Holy Meat

Deutschland 2025 · 122 min. · FSK: ab 12
Regie: Alison Kuhn
Drehbuch:
Kamera: Matthias Reisser
Darsteller: Homa Faghiri, Pit Bukowski, Jens Albinus, Lou Strenger, Jeremias Meyer u.a.
Holy Meat
Die Möglichkeit von Veränderung...
(Foto: Camino)

Das wiedergefundene Leben

Zwischen schwäbischer Provinz, Berliner Theater und katholischer Macht entfaltet Alison Kuhns Debüt eine ebenso respektlose wie zutiefst menschliche Suche nach Selbstbestimmung und zeigt, wie politisches Kino heute aussehen kann, ohne sich in Thesen oder wohlfeiler Provokation zu erschöpfen

Um einmal gleich am Anfang und nicht erst am Ende auf den Punkt zu kommen: Mit Holy Meat, urauf­ge­führt auf dem 42. Filmfest München 2025, gelingt Alison Kuhn ein bemer­kens­wert souver­äner Spagat zwischen Provinz­farce, Glau­bens­sa­tire und exis­ten­zi­eller Selbst­be­fra­gung. Der Film setzt nicht auf leise Annähe­rung, sondern auf einen frontal gesetzten Prolog, der das Publikum zunächst scho­ckiert, irritiert, viel­leicht auch über­for­dert – um genau daraus seine produk­tive Energie zu ziehen. Was wie eine respekt­lose Attacke auf kirch­liche Bild­welten beginnt, entpuppt sich im weiteren Verlauf als klug gebaute Erzählung über Macht, Schuld, Fürsorge und die Frage, wem Geschichten – religiöse wie private – eigent­lich gehören.

Der Prolog ist dabei mehr als bloße Provo­ka­tion. Die Mischung aus sakraler Ikono­grafie, Techno-Ekstase, Körper­lich­keit und groteskem Humor formu­liert program­ma­tisch, worum es Kuhn geht: um das Aufbre­chen fest­ge­fügter Rituale, um den Miss­brauch von Symbolen – und um ihre mögliche Rück­er­obe­rung. Dass diese Über­wäl­ti­gungs­stra­tegie in einer Thea­ter­in­sze­nie­rung kulmi­niert, ist kein Zufall. Holy Meat denkt Kino durch das Theater hindurch und verhan­delt seine Konflikte konse­quent als Insze­nie­rungs­fragen: Wer führt Regie? Wer spielt welche Rolle? Und wer zahlt am Ende den Preis dafür?

Die anschließende Rück­blende ins schwä­bi­sche Winte­ringen verengt den Blick – und gewinnt gerade daraus an Schärfe. Pater Iversen, der sich aus der dänischen Heimat in die vermeint­liche Provinz retten will, ist keine klas­si­sche eindi­men­sio­nale religiöse Schur­ken­figur, sondern ein Mann, der glaubt, das Richtige zu tun, während er syste­ma­tisch Grenzen über­schreitet. Jens Albinus verleiht dieser Figur eine beun­ru­hi­gende Ruhe, die den mora­li­schen Abgrund umso deut­li­cher macht. Ihm gegenüber steht Pit Bukowski als geschei­terter Berliner Thea­ter­re­gis­seur Roberto, der zunächst als ironi­scher Fremd­körper wirkt, dann aber zunehmend selbst Teil des dörf­li­chen Gefüges wird. Bukowski spielt diesen Balan­ceakt zwischen Arroganz, Verzweif­lung und vorsich­tiger Soli­da­rität mit äußerst präsenter Präzision.

Das emotio­nale Zentrum des Films ist jedoch Mia. Homa Faghiri gibt ihr eine entschlos­sene Verletz­lich­keit, die den Film erdet. Ihre Rückkehr ins Dorf, die Verant­wor­tung für die Schwester Merle und die Erkenntnis, dass selbst der Tod der Mutter instru­men­ta­li­siert wurde, machen Holy Meat zu weit mehr als einer Insti­tu­ti­ons­kritik. Die Beziehung zwischen Mia und Merle ist frei von falschem Pathos erzählt; Amelie Gerdes’ Präsenz verleiht dem Film dabei eine Selbst­ver­s­tänd­lich­keit, die nicht einfach nur behauptet, sondern erspielt wird, und damit auch politisch wird.

Kuhns große Stärke liegt in der paral­lelen Erzähl­weise. Während sich die Laien­thea­ter­probe zur eigent­li­chen Drama­turgie des Films entwi­ckelt, verschränken sich private Konflikte, religiöse Macht­fragen und ästhe­ti­sche Debatten. Inspi­ra­tionen aus dem zeit­genös­si­schen Theater – etwa die radikalen Körper­bilder Floren­tina Holz­in­gers – sind deutlich spürbar, doch Holy Meat erschöpft sich nicht im Zitat. Die Rück­bin­dung an ältere, lite­ra­ri­sche Formen der Kirchen­kritik, bis hin zu Erin­ne­rungen an Oskar Panizzas Liebes­konzil, verleiht dem Film histo­ri­sche Tiefe. Die Skan­da­li­sie­rung ist hier kein Selbst­zweck, sondern Teil einer langen Tradition der Gegenrede.

Trotz aller Zuspit­zung bewahrt sich Holy Meat einen über­ra­schend warmen Ton. Die Dialoge sind pointiert, oft sehr komisch, ohne in den Klamauk abzu­rut­schen. Vor allem aber glaubt der Film an die Möglich­keit von Verän­de­rung – nicht als Erlösung, sondern als mühsamen, konflikt­rei­chen Prozess. Es geht darum, das Leben »wieder­zu­finden«, aber nicht als ein harmo­ni­sches Ganzes, sondern eines der Frag­men­tie­rung, also eines Lebens, das sich seiner fragilen Trans­pa­renz und damit auch seiner Brüche bewusst ist.