Königin von Niendorf

Deutschland 2017 · 67 min. · FSK: ab 0
Regie: Joya Thome
Drehbuch: ,
Kamera: Lydia Richter
Darsteller: Lisa Moell, Denny Sonnenschein, Salim Fazzani, Ivo T. Michligk, Moritz Riek u.a.
Alles geht – erst Recht mit so einer Hauptdarstellerin!

Nur (k)ein Lächeln

Der Kinder­film­markt ist hart umkämpft und genauso von rück­läu­figen Zuschau­er­zahlen gepeinigt wie der Filmmarkt für Erwach­sene. Die Risi­ko­be­reit­schaft originäre Stoffe zu verfilmen, ist dementspre­chend gering. Verfilmt werden statt­dessen fast ausschließ­lich etablierte Marken und Bücher. Letztlich waren es die schon als Endlos-TV-Serie durch­ge­nu­delten Pfef­fer­körner, bald kommt die fünfte Gene­ra­tion der Fünf Freunde, von dem Riesen­er­folg von Bibi & Tina gar nicht zu reden und auch Wendy lief so gut, dass der zweite Teil schon abgedreht ist. Das soll natürlich nicht heißen, dass diese Filme grund­sätz­lich schlecht sind, sondern nur die vertrackte Lage für die Produ­zenten verdeut­li­chen, die natürlich darum wissen, dass sich eine wie-und-wo-auch-immer etablierte Marke besser verkaufen lässt, als völlig neuer Stoff. Die Produ­zenten der gerade in die Kinos geflo­genen kleine Hexe, Uli Putz und Jakob Claussen, haben das kürzlich in der Süddeut­schen Zeitung bestätigt, auch sie verfilmen im Kinder­be­reich keine Origi­nal­stoffe mehr. »Wir müssen darauf schauen, dass die Öffent­lich­keit etwas von den Filmen erfährt«, sagte Uli Putz, »wenn man eine Marke hat, ist es etwas einfacher. Ansonsten müsste man einfach noch viel mehr Geld fürs Marketing ausgeben.«

Dass es dennoch so etwas wie Hoffnung gibt, beweist nicht nur der für den besten deutschen Kinder­film der Film­kritik nomi­nierte, fulmi­nante Nur ein Tag, sondern auch der Eröff­nungs­film des letzt­jäh­rigen, 35. Münchner Kinder­film­fests, Joya Thomes Königin von Niendorf, der es tatsäch­lich einmal ganz anders versucht als die im gegen­wär­tigen deutschen Kinder­film vorherr­schende Blödelei und Stereo­ty­pendre­schei, der es wirklich wagt seine Haupt­dar­stel­lerin fast ohne ein Lächeln durch den Film zu schicken. Und nicht nur das: der zeigt, dass es wirklich noch Origi­nal­dreh­bücher im deutschen Kinder­film gibt, es ohne bekannte Vorlage, irgendein Kinder­buch oder eine schon exis­tie­rende Serie wirklich gelingen kann, einen tollen Kinder­film zu machen und ihn auch noch in die Kinos zu bringen.

Toll an der Königin von Niendorf ist vor allem der Mut von Joya Thoma – die Tochter von Rudolf Thome – eine Geschichte zu erzählen, die eher an Filme der Berliner Schule erinnert als die den deutschen Kinder­film­markt domi­nie­rende »Lego­bau­satz­schule«. Thome erzählt die Geschichte der 10-jährigen Lea (Lisa Moell) aus Bran­den­burg, die ihre Sommer­fe­rien ohne ihre Freun­dinnen verbringen muss. Sie fährt mit ihrem Fahrrad durch die leeren Straßen ihres Dorfes, pflegt die Freund­schaft zu einem erwach­senen Aussteiger, dem Musiker Mark (Mex Schlüpfer) und versucht schließ­lich Zugang zu einer Jungen-Bande zu bekommen, die Mädchen eigent­lich nicht aufnimmt. Dann sieht man sie wieder bei ihren Eltern, erfährt von poli­ti­schen Künge­leien, die ihren Musi­k­er­freund betreffen, taucht wieder in die sommer­liche Trau­rig­keit dieser abge­hängten deutschen länd­li­chen Tristesse ein und so geht es weiter, bis irgend­wann die Mutproben kommen.

Berliner Schule für Kinder? Das soll gehen? Ich verspreche es und bitte jeden, der Zweifel hegen sollte, es auszu­pro­bieren; Eltern mit ihren Kindern, Enkel mit ihren Groß­el­tern oder am besten alle zuammen. Sie werden sehen, dass es geht, erst Recht mit einer so tollen Haupt­dar­stel­lerin wie Lisa Moell. Denn es ist ja nicht nur der etwas über­strap­zierte Begriff »Berliner Schule«, die man hier asso­ziativ hinein­in­ter­pre­tieren kann, sondern auch Thomes unglaub­li­cher Spagat in ihren Einstel­lungen auch an die goldene Ära des neuen deutschen Kinder­films zu erinnern – etwa an Wolfgang Beckers Vorstadt­kro­ko­dile, Hark Bohms Nordsee ist Mordsee oder die Geschichten des Feuer­roten Spiel­mo­bils. Und das, ohne dabei aber auch nur ansatz­weise histo­ri­sie­rend zu wirken, sondern genau im Hier und Jetzt verankert zu sein. Und dabei Themen anzu­rühren, die mit deutschen Kinder­filmen gemeinhin nicht mehr in Verbin­dung gebracht werden: Schwul­sein und Anders­sein überhaupt, ostdeut­sche Tristesse, korrupte Kunge­leien, Iden­ti­täts­suche und ein Sommer, den ich schon lange nicht mehr so schön foto­gra­fiert gesehen habe. Und nicht zu vergessen die musi­ka­li­sche Unter­ma­lung, die über­rascht, die kontem­plativ illus­triert und den ruhigen Erzähl­fluss und die wunder­volle Kamera immer wieder lyrisch verdichtet.

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