Holofiction

Deutschland/Ö 2025 · 106 min. · FSK: ab 16
Regie: Michal Kosakowski
Drehbuch:
Musik: Paolo Marzocchi
Schnitt: Michal Kosakowski
Holofiction
Analyse im paradigmatischen Dutzend: Im Film erscheinen die Ausschnitte im Syntagma
(Foto: Dropout Cinema)

Der Durchschnittsfilm

In Holofiction versammelt der Medienkünstler Michal Kosakowski aus über hundert Spielfilmen zu einer Ikonographie des Holocaust. Eine kritische Betrachtung

Im 19. Jahr­hun­dert gebar die Statistik den »homme moyen«. Adolphe Quetelet, belgi­scher Astronom und Mathe­ma­tiker, hatte ihn erfunden. Auf ihn gehen Uniform­größen beim Militär ebenso zurück wie der Body Mass Index. Die femme moyen hat in Deutsch­land heute 1,32 Kinder. Niemand hat je die Drit­tel­kinder gesehen, die es als Indi­vi­duen in der Welt ebenso wenig gibt wie den Durch­schnitts­men­schen. Aber wie schon Quetelet es sah, gilt auch heute noch alles jenseits der Glocken­kurve als Ausnahme vom statis­tisch berech­neten Normalen.

Mit Holo­fic­tion hat Michal Kosa­kowski einen Film nach den Regