annas Werke arbeiten mit der Vergänglichkeit: Sie lässt präzise per Computer zurecht gefräste Metallteile, lässt Holz in freier Landschaft auf Leinwänden verrosten, verrotten. Die Spuren davon sind sozusagen ihr Malmittel.
Auch privat manifestiert sich bei Anna gerade sehr die Impermanenz: Sie ist frisch getrennt von Magnús. Mit dem sie aber drei Kinder hat – Zwillingsbuben und deren etwas ältere Schwester. Die Familie ist dabei, ihre neues Leben zu oragnisieren, navigieren. Was nicht leichter wird dadurch, dass Magnús auf einem industriellen Fischtrawler arbeitet, Wochen auf See verbringt.
Der Film ist durchaus genau und gewitzt in der Schilderung dieses Alltagsdramas. Doch sein Blick ist ein größerer, weiterer. Das ahnt man, als die Kinder im Wohnzimmer mit der neuesten Küken-Generation ihrer hauseigenen Hühner spielen, sie vor dem Familienhund beschützen – während draußen auf dem Gartengrill die Hünchenschenkel brutzeln. Und der Film sich plötzlich ausklinkt aus dem Moment, eine Heimvideo-Montage eines ganzen Hühner-Lebens einstreut.
Der Blick ist einer
auf das Kreatürliche, auf die Kürze des Daseins. Und auf den Menschen als biologisches Lebewesen, das sich von anderen Lebewesen ernährt. Dass Magnús auf einem Fischkutter arbeitet, ist bewusst gesetzt. Essen, Speisen, Ernähren ein zentrales Motiv des Films. Ebenso wie die Fortpflanzung, das Zeugen und Aufziehen von Nachwuchs.
Aber The Love That Remains streift noch radikaler das ästhetische Korsett des bürgerlichen Realismus ab, das normalerweise verbindlich ist für dieses Genre von Geschichten. Er wird zunehmend durchlässig für Wunschvorstellungen, Fantasien, Träume, die er inszeniert und ins Geschehen schneidet, als wären sie wirklich. Nur dass sie keine Konsequenzen haben, im Weiteren unerwähnt bleiben, macht manchmal in der Rückschau klar, dass sie lediglich in den Köpfen der Figuren stattfanden. (Bei der Attacke eines rächenden Riesen-Hahns freilich ahnt man, dass das ein Albtraum sein muss, nach dem Genuss von Jack Arnolds Creature from the Black Lagoon im Fernsehen...)
Auch die Historie ist allgegenwärtig in diesem Film, durchdringt und überlagert die private Gegenwart. Magnús fischt deutsche Seeminen vom letzten Weltkrieg aus dem Meer. Die Kinder basteln eine Ritter(innen?)figur an einem Pfahl an der Küste, die sie mit Pfeil und Bogen beschießen. Spielerisches Echo der Kämpfe, Eroberungen, Wunden, die diesem Territorium eingeschrieben sind. The Love That Remains lässt ebensowenig aus dem Bewusstsein, dass diese Menschen alle in einer Landschaft existieren, die völlig anderen Zeitmaßstäben gehorcht.
Schon in seinem ganz und gar großartigen Vanskabte land (int.: Godland), der hierzulande leider nie einen Verleih fand, erzählte Hlynur Pálmason von der Verlorenheit des Menschen in der (isländischen) Landschaft, von seiner Vergänglichkeit – und vom mitunter verzweifelten, verzweifelnden Versuch, etwas Bleibendes dagegen zu setzen. Da kleidete Pálmason das aber noch historisch, schickte im 19. Jahrhundert ein wackeres Priesterlein in den höchsten Norden, dort eine Kirche zu bauen und die Menschen zu photographieren. Worüber der Mann zunehmend seinen Glauben, und dann sich selbst verliert.
Pálmasons Themen nun mittels einer heutigen Familie verhandelt zu sehen, wirkt noch einmal anders, weil nicht abgefedert durch die geschichtliche Distanz, Fremdheit.
Der Film sprengt die gewohnte erzählerisch-filmische Abdichtung des Alltäglichen, Privaten gegen all das, in das es eingewoben ist – zeitlich, biologisch, geologisch. Er bringt einem nahe: Auch wir sind ein winziger Teil der Geschichte, wie es jeder Mensch vor uns war, jeder nach uns sein wird. Auch wir sind
nur Lebewesen auf diesem Planeten, unter unzähligen anderen.
Unsere Herausgehobenheit ist eine pure Fantasie – nicht wirklicher als die, dass schnöselige schwedische Galeristen, die Endlos-Monologe über die Segen des Weinkonsums halten und Gänseeier klauen, umgehend vom Karma (in Vogelschwarm-Gestalt) bestraft würden.
Sein präsentes Bewusstsein für die generationsübergreifenden Zeitmaßstäbe, für die biologische Natur des Menschen bedeutet aber eben auch: Ein Bewusstsein für die Endlichkeit. Dafür, wie kurz so ein Menschenleben ist, im Vergleich zum großen Ganzen. Wie eingebunden in den Kreislauf des Daseins, des kosmischen Nicht-Seins.
Die Vergänglichkeit ist das mächtigste, alldurchdringendste Thema von Ástin sem eftir er – dessen
Titel, »Die Liebe, die übrig bleibt«, eher konkret als poetisch zu lesen ist. Was bleibt, ganz real und greifbar, von dem, was wir als Menschen gern so absolut setzen? Was bedeutet das, »Trennung«, für Menschen, die über gemeinsame Kinder verbunden bleiben, über die Erinnerung an die Zeit, als sie »zusammen« waren (was immer das wiederum heißt...)?
Die Figuren ringen darum, etwas Bleibenderes, Erinnerungen in dieser Welt zu hinterlassen. Sei es eine Familie, sei’s Kunst. Und
sei es nur für eine Weile.
Der Grundzustand des Menschen, wie ihn The Love That Remains schließlich ins Bild setzt, ist bei aller Verstricktheit ins große Ganze die Isoliertheit. Das einsame, hilflose Treiben in einem gleichgültigen Meer, fern vom Kontakt zu einem Gegenüber, das einen versteht, dafür die Drohung des Endes stets nah.
Es ist dennoch kein pessimistischer Film – lediglich kein naiver. Es ist letztlich ein Film des großen »Trotzdem«. Am Horizont
bleibt Hoffnung. Am Horizont ist Land in Sicht.