Joker

USA 2019 · 122 min. · FSK: ab 16
Regie: Todd Phillips
Drehbuch: ,
Kamera: Lawrence Sher
Darsteller: Joaquin Phoenix, Robert De Niro, Marc Maron, Zazie Beetz, Shea Whigham u.a.
Die Geschichte ist seicht, die Gedanken unzusammenhängend, die Haltung so reaktionär, wie die Hauptfigur.

Mit den Clowns kamen die Tränen

»Is it just me or is the world getting crazier out there?«
Joker in: Joker

Joker, die schil­lerndste Figur des Batman-Univer­sums, außer Batman selbst natürlich und Catwoman, dieser Joker ist mehr als nur ein Gegen­spieler des Helden. Er ist eine Insti­tu­tion für sich selbst. Ein Horror-Clown. Ein Unter­nehmer des Wahnsinns, der auch den Wahnsinn des Unter­neh­mer­tums reprä­sen­tiert. Er ist aber auch ein Zeichen für die Bosheit der Unter­hal­tung, die Bosheit des Humors.

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Der Film beginnt mit Medien. Aus dem Off die Worte eines TV-Nach­rich­ten­spre­chers. Die Rede ist vom Zustand von Gotham City: Alles sei vermüllt, »Even the richest areas are looking like slums«. Man sieht Feuer, die Rede ist von »garbage and rats«.
Das nächste Bild zeigt dann die Haupt­figur vor einem Spiegel, die Finger greifen in seinen Mund, ziehen die Mund­winkel erst nach unten, danach nach oben. Trauer und Lachen wie die beiden grie­chi­schen Thea­ter­masken. Er trainiert Lachen und Lach­mus­keln, denn er arbeitet als Clown, den man mieten kann. Dann ein Schnitt: Das Bild zeigt nun eine Straße, an den Autos und der Werbung erkennbar 70er Jahre. Viele Geschäfte haben offenbar Probleme, viele Schluss­ver­käufe, »ever­y­thing must go« steht auf einem Schild. Vor dem Geschäft ein Clown, der Werbung macht und ein Schild mit der gleichen Aufschrift trägt. Kurz darauf klaut ihm eine Gruppe Jugend­li­cher das Hinweis­schild, es kommt zu einer Verfol­gungs­jagd, die dem Film die Möglich­keit gibt, uns ein paar Panorama-Shots von der Innen­stadt zu zeigen. Der Clown lässt sich in eine Seiten­straße locken, dort wird er brutal zusam­men­ge­schlagen.
Dann erst, über dem Lachen des Zusam­men­ge­schla­genen, ist der Filmtitel zu sehen: »Joker«.

Nächster Schnitt: Joker, der Arthur heißt, ist wieder zu sehen. Wie er sowieso fast in jedem Bild dieses Films zu sehen ist, der ganz und gar aus seiner Sicht erzählt ist, sogar im doppelten Sinn, denn dem, was wir hier sehen, ist nicht immer zu trauen. Er lacht vor einer Sach­be­ar­bei­terin des Sozi­al­amts. Sein Lachen ist ein Weinen und sein Weinen ist ein Lachen. Auch hier wird nochmals die Epoche deutlich als 70er Jahre markiert, man sieht metallene Regale, man sieht eine Schreib­ma­schine, keine Computer, keine Mobil­te­le­fone, dafür Metall.
Arthur muss sein Journal vorzeigen, tut das auch, dort steht »I hope my death makes more cents than my life«. Jetzt sollte ein Lacher kommen, denn Arthur möchte Comedian werden, das klappt aber nicht. Er ist selbst­mit­leidig: »I haven’t been happy my whole entire fucking life.« Er möchte seine Medi­ka­men­ten­dosis herauf­ge­setzt bekommen, und sagt den inter­es­santen Satz: »I think I felt better when I was locked up in hospital.«

