| USA 2003/04 · 275 min. · FSK: ab 18 Regie: Quentin Tarantino Drehbuch: Quentin Tarantino Kamera: Robert Richardson Darsteller: Uma Thurman, Lucy Liu, Vivica A. Fox, Michael Madsen, David Carradine u.a. |
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| Uma Thurman als Beatrix »the Bride« Kiddo | ||
| (Foto: Studiocanal) | ||
Was ist Zeit? Dass Lauflänge relativ ist, ist eine Binsenweisheit. Und es wäre falsch zu sagen, dass man die vier Stunden Kill Bill (plus integrierter Pause) kaum spürt, sie im Fluge vergehen. Denn sie haben durchaus Gewicht. Aber es ist ein Gewicht der Erfülltheit. Der Fluss ist trotz der episodischen Erzählstruktur einer des romanhaften, epischen Atems.
Kill Bill wirkte in der (von der Produktion
diktierten) separierten Darreichungsform einst wie zwei ziemlich unterschiedliche Filme, die miteinander kommunizieren. Als das eigentlich intendierte Gesamt-Kunstwerk offenbart es sich als blutige Tragödie über die Entfremdung von Freundschaften und Liebesbeziehungen im Lauf der Zeit.
Es ist dabei tatsächlich schlicht das Erlebnis, die ganze Geschichte am Stück und einem Kinotag zu sehen, welches den entscheidenden Unterschied macht.
Es gibt zwar ein paar Abweichungen des Kompendiums zur bekannten, zweigeteilten Version: Statt dem (immer etwas deplazierten) Klingonen-Zitat vorab eine Widmung an Kinji Fukasaku, den Großmeister der Yakuza-Dramen. Hie und da ein paar Spritzer Gewalt mehr, auch ab und zu eine ausgewechselte Einstellung, ein alternativer
Take.
Nach dem Abspann ist zudem eine unlängst von Tarantino in Fortnite computeranimierte Bonus-Episode angepappt. Ein Kapitel, das mal Teil einer Drehbuchfassung war, aber nie verfilmt wurde – der Rache-Versuch von Gogo Yubaris Schwester. Es ist, als käme nach einem viergängigen Sterne-Menu der Koch, kackt auf den Tisch, gießt Zuckerguss drüber und sagt: »Ihr Dessert. Bon appetit!«
Aber selbst dass das große Gefecht im House of Blue Leaves nun ganz in Farbe erstrahlt – vor allem blutrot –, wo es einst aus Jugendfreigabegründen zu schwarz-weiß entsättigt wurde, ist weniger ausschlaggebend, als dass es in der Mitte des Films steht, statt das Finale von Vol. 1 zu bilden.
Kill Bill spielt mit der
Chronologie nicht allein bezüglich des Fortlaufs der Erzählung. Sondern gewisserweise auch den dramaturgischen Bogen betreffend: Übliche Rachegeschichten sind konsequent steigernd. Die orgiastisch(st)e Entladung von Gewalt ist ihr Ziel- und Endpunkt. The Whole Bloody Affair aber erledigt diesen Climax eben zur Halbzeit. Und bereitet damit den Boden für entschleunigte Emotionalität. Nicht minder intensiv, aber nun mehr nach innen gekehrt
als ihren Ausdruck in Action findend.
Denn was die Gesamtschau vollends deutlich macht: Im Herzen ist Kill Bill ein bitteres Beziehungsdrama, eine Elegie über die Untrennbarkeit von Zorn und Zärtlichkeit. (Etwas, das die ganzen auf vermeintliche Coolness fokussierten Tarantino-Epigonen nie verstanden, nie hinbekommen haben.)
Nüchtern betrachtet, ist dieser Film ja eigentlich nur eine Abfolge von einem Dutzend sehr langer Szenen. Doch was diese zusammenhält – außer
freilich der sensationellen Uma Thurman und generell Tarantinos Genie beim Casting, seine Liebe zu seinem Ensemble – ist gerade das Ausgesparte, das Dazwischen. Ist der Umgang mit Zeit, sowohl im genüsslichen Auskosten von Momenten, Situationen. Als auch im (un)chronologischen Puzzlen von Episoden zu einem implizierten Kosmos. Und ist vor allem: Das nicht gezeigte, aber in allem präsente Davor.
