Lomo – The Language of Many Others

Deutschland 2017 · 101 min. · FSK: ab 12
Regie: Julia Langhof
Drehbuch: ,
Kamera: Michal Grabowski
Darsteller: Jonas Dassler, Lucie Hollmann, Peter Jordan, Eva Nürnberg, Barbara Philipp u.a.
Ein Film der Fragmente

Die Macht der neuen Netze

Er heißt Karl, und auch bei näherer Betrach­tung würde man ihn wohl als Sohn aus gutem Hause bezeichnen. Das Eltern­haus ist wohl­ha­bend. Man könnte sagen: Ihm steht die Welt offen. Karl macht bald Abitur, in seiner Klasse ist er als Sonder­ling und Rebell verschrien, und um die Lehrer kümmert er sich nicht:

Doch auch das inter­es­siert Karl nicht besonders, denn der Junge hat ganz im Gegensatz zu seiner Zwil­lings­schwester absolut keinen Durch­blick, was er im Leben mal machen will. Statt sich mit der Welt ausein­an­der­zu­setzen, zieht er sich ins Schne­cken­haus seiner privaten Emotionen zurück, und führt ein Doppel­leben als Internet-Idol. In seinem super­er­folg­rei­chen Blog gefällt Karl sich als Wahr­heits­ge­ne­rator für seine Umgebung.

Irgend­wann aber wagt Karl einen Schritt raus aus der selbst­ge­wählten Inso­la­tion. Er verliebt sich in seine Klas­sen­ka­me­radin Doro. Als Doro ihn nach einer kurzen Affäre scheinbar fallen lässt, rächt Karl sich grausam. Sein Blog wird zur Waffe, um Doro zu vernichten. Doch schnell gerät das Spiel außer Kontrolle.

Lomo – The Language of Many Others ist der Debütfilm von Julia Langhof, die an der Berliner Film­hoch­schule DFFB studiert hat. Die ist ein mitunter witziges Jugend­me­lo­dram um das Erwach­sen­werden, aber auch um das böse Netz, die sozialen Netzwerke im Internet und was sie mit uns tun.

Es geht um jugend­li­chen Welt­schmerz und um die geradezu tota­litäre Macht der Anderen, der Gemein­schaften aus echten und falschen Freunden, aus Klas­sen­ka­me­raden und vor allem jener »Community«, der diffusen Netz­ge­meinde, die sich gerade darum uner­bitt­lich alles raus nimmt, weil sie oft anonym bleibt.

Lomo ist ein hoch­in­ter­es­santer Film, der im Gewand eines klas­si­schen Coming-of-Age-Films daher­kommt, aber expe­ri­men­telle Passagen nicht scheut, und den Mut hat, das uner­forschte Terrain der Filter­blasen und Echo­kam­mern zum Thema zu machen. Das wird dadurch noch schwie­riger, dass man dies alles, weil es ja virtuell ist, auch nicht leicht darstellen kann.

Julia Langhof meistert diese Heraus­for­de­rung. Immer wieder verwan­delt Lomo sich für ein paar Sekunden in den Bild­schirm eines Tablets oder Smart­phones. Dann schieben sich zweite, dritte, vierte Ebenen in und über die Wirk­lich­keit. Der Bild­sprache der digitalen Welt verknüpft sich mit echten Kino­bil­dern – ein Beispiel, dass die klare Grenz­zie­hung zwischen analog-digital, virtuell-real nicht mehr funk­tio­niert.
Lomo ist ein Film der Fragmente und wird damit der frag­men­ta­ri­schen Welterfah­rung seiner Haupt­figur sehr gerecht. Das alles ist virtuos, und so verdankt dieser Film den Einfällen des Kame­ra­manns Michael Grabowski und der Montage sehr viel.

Lomo, in seiner Art ein Mix aus Matrix und Coming-of-Age-Movie steht nicht nur für den Einfluss, der längst nicht mehr so neuen Medien auf das analoge, gewohnte Leben. Sondern auch für einen gewissen Wandel im deutschen Kino: Es scheint, als ob deutsche Filme­ma­cher gerade unterwegs sind zu etwas Neuem. Unab­hängig vonein­ander und von fixierten Grup­pen­zu­sam­men­hängen wie »Mumble­core«, »Fogma« oder »Berliner Schule« (falls jemand davon schon mal etwas gehört hat) prak­ti­zieren ein Dutzend neuer Filme­ma­cher eine neue Verbin­dung von Spaß und Erkenntnis. Es gibt auch neue Schau­spieler-Gesichter: Zum Beispiel Jonas Dassler und Lucie Hollmann, die beiden jugend­li­chen Haupt­dar­steller.

Was alle diese Film­ma­cher gemeinsam haben, und was auch Lomo prägt: Interesse und exqui­siten Geschmack im Musi­ka­li­schen, keine Angst vor Theorie und Lust am Spiel.

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