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Arthur hat eine Visi­ten­karte bei sich, die er Passanten reicht, wenn es mal wieder nötig ist. Auf der steht etwas von einer Gehirn­ope­ra­tion und unkon­trol­lier­barem Lachen, einer Krankheit – ob das eine Wahn­vor­stel­lung ist oder stimmt, gehört zu den Fragen, die offen­bleiben. Er wohnt nach wie vor bei der Mutter in einem ziemlich herun­ter­ge­kommen Sozialbau. Abends schaut man fern zusammen. Besonders beliebt ist »Live with Marvin Franklin«, ein Late-Night-Dings, in dem Robert de Niro als Show­master zu sehen ist. Die Show endet immer mit dem Lied »That’s life« gesungen von Frank Sinatra.
That’s life (that’s life) that’s what people say/ You’re riding high in April/ Shot down in May/ But I know I’m gonna change that tune/ When I’m back on top, back on top in June...

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A propos Robert de Niro: Der ganze Film wirkt wie eine Kreuzung aus Taxi Driver und The King of Comedy. Der Film ist eine One-Man-Show von Joaquin Phoenix, aber eine, die immer im Schatten dieses anderen Schau­spie­lers steht.
Ich bin mir jeden­falls nicht ganz sicher, ob Joaquin Phoenix wirklich so gut ist, wie viele glauben und dieser Film uns glauben machen will; mir scheint, dass der Film vor allem zeigt, dass Phoenix ein Wannabe-de-Niro ist.

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Es gibt gute und schlechte Nach­richten. Die gute: Arthur hat eine Nachbarin kennen­ge­lernt, die allein­ste­hende Mutter Sophie (die von der in Berlin geborenen Deutsch-Ameri­ka­nerin Zazie Beetz gespielt wird).
Die schlechte: Als ihm bei einem Auftritt vor Kindern im Kran­ken­haus ein Revolver aus der Tasche fällt, wird er entlassen. »What kind of Clown carries a gun?« Als er geht, ist seine letzte Tat, das Schild im Trep­pen­haus zu bear­beiten. Darauf steht in Busi­ness­sprache fürs Dienst­leis­tungs­ge­werbe »don’t forget to smile«. Arthur streicht »forget to« durch.
Nun beginnt ein Amoklauf. In der U-Bahn wir er von drei jungen reichen weißen Yuppies, Deppen in Business-Anzügen, provo­ziert und zusam­men­ge­schlagen. Und nun wehrt er sich und tötet die drei. Die Schießerei erinnert an den Fall Goetz.
Er entkommt, für ihn beginnt ein Amoklauf, für die Gesell­schaft eine Bürger­be­we­gung von Menschen mit Clowns-Masken. »A good swell of anti-rich-sentiment«, wie es heißt. Manche empören sich, seine Nachbarin aber sagt zu ihm mit dem sicheren Instinkt der Frau aus der Unter­klasse: »Three pricks less in Gotham City and one million more to go.«

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Nun kommt ein anderer Erzähl­strang hinzu. Auftritt Thomas Wayne, von dem Batman-Erfahrene wissen, dass er der Vater von Bruce Wayne/Batman ist und vor den Augen des Sohnes ermordet werden wird. Hier ist er zunächst mal ein arro­ganter Reicher. Wayne nennt die Armen, die Ernied­rigten und Belei­digten »Clowns«, das darf er nicht, hier greift die Political Correct­ness – denn Wayne will Bürger­meister werden.
Inter­es­sant, dass dieser Film endlich einmal die dunkle und böse Seite von Thomas Wayne zeigt, dass er zeigt, dass man zu dieser Art von Reichtum in der Regel nicht auf sauberen Wegen und mit sympa­thi­schem Verhalten gekommen ist.
Es scheint irgend­wann, dass Arthur der Sohn von Thomas Wayne ist, und die Szene, wenn die beiden vermeint­li­chen Brüder sich begegnen, ist eine der besten des Films: »I am Bruce« – »I am Arthur«. A und B by the way. Aller­dings heißt es dann schnell, die Mutter sei »delu­sional«, aber ganz geklärt ist alles auch am Ende noch nicht. Der Bruce des Films ist einfach ein kleiner einge­schüch­terter Schweiger. Bruce ist auch so ein ameri­ka­ni­scher Papa-Sohn, der von seinem Vater nicht loskommt, der sein Leben lang im Schatten des Vaters steht, Superheld oder nicht.

