| Deutschland 2025 · 92 min. · FSK: ab 6 Regie: Lars Jessen, Rasmus Jessen Drehbuch: Rasmus Jessen Kamera: Fritz Butze Schnitt: Sebastian Thümler, Sarah Guggolz, Nikolai Hartmann |
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| Da ist viel Luft drumherum | ||
| (Foto: Pandora) | ||
»Jetzt wohin? Der dumme Fuß/ will mich gern nach Deutschland tragen;«
doch es schüttelt klug das Haupt/ mein Verstand und scheint zu sagen:
Zwar beendigt ist der Krieg,/ doch die Kriegsgerichte blieben,
und es heißt, du habest einst/ viel Erschießliches geschrieben.
Heinrich Heine
Am Anfang steht die Propaganda der BILD-Zeitung: Schon am 1.12. feuerte das Revolverblatt die ersten Breitseiten: »Neuer Habeck-Film kostet Steuerzahler 270.000 Euro«. Fake News! Denn »den Steuerzahler« kostet die Filmförderung gar nichts, das sind Gelder aus Töpfen, in die alle einzahlen, und zum zweiten handelt es sich um rückzahlbare Darlehen, und zum dritten ist die ganze Gedankenstruktur die dem zugrunde liegt, übelstes Ressentiment und konkret Hetze gegen einen Gegner, der dem rechtsbürgerlichen Lager immer noch gefährlich werden kann.
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»Ich will nicht glauben, dass Leute belogen werden wollen – dann können wir doch dichtmachen. Was soll denn das für eine demokratische Kultur sein?« Mit diesem Redeausschnitt Robert Habecks geht es los. »Drill Baby Drill« und »I want you to panic!« folgen, Trump und Greta sind zu sehen, als zwei extreme Pole auf jener Linie, auf der Robert Habeck vielleicht so etwas wie einen Dritten Weg, die progressive Mitte bildet.
»Hallo mein Name ist Lars Jessen...« – der Regisseur und mit ihm die Erzählstimme dieses Ich-Films stellt sich vor, Alice Weidel hetzt in einer Rede gegen Migranten.
Dann wieder Habeck: »Ich will nicht hinnehmen, dass Angst und Zorn uns aufzehren.« Und der Regisseur aus dem Off: »Im wärmsten Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen tritt Robert Habeck als Kanzlerkandidat an. Für mich und viele andere war er nicht nur ein Politiker oder Minister sondern die Projektionsfläche der
Idee, dass Klimaschutz endlich angepackt wird, dass Politik wieder ehrlich sein könnte, verbindend und realistisch zugleich.«
Das ist die Exposition, der Auftakt und die Matrix dieses Films: Linksaußen = Greta; rechtsaußen = Trump; Regression tiefunten = Weidel; Progression ganzoben = Habeck. Und genau in der Mitte stehen »wir«, das Publikum und unweit davon Lars Jessen, der Regisseur, der uns mitnimmt auf den Weg. Wohin?
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Um Ehrlichkeit, um das Verbindende, um den Realismus soll es seinen eigenen Worten nach also gehen. Gute Idee! Nun ist es mit dem Realismus wie mit dem anderen aber so eine Sache. Was heißt Realismus? Für manche ist radikaler Klimaschutz realistisch. Für andere ist er aber eben gerade nicht realistisch, sondern blinder Utopismus, und in der in der Art, wie er tatsächlich praktiziert wird, ein Idealismus, der die Realität außer Acht lässt.
Realistisch wäre es für einen Politiker
vermutlich, genau dies alles mitzubedenken.
Robert Habeck ist so ein Politiker. Er ist genau der Typ Politiker, der es schafft, die Wirklichkeit miteinzubeziehen und nicht an der Wirklichkeit vorbei Politik zu machen. Und trotzdem seine Ideale nicht zu vergessen, trotzdem die Idee einer anderen Wirklichkeit plastisch werden zu lassen in seinem Reden und Handeln und sie in der Programmatik der von ihm geführten Partei zu entwickeln.
Robert Habeck ist das seltene Exemplar eines Politikers, der jenseits von Pragmatismus und Karrieregeilheit zu agieren scheint und der glaubwürdig auch die Phantasien des Publikums, also der Bürger und Wähler entfacht. Überaus geeignet als Mittelpunkt eines Dokumentarfilms. Und auch sonst hat diese Geschichte alles, was ein guter Film braucht: ein Drama, eine Heldenreise, der Aufstieg, die Hindernisse, die überwunden werden, das Opfer, der Triumph – und dann ein jäher Sturz. Eigentlich also ein Cliffhanger – dieser Film kann noch nicht zu Ende sein.
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Genau diese Beschreibung umreißt das doppelte Dilemma von Lars Jessens Film Jetzt. Wohin.: Wir haben einen Helden, den wir siegen sehen wollen und wir werden Zeuge einer Niederlage, einer doppelten und dreifachen, in der möglicherweise ein moralischer Sieg stecken könnte oder ein später Triumph, doch beides ist noch nicht sichtbar. Insofern haben wir hier einen Film, der inkomplett ist, der erstmal nur der erste Teil eines Mehrteilers zu seinen scheint
– und doch ist nicht ganz klar, ob je ein Sequel gedreht werden wird.
