Little Trouble Girls

Kaj ti je deklica

SLO/I/HR/SRB 2025 · 90 min. · FSK: ab 12
Regie: Urska Djukic
Drehbuch:
Kamera: Lev Predan Kowarski
Darsteller: Jara Sofija Ostan, Mina Svajger, Sasa Tabakovic, Natasa Burger, Stasa Popovic u.a.
Little Trouble Girls
Eine Geschichte aus Bildern und Blicken...
(Foto: Grandfilm)

Erotisches Frühlingserwachen im Kloster

Eine Teenagerin sammelt bei einem Probenwochenende ihres Mädchenchors im Kloster erste erotische Erfahrungen und ringt um ihre sexuelle Orientierung

Die 16-jährige Lucija (Jara Sofija Ostan) kommt als Neuling in den Mädchen­chor ihrer katho­li­schen Schule. Dort lernt sei die zwei Jahre ältere Ana-Maria (Mina Švajger). Die Freund­schaft der beiden vertieft sich, als der Chor im Sommer zu einem drei­tä­gigen Proben­wo­chen­ende in ein Kloster nach Cividale in Nord­ita­lien fährt. Während die intro­ver­tierte und behütet aufge­wach­sene Lucija von ihrer Mutter gerügt wird, weil sie probe­weise einen Lippen­stift benutzt hat, hat die selbst­be­wusste Ana-Maria offenbar schon sexuelle Erfah­rungen gemacht. Die beiden kommen sich allmäh­lich näher, bis sie sich bei einem Ausflug an einen idyl­li­schen Bach küssen.

Der erste Kuss verwirrt Lucija sehr, zumal sie sich zugleich zu einem attrak­tiven jungen Bauar­beiter (Matia Cason) hinge­zogen fühlt, den sie schon mehrfach bei den Reno­vie­rungs­ar­beiten im Kloster oder beim Baden in dem nahe­ge­le­genen Bach beob­achtet hat. Als Lucija eines Morgens früh erwacht und den enga­gierten Chor­leiter Bojan (Saša Tabaković) beim Klavier­spielen hört, offenbart sie ihm, dass Ana-Maria anschei­nend in sie verliebt sei. Bei einer der folgenden Chor­proben schi­ka­niert und beschimpft er Lucija so heftig, dass sie weinend davon­läuft.

Die slowe­ni­sche Regis­seurin und Dreh­buch­au­torin Urška Djukić erzählt in ihrem ersten langen Kino­spiel­film einfühlsam vom eroti­schen Erwachen und den ersten tastenden Schritten einer 16-Jährigen hin zur sexuellen Selbst­be­stim­mung. Die einfühl­same Insze­nie­rung zeigt ihre zaghafte Iden­ti­täts­suche in langen Einstel­lungen und einem ruhigen Erzähl­rhythmus. Urška Djukić erzählt dabei konse­quent aus der Perspek­tive der Prot­ago­nistin, die von der jungen Jara Sofija Ostan mit einer starken Lein­wand­prä­senz verkör­pert wird.

Die Coming-of-Age-Story wird vor allem über Bilder und Blicke erzählt, die sich die Figuren zuwerfen. Das kann sogar voyeu­ris­ti­sche Züge annehmen, wenn die beiden Freun­dinnen heimlich einige Bauar­beiter beim Baden beob­achten oder Lucija einen von ihnen nackt foto­gra­fiert. Im Vergleich dazu spielen Dialoge im Film eine unter­ge­ord­nete Rolle. Dafür gewinnt Musik als filmi­sches Gestal­tungs­mittel eine beacht­liche Rolle: Immer wieder sorgen die Choräle der Mädchen im Zuge der zahl­rei­chen Proben für eine geradezu medi­ta­tive Stimmung.

Als größter Hemmschuh für Lucijas erotische Selbst­fin­dung erweist sich ihre strenge katho­li­sche Erziehung. Gleich­ge­schlecht­liche Neigungen gelten in dem repres­siven Milieu als Sünde. Und über Sexua­lität wird im Kloster öffent­lich nicht gespro­chen, obwohl das Thema bei Teen­age­rinnen auf reges und wach­sendes Interesse stößt. Kein Wunder, wenn Lucija einmal eine gute Gele­gen­heit nutzt und eine Nonne fragt, wie sie mit der Auflage des Zölibats zurecht kommt. Die Nonne scheint mit ihrem Leben zufrieden zu sein und schwärmt von der „Ehe mit Gott“: »Die mensch­liche Berührung ist flüchtig. Jemand kommt, berührt dich und geht. Aber die Berührung Gottes bleibt. Sie berührt dein Herz und breitet sich im ganzen Körper aus.« Sympto­ma­tisch für die Wirkungs­macht der katho­li­schen Normen in sexuellen Dingen ist, dass der Chor­leiter, nachdem Lucija die Verliebt­heit von Ana-Maria enthüllt hat, das heikle Thema einfach ignoriert.

Djukić, deren jüngster Kurz­ani­ma­ti­ons­film Omas Sexleben (2021) mehr als 50 inter­na­tio­nale Preise gewonnen hat, hält die Insze­nie­rung bevorzugt in einem Schwe­be­zu­stand. Dazu passt eine surreale Sequenz kurz vor dem Ende, in der sechs weiß­ge­klei­dete Nonnen vor einem Wasser­fall ein altes italie­ni­sches Gebet singen und Lucija, ebenfalls in ein weißes Kleid gehüllt, sich aus einem Wasser­be­cken davor erhebt, als sei sie wieder­ge­boren worden. Außerdem bleibt am Ende offen, ob die Prot­ago­nistin mehr für ihre kokette Chor­kol­legin empfindet oder für den muskulösen Bauar­beiter. Das Schluss­bild wiederum legt nahe, dass sie sich vom über­holten Konzept der sündigen Sexua­lität lösen kann und beschließt, ihrer Intuition zu folgen.

Auf der Suche nach sinn­fäl­ligen Bild­me­ta­phern für die eroti­schen Regungen der Mädchen und jungen Frauen greift die Regis­seurin hin und wieder zu allzu flachen oder abge­nutzten Symbolen. Mehrmals zeigt die Kamera farben­frohe Blumen­blüten, in die eine Biene zum Bestäuben eindringt. Ein anderes Mal scheint sie sich, dem sinn­li­chen Blick Lucijas folgend, geradezu auf dem entblößten Bauch­nabel von Ana-Maria fest­zu­saugen. Und beim „Wahrheit oder Pflicht“-Spiel der Sänge­rinnen schleicht sich Lucija, die als Aufgabe erhält, das schönste Mädchen im Kloster leiden­schaft­lich zu küssen, zu einer stei­nernen Mari­en­statue und küsst sie innig auf den Mund.

Auf der Berlinale 2025 gewann der Eröff­nungs­film der Sektion Perspec­tives den FIPRESCI-Preis, auf dem Tribeca Film Festival wurde er für die beste Kamera ausge­zeichnet.