I Only Rest in the Storm

O Riso e a Faca

BR/F/P/RO 2025 · 211 min.
Regie: Pedro Pinho
Drehbuch: , ,
Kamera: Ivo Lopes Araújo
Darsteller: Sérgio Coragem, Cleo Diára, Jonathan Guilherme u.a.
I Only Rest in the Storm
Prall-reife Sensualität, fast eine verbotene Frucht
(Foto: Filmfest München · Pedro Pinho)
42. Filmfest München 2025

Kaleidoskopische Leere

In monumentalen 211 Minuten erzählt Pedro Pinho von der Kolonialgeschichte Guinea-Bissaus, vom Straßenbau, von Cashew-Wein, vom Verlorengehen unter der Sonne

Der Portu­giese Sérgio erreicht Guinea-Bissau mit einem klapp­rigen Auto, wird an der Grenze von einem Poli­zisten ange­halten. Kurz sprechen sie, Sérgio will weiter, doch eine letzte Bitte hat der Beamte: Ein Buch möchte er haben, wohl gegen die Lange­weile. Ein merk­wür­diger Anfang für diesen wunder­baren, ausla­denden Film, zu dem man gedank­lich immer wieder zurück­kehrt. Viel­leicht wäre das ja wirklich das beste für Sérgio gewesen: Lesend an der Grenze verweilen, dieses Land der Wider­sprüche gar nicht erst betreten. Er macht es doch, und die Kamera folgt ihm.

Als Ingenieur wurde er ange­stellt, ein Straßen­pro­jekt zur besseren Erreich­bar­keit rand­stän­diger Dörfer zu evalu­ieren. Immer wieder löst sich der Film aber von dieser Grund-Handlung, einen richtigen Plot gibt es nicht. Schlaf­wand­le­risch, verträumt, dabei stets ungläubig und seltsam apathisch durch­streift Sérgio fortan das Land, die analoge Hand­ka­mera folgt ihm, beob­achtet. Unmöglich zu sagen, was die erzählte Zeit ist, wie viele Wochen oder Monate vergehen. Immer verdich­teter wird die Erzählung, immer undurch­sich­tiger die poli­ti­sche und ökono­mi­sche Situation dieses Landes, die dennoch alles bestimmt: Freund­schaften, Liebe, den Sex.

Dabei beginnt es noch recht über­sicht­lich, einem Statio­nen­drama gleich wird man in den Film einge­führt. Umge­bungen charak­te­ri­sieren die auftre­tenden Figuren, wir sehen Szenen im Club, auf Garten­partys, bei der Arbeit. Schlep­pend geht das voran, die nah an den Figuren operie­rende, wackelige Kamera wirkt zweck­mäßig, man wähnt sich trotz des langsamen Anfangs sofort verloren, weiß nichts anzu­fangen mit dieser doku­men­ta­ri­schen, ruhigen, neben­säch­li­chen Insze­nie­rung.

Und dann kommt der Kipppunkt.

Diesen szenisch fest­zu­legen ist sinnlos, für jeden Zuseher wird er an anderer Stelle eintreten, wird er die beiläu­fige Betrach­tung in einen kalei­do­sko­pi­schen Reigen verwan­deln. Spätes­tens hier drängt sich der Vergleich mit Albert Serras großem Paci­fic­tion auf, beginnt die Abwärts­spi­rale in Abgründe, die – anders als bei Serra – nichts apoka­lyp­ti­sches besitzen, selbst neben­säch­lich bleiben, kurze Spitzen bilden in diesem von der poli­ti­schen Historie, vom Kolo­nia­lismus verra­tenen Land. Da wären etwa die europäi­schen Inge­nieure, die den afri­ka­ni­schen Arbeitern kein Wasser geben »dürfen«, die chole­ri­sche Ausbrüche bei Unge­reimt­heiten haben, nie aber nach­tra­gend sind, sich nach Mord­dro­hungen gemeinsam betrinken, in den Puff gehen.