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Es kommt dann, wie alles kommen muss. Eine Fort­set­zung wäre denkbar. Regie führt Todd Phillips, der bisher nicht weiter von sich reden gemacht hat. Hier sieht man warum. Eine Verfol­gungs­jagd zu Fuß durch die U-Bahn erinnert immerhin stilis­tisch an French Connec­tion. Der Rest ist zwar auch aus zweiter Hand, aber präten­tiös. Nie geht der Film das entschei­dende Stück weit genug, sondern macht nur viel Lärm.
Ganz am Schluss singt Sinatra »Where are the Clowns«. Das ist schön. Trotzdem vergisst man die Frage nicht, was der Film denn nun für eine Agenda hat, ästhe­tisch, politisch? Und ob da alles zusam­men­hängt, trotz ungelöster Erzähl­fäden, wie der Geschichte der Nachbarin.

Die Geschichte ist seicht, die Gedanken unzu­sam­men­hän­gend, die Haltung so reak­ti­onär, wie die Haupt­figur. Ein Held für alle destruk­tiven Charak­tere.

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Dieser Film ist der Versuch einer Ehren­ret­tung für seine Haupt­figur. Der Film ist wie eine gut zweistün­dige Thera­pie­sit­zung. Noch der nihi­lis­tischste Verbre­cher, das bringt der Film uns bei, ist eigent­lich ein Opfer. Krankheit und Trauma aller­orten – das Böse aber gibt es nicht und persön­liche Verant­wor­tung verdampft vor der sozialen und admi­nis­tra­tiven Kata­strophe. Das passt zum Zeitgeist und mag manche kranke Seele beruhigen. Ein Erkennt­nis­ge­winn ist es so wenig, wie einer für die Gesell­schaft.
Auch die plat­testen Klischees unserer Tage – psychi­sche Krank­heiten und Kindes­miss­brauch –, mit denen sich heute alles erklären lässt, dürfen in so einem Film nicht fehlen. Und es bleibt fest­zu­halten, dass auch dieser Film sich dem roten Faden vieler Filme – Mütter, Familie – fügt. Und dass auch er das Sujet Adoption streift. Die Wirk­lich­keit berührt er nur von fern, andere Menschen auch nicht. Er kreist wie Arthur/Joker narziss­tisch um sich selbst.

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Das hohe Rating, das der dies­jäh­rige Gewinner von Venedig bis vor ein paar Tagen noch auf vielen Portalen hatte, ist ange­sichts der heftigen Diskus­sion um die Gewalt­dar­stel­lung in Todd Phillips Film, leicht bis stark einge­bro­chen. Was nicht verwun­dert. Denn Joker verrät einiges über unseren gespal­tenen Zeitgeist: Rache- und Revo­lu­ti­ons­phan­ta­sien, vereint durch das in ihnen liegende Wutbür­gertum, werden bedient, Verach­tung für Rechts­staat, Medien, Politik sowieso. Das sei doch »bloß« Unter­hal­tung, werden jetzt wieder viele einwenden. Eben! Als Konsument schluckt man Dinge bereit­willig, als Bürger ist man innerlich zu gelähmt, um sie zu bekämpfen.
Darüber hinaus: Die Primi­ti­vität, mit der man das manie­rierte, exal­tierte und im Grunde genommen höchst redun­dante Spiel von Phoenix abfeiert, sein Abnehmen und seine Grimassen zur Kunst erklärt. Diesem Schau­spieler, für den Dezenz und Subti­lität Fremd­worte sind, lässt man einfach alles durch­gehen. Meinet­wegen. Aber selbst wer Phoenix für ein Genie hält, muss blind sein, um über die Stärken des Films die Schwächen von Joker zu übersehen.

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