Nur den Moment des Sündenfalls – das Hochzeits-Massaker – bekommen wir als Rückblende zu sehen. Doch von der quasi-paradiesischen Ära bleibt nur eine Ahnung. Jener Zeit, als Bill und seine »Vipern« als Auftragskillerinnen noch eine eingeschworene Gruppe gewesen sein müssen.
Kill Bill ist so viel mehr als eine Aneinanderreihung von Kämpfen, weil hier ehemalige Freundinnen, Liebende gegeneinander antreten. Weil Respekt
zwischen ihnen herrscht – ein Bedauern, dass sie nun so gnadenlos zueinander sein müssen. Und der Film dies in jedem Hieb mitempfindet.
Wie Bills Stimme gleich ganz zu Anfang sagt: Das Quälen Anderer kann eine Form der Selbstquälerei sein. Die Aggression des Films ist tragisch, ist ein Nach-außen-Kehren einer eigenen Verletztheit. Was in der Komplettfassung viel sinnfälliger wird, wo Gemetzel-Gipfel und schmerzhafter Abschied so nah aufeinander folgen.
Kill Bill ist Zeit-Stück aber auch als Kulmination von Tarantinos Zitathaftigkeit. Freilich ist sein Schaffen bis heute voller Referenzen. Aber nie wieder waren sie so weitreichend und ausgestellt wie hier. So sehr oft der Gegenstand selbst, statt lediglich Fundament für freiere Fantasien, Variationen über sie.
Der Film ist eine Enzyklopädie der Genres und Stile. Ist getränkt von Filmgeschichte. Von Kung Fu-Filmen der Shaw Bros.
Studios über Italowestern und Anime bis Jidaigeki.
Wobei es aber – auch das im Gegensatz zu so vielen seiner Nacheiferer – Tarantino nicht ums bloße Wiedererkennen geht. Beim Katana-Duell im Zen-Garten etwa sollen wir nicht einfach kennerisch rufen: »LADY SNOWBLOOD!« Sondern spüren, was er beim ersten Sehen jenes Films gespürt hat. Bei aller Besserwisserei von Quentin Tarantino, der öffentlichen Persönlichkeit – Tarantino, dem Filmemacher, geht es im Wortsinn
ums Nachempfinden: Ein Bewahren, Tradieren von Empfindung. Weshalb es eben so wichtig ist, dass das Detail stimmt, bis in jede Flocke genau der richtigen Sorte von Kunstschnee.
Nicht zuletzt aber ist die Wiederbegegnung mit Kill Bill eine wehmütige Erfahrung. Die Zeit, die seit dem ursprünglichen Debut des Films vergangen ist – erschreckenderweise schon über zwei Jahrzehnte – schleicht, sickert und drängt dabei herein.
Es ist unbequem, heute das Logo von Harvey Weinsteins Miramax vor einem Film zu sehen – zumal einem, in dem die Vergewaltigungsdrohungen so präsent sind. Auch, wenn diese
umgehend bestraft werden. Und freilich war »Luckily for her, Boss Matsumoto was a pedophile« immer ein grenzwertiger Satz – aber er klingt aktuell vor dem Hintergrundgeräusch der Epstein Files noch mal anders...
Im Gegenzug aber offenbart der Blick auf Tarantinos weitere Karriere Kill Bill auch als den Höhepunkt seiner »Frauenfilme«. Jenes Trios – zuvor Jackie Brown, danach Death Proof –, in dem widerwärtige Männer ausräumbare Störfaktoren sind einer im Grunde weiblichen Welt.
Und schließlich sind da, schmerzhaft, all die Beteiligten an diesem todesschwangeren Film, die mittlerweile tatsächlich nicht mehr unter den Lebenden weilen: Sally Menke, Tarantinos Stamm-Schnittmeisterin, die immer großartig darin war, seiner Exzessivität eine Form mit genau dem rechten Maß an Überschüssigkeit zu geben. Michael Madsen, David Carradine, Sonny Chiba, Michael Parks. Sie alle hier wieder am Schein-Leben zu sehen, festgehalten in einem Moment der Un-Vergänglichkeit, und dabei den Verlust zu spüren – das, mehr denn alles andere, ist Zeit...