| USA 2025 · 133 min. · FSK: ab 16 Regie: Paul Feig Drehbuch: Rebecca Sonnenshine Kamera: John Schwartzman Darsteller: Sydney Sweeney, Amanda Seyfried, Brandon Sklenar, Michele Morrone, Ellen Tamaki u.a. |
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| Spieglein, Spieglein an der Wand... | ||
| (Foto: Leonine) | ||
Mit The Housemaid – Wenn sie wüsste setzt Paul Feig einen Akzent, der zunächst irritiert und dann – bei aller Berechenbarkeit – durchaus trägt. Irritiert, weil Feig hier ein Genre aufruft, das man seit den mittleren Neunzigerjahren eher im Archiv als im Kino verortet hätte: den erotisch aufgeladenen Thriller mit dubioser Blondine, irgendwo zwischen Begehren, Bedrohung und Projektion. Und trägt, weil der Film dieses Erbe nicht nur reproduziert, sondern es zumindest streckenweise reflektiert und neu ausrichtet.
Sydney Sweeney bleibt sich mit der Rolle der Millie Calloway treu: Sie spielt erneut eine junge Frau, deren Oberfläche mehr verbirgt, als sie preisgibt. Jenseits des Tabloid-Brimboriums erweist sie sich dabei als präzise Schauspielerin, die mit minimalen Verschiebungen in Mimik und Tonfall arbeitet. Die erste Hälfte des Films evoziert bewusst die Tradition jener Femme-fatale-Figuren, die das Genre einst prägten – von Basic Instinct bis Die Hand an der Wiege –, ohne sich vollständig in Nostalgie zu verlieren.
Interessant wird The Housemaid dort, wo er diese Erwartungen unterläuft. Die Geschichte der jungen Hausangestellten, die in das hermetische Universum der wohlhabenden Familie Winchester eindringt, entfaltet sich als Spiel mit Masken, Rollen und sozialen Hierarchien. Amanda Seyfried gibt der Hausherrin Nina Winchester eine fragile Ambivalenz, die zwischen Kontrolle und Kontrollverlust oszilliert. Brandon Sklenars Andrew bleibt bewusst schablonenhaft – weniger Figur als Funktion –, was man dem Film sowohl als Schwäche wie als kalkulierte Setzung auslegen kann.
Überraschend sind die wiederkehrenden, fast bizarren Anspielungen auf Barry Lyndon. Stanley Kubricks so gnadenlose wie meisterhafte Studie über Maskerade, sozialen Aufstieg und unweigerliches Scheitern dient hier weniger als direktes Vorbild denn als ironischer Resonanzraum. Wo Kubricks Glücksritter an den starren Klassengrenzen zerbricht, agiert Feigs Glücksritterin deutlich geschickter – nicht zuletzt, weil sich die gesellschaftlichen Spielregeln verschoben haben. Dass Barry Lyndon im vergangenen Jahr sein 50-jähriges Jubiläum feierte und lange im Schatten von Kubricks übrigen Werken stand, ist eine Parallele, die Feigs Film zwar nicht einholt, aber zumindest als Gedankenspiel streift. Denn so wie Barry Lyndon ist auch The Housemaid eine Literaturverflmung. Aber soweit die Vorlage von Freida McFadden sich von William Makepeace Thackerays The Luck of Barry Lyndon unterscheidet, so unterscheidet sich natürlich auch Feigs Film von Kubricks Meisterwerk.
Und das nicht nur, weil The Housemaid unter einer gewissen Vorhersehbarkeit leidet. Die Figuren entwickeln sich weniger aus inneren Konflikten als aus den Rollen, die das Genre ihnen zuweist. Charaktere erscheinen als Fragmente, die sich wie ein Puzzle zusammenfügen lassen – mal zu schnell, mal zu spät. Gerade in der zweiten Hälfte nimmt der Film Abkürzungen, wo er Vertiefung bräuchte. Das mindert zwar nicht den Unterhaltungswert, relativiert aber den Anspruch.
Und doch bleibt der Film erstaunlich wirkungsvoll. Als Edeltrash im besten Sinne funktioniert The Housemaid ausgesprochen gut, nicht zuletzt wegen seiner insistierenden Perspektive weiblicher Selbstermächtigung. Diese ist skurril, mitunter grob zugespitzt, aber erfrischend klar. Wie in Melara Mvogdobos Roman »Großmütter« – einer Erzählung unkonventioneller weiblicher Strategien jenseits moralischer Komfortzonen – wird hier ein Weg gezeigt, der männlicher Toxizität nicht frontal begegnet, sondern sie umgeht, unterläuft, instrumentalisiert.
Auch andere literarische Subtexte schimmern durch. Die Geschichte lässt sich ohne Mühe als moderne Variation von Nora oder Ein Puppenheim lesen: als Erzählung vom Ausbruch aus einem kontrollierenden System, von der Erkenntnis, dass Rollen Zuschreibungen sind – und kündbar. Feig inszeniert das nicht als großes emanzipatorisches Manifest, sondern als kühl kalkuliertes Spiel. The Housemaid – Wenn sie wüsste ist damit kein Film, der das Genre neu erfindet. Aber einer, der es ernst nimmt, seine Mechanismen offenlegt und sie mit zeitgenössischen Motiven kurzschließt. Seriös, kontrolliert, mit dosiertem Witz und kalkulierter Überzeichnung. Ein Film, der mehr kann, als man ihm zutraut – und zugleich weniger, als er andeutet.