| Deutschland/Zypern/Jordanien 2025 · 146 min. · FSK: ab 12 Regie: Cherien Dabis Drehbuch: Cherien Dabis Kamera: Christopher Aoun Darsteller: Saleh Bakri, Cherien Dabis, Mohammad Bakri, Adam Bakri, Maria Zreik u.a. |
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| Ein introspektiver Blick in die palästinensische Seele... | ||
| (Foto: X-Verleih) | ||
„Ich bin das Meer.“
In meinen Tiefen liegen Schätze verborgen.
Haben sie die Perlentaucher nach ihnen gefragt?
– Am Anfang und Ende von Im Schatten des Orangenbaums rezitiertes Gedicht
Es ist ein bizarres Glück, wenn ein Film einen zugleich ärgern und begeistern kann – ein paradoxes Gefühl, das selten so heftig aufeinandergeprallt ist wie in Im Schatten des Orangenbaums (Originaltitel: اللي باقي منك – und auch im Englischen mit All That’s Left of You ein weit poetischerer, sinnvollerer Titel als die flache deutsche Variante). Cherien Dabis’ Familienepos ist ein Werk, das in zwei Hälften zerbricht, als wäre es selbst traumatisiert von der eigenen Erzählung. Und doch wächst es am Ende über diese Bruchkanten hinaus.
Der Einstieg ist hart, aufgeladen, immer wieder dogmatisch, offensichtlich manipulierend und nah an Propagandaformaten. Dabis erzählt von Noor, schwer verletzt während einer Demonstration 1988 im Westjordanland. Ausgehend von diesem Moment entfaltet Hanan (gespielt von der Regisseurin selbst) die Familiengeschichte – eine palästinensische Saga über Vertreibung, Verlust und die unermessliche Schwierigkeit, die eigenen Wurzeln nicht nur zu erinnern, sondern zu begreifen. Was in den ersten Minuten noch eindringlich wirkt, kippt rasch in unerbittliche Parteilichkeit. Das Auftauchen israelischer Soldaten im Orangenhain, ihr böser Blick, die verzerrten Münder und exponierten Nasen – viel zu nah an klassischen, antisemitischen Bildmustern, die hier einmal mehr emotional aufgeheizt werden. Man sehnt sich sofort nach wachen, klugen Gegenstimmen, Stimmen wie Amos Oz und seine Geschichte von Liebe und Finsternis oder nach der komplizierten Ambivalenz aktueller Prosa aus der Region wie Lava Tidhars Adama, die das politische Narrativ nicht in Täter-Opfer-Reflexen erstickt.
Hinzu kommt ein immer wieder melodramatischer Soundtrack, die hier fast jeden Konflikt überzuckert bzw. verbittert, als hätte Dabis ihrer eigenen Story nicht zugetraut, dass sie auch ohne akustisches Anschwellen tragfähig wäre. Und doch: Zwischen den allzu lauten Momenten blitzen Szenen auf, die zeigen, was dieser Film hier sein könnte – und später auch wird. Die sprachlose Begabung, traumatisierte Charaktere in einem einzigen Augenblick zu zeichnen: der Gefangene, der Rückkehrer, der Junge, der seinen Vater einen Verräter nennt, der alte Mann, dessen Demenz den Schmerz unmerklich überdeckt. „Vielleicht liebt Gott ihn“, sagt einmal der Arzt, „und will, dass er vergisst.“ Es ist ein Satz, der wirkt, als sei er zufällig liegen geblieben – aber genau deshalb trifft er dann auch.
Überhaupt: der Großvater, gespielt von Adam Bakri und später von Mohammad Bakri. Ein Ereignis. Ein Mann, der zugleich gebrochen und ungebeugt ist, der den Respekt seines Sohnes längst verloren hat, aber sich selbst nie aufgibt. Wenn er am Ende sagt: „Diese Generation wird etwas ändern“, glaubt man es plötzlich – nicht naiv, sondern getragen von jener schmerzhaften Entschiedenheit, die das palästinensische Narrativ oft prägt, aber selten so nuanciert eingefangen wird.
Der Wendepunkt des Films liegt unbestreitbar in der Rückkehr nach Haifa. Die Reise zurück in die alte Heimat, mit dem schwer verletzten Sohn im Krankenwagen, ist nicht nur dramaturgisch klug konstruiert, sondern emotional präzise. Hier verlässt *Im Schatten des Orangenbaums* seine ideologischen Engführungen und öffnet sich einer echten, gefährlichen Komplexität. Als ein jüdisch-israelischer Junge durch die Organspende des verstorbenen palästinensischen Kindes überlebt, zwingt der Film seine Figuren – und sein Publikum – zu einer ethischen Bewegung, vor der sich erste Teil noch gedrückt hatte.
Die Begegnungen zwischen den Eltern des toten Jungen und der israelischen Familie gehören zu den stärksten Momenten. Stille, Gegenstände, Alltag. Und zwei Paare, die sich aus entgegengesetzten Welten an ein gemeinsames Menschsein herantasten. Besonders eindrücklich ist das Gespräch im Vorfeld der Organspende mit dem Imam in der Haifaer Moschee: „Sollen wir einem Kind des Feindes Organe spenden?“ fragt Salim. Die Antwort ist groß, einfach, unpathetisch: »Am Ende ist es immer wichtiger, Mitgefühl zu haben. Zu helfen.« Dieser Satz bricht den Film endgültig auf – in Richtung jener Poesie, die im arabischen Originaltitel schon angedeutet ist.
Und dann das berührende Ende: Hanan und Salim, alt geworden, kehren an den Ort seiner Kindheit zurück. Das ist nur möglich, weil sie inzwischen kanadische Pässe besitzen, ihre Heimat verlassen haben. Sie stehen vor dem Haus, das einst Salims Familie gehört hat, und sie wissen, dass sie es nie wieder besitzen werden. Aber sie sprechen es laut aus – nicht als Anspruch, sondern als Erinnerung. Ein letzter Schnitt, ein Rückblick, das Kind, der Orangenbaum, das Meer. Wieder erklingt das Gedicht vom Anfang, das den Film wie eine muschelartige Fassung zusammenhält: der Reichtum der Tiefen, der Verlust, die Frage nach dem, was bleibt.
Und hier, in dieser gedämpften, zurückgenommenen Schönheit, zeigt Im Schatten des Orangenbaums, was man ihm am Anfang kaum zugetraut hätte: einen Blick auf die palästinensische Seele, der nicht anklagt, sondern introspektiv ist; nicht verengt, sondern weit; nicht ideologisch, sondern menschlich.