Das ist dann das nächste große Thema: Der Sex. Omni­prä­sent und explizit gefilmt, ein Zwischen­zu­stand, ein Konglo­merat aus Ausbruchs­mo­menten und unter­schwel­ligen Macht­struk­turen. I Only Rest in the Storm ist ein explizit queerer Film, Männer in Kleidern und Perücken sind zentrale Motive, durch­streifen dieses korrum­pierte Land wie geis­ter­hafte Erschei­nungen. Diese Freiheit wird ausge­stellt, völlig natürlich behandelt, fügt sich ein in deter­mi­niert fluide Momente, die jederzeit zu kippen drohen: Club­szenen, in denen ein Tanz­schritt zu einem Kopftritt werden kann, Verhand­lungs­ge­spräche über hunderte Tausend Euro, die verschwen­de­risch beiläufig auf dem Laufband geführt werden, Scherze über Ziegen, die man kaufen möchte, damit sie nicht geschlachtet werden. Wahl­frei­heit und Selbst­be­stim­mung sind gleich­zeitig Stadien der Abhän­gig­keit, können nur in einem fragilen Rahmen exis­tieren, einem sozi­al­po­li­ti­schen, histo­risch bedingtem, heim­ge­suchten Gerüst, das der Film immer weiter nach­zeichnet, abläuft und beschreibt.

Pinho stellt also keine Motive gegenüber, spielt sie nicht gegen­ein­ander aus, er durch­schreitet dieses Land mit einer großen Sorgfalt, mit einem so ausge­stellten Desin­ter­esse an einer klaren (das heißt auch: kontrol­lie­renden, oppres­siven, beleh­renden) Drama­turgie, dass gerade dieses Sich-treiben-lassen einen wahn­sin­nigen Sog entwi­ckelt. Ein lite­ra­ri­scher Film entsteht, eine Medi­ta­tion über die Leere, über das Nichts, auf das all die losen, sich neu verknüp­fenden Enden zusteuern, das selbst aber nie erreicht wird. Selbst dorthin, an diesen absoluten Nullpunkt, der doch immerhin ein Ziel ist, kann man nicht gelangen. Zu omni­prä­sent sind die gesell­schaft­li­chen Fragen, zu groß auch ist dieses Land, das von Middle-Class-Hotel­pools in abge­grenzte Dörfer reicht, von Cashew-Wein-trin­kender Bour­geoisie zu Kindern in selbst­be­malten Fußball-Trikots überführt.

Unmöglich all das aufzu­lösen, aufzu­heben, auch zu negieren, zu affir­mieren, erst recht zu verstehen oder zu einem Ende zu bringen. Selbst die Fiktion tritt zu kurz, würde eindämmen, wo es immer weiter geht, wo sich selbst der Diskurs verselb­stän­digt hat, all die Irri­ta­tionen und Wider­sprüche ihre Absur­dität verloren haben, natürlich erscheinen, sich die Grund­lagen verflüch­tigt haben. Die Wahl­lo­sig­keit der Freiheit, und ihre syste­ma­ti­sche, ökono­mi­sche Nutz­bar­ma­chung gehen Hand in Hand, verdecken sich gegen­seitig.

Doch wir haben es leicht. Wir können Sérgio einfach beistehen auf seiner traurigen Odyssee, können uns verlieren in den wunder­schönen Bildern, in den Land­schaften, im Flirren der Hitze auf dem Sand, wir können auch die Unter­titel lesen, wenn im lauten Techno-Club politisch disku­tiert wird. Wir stehen nur daneben, wir sind der Lesende an der Grenze, doch was uns erzählt wird, ist unver­än­dert exis­ten­ziell. Nicht etwa weil wir es verstehen können, sondern weil am Ende nichts Konkretes, Beschließendes bleibt, die Reflexion zu keinem Ende kommt. Nur versprengte Szenen überleben; traurige, schöne, lustige und entsetz­liche, alle zusam­men­ge­halten von diesem meis­ter­haften Film, der so viel verbindet, letzt­end­lich aber völlig bei sich bleibt. Es gibt kein Ende, keinen Relief, keine Erkenntnis.

Auch für Guinea-Bissau nicht: Die Sonne brennt gnadenlos weiter, die Ausge­las­senen feiern, die Einsamen sind einsam, und alle zusammen steuern sie aufs große Nichts zu, das selbst nie erreicht wird, weil sich doch immer etwas dazwi­schen schiebt, das Leben eingreift.