Wie sein Held, der ein bisschen Ikarus ist und zu hoch hinaus wollte, sich über das Labyrinth der Alltagspolitik erheben, so kann auch dieser Film eigentlich nur scheitern. Er muss scheitern, schon an der Hetze und dem Hass all jener, die dem Helden feindselig gegenüberstehen, die ihn vernichten wollen, auch nach dem Sturz noch ein für allemal – was fällt, das soll man noch stoßen. An der Abneigung all
jener, die einfach seine politischen Gegner sind und nichts mehr von ihm hören wollen. An der Gleichgültigkeit der medialen Karawane, die längst schon innerlich weitergezogen ist.
Den fast durchweg negativen, spöttischen, oft böswilligen Kritiken mitten aus der Berliner Medienblase merkt man das jetzt in jeder Zeile an: die Abneigung gegenüber dem Objekt, die Verachtung gegenüber der Partei, der er entstammt und über die er sich doch weit enthoben hat, der tiefe Schmerz und die kleine Scham der Enttäuschung, dass man selbst seine Hoffnungen vielleicht eine Weile auf diesen Mann projiziert hat.
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In ihren besten Jahren waren die »Grünen« eine republikanische Alternative zu allem Bestehenden: Robert Habeck zitierte auf Parteitagen Hannah Arendt, beschwor bürgerliche Freiheiten, und stimmte zugleich noch vor Pandemie und Ukrainekrieg seine Grünen auf die Erdbeben ein, die kommen werden. In ernstem Ton sagte er: »große, drängende, dringliche Probleme«, prognostizierte eine »tektonische Verschiebung in der globalen Ordnung« und das Heraufziehen einer strukturellen
Verschiebung in der globalen Ökonomie. Es stehe viel mehr auf dem Spiel als Umweltschutz und Klima, als Milieu-Befindlichkeiten und Partei-Wehwehchen. Die Demokratie als solche stehe auf dem Spiel.
Habecks Antwort war Institutionenverteidigung. Mit anderen Worten: Republikanismus. Die Zeiten hätten sich gewandelt. »Wir leben in der besten und freiesten Republik, die es jemals gab. Verteidigen wir diese Republik und sorgen wir dafür, dass sie nicht faschistisch abgeräumt
wird. Werden wir Verfassungsschützer!«
Habeck dachte eine Neujustierung der Marktwirtschaft, Märkte, die den Menschen dienen, ein neues Ordnungsrecht und ein »großes Investitionsprogramm.«
In der zu Ende gehenden Ära Merkel waren die Grünen die einzige Chance dafür, dass sich in Deutschland etwas verändern könnte. Sie waren der wahre Kontrapunkt zur AfD. Den auch sie wollen die Gesellschaft verändern. Aber freiheitlich, wo die AfD autoritär ist, weltoffen, wo die AfD starr und reaktionär ist.
Die entscheidende Frage war aber, ob die Grünen das Autoritäre ihrer Vergangenheit wirklich hinter sich lassen könnten. Ob sie sich liberalisieren und zu einer wahrhaft
freiheitlichen Partei werden könnten.
In den entstehenden »Weimarer Verhältnissen«, in einer Krise, die eine gesellschaftliche ist, und eine politische, in der die Institutionen und die Institutionenloyalität der Bürger zunehmend in Frage stehen, und in der eine ökonomische Krise hinzukommt, haben die Grünen versagt und das Land den Merzens und Spahns überlassen, und den neuen Koalitionen, die nur eine Frage der Zeit sind.
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Sie haben versagt. Trotz Habeck. Oder mit Habeck. Genau das ist die offene Frage, die auch dieser Film nicht beantwortet. Man muss ihm das aber nicht vorwerfen.
Denn seit wann müssen Dokumentarfilme kritisch sein? Sie müssen gut sein, sie dürfen ihren Gegenstand lieben, sie dürfen für ihn Partei nehmen. Dokumentarfilme sind kein Journalismus, sie sind Kunst. Allerdings ist dieser Film auch interessanter Journalismus.
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»Von diesen Städten wird bleiben: der durch sie hindurchging, der Wind!/«
Fröhlich machet das Haus den Esser: er leert es./
Wir wissen, daß wir Vorläufige sind/
Und nach uns wird kommen: nichts Nennenswertes./
Wir sind gesessen ein leichtes Geschlechte/ In Häusern, die für unzerstörbare galten/
(So haben wir gebaut die langen Gehäuse des Eilands Manhattan/ Und die dünnen Antennen, die das Atlantische Meer unterhalten).
Bei den Erdbeben, die kommen werden, werde ich hoffentlich/ Meine Virginia nicht ausgehen lassen durch Bitterkeit/
Bertolt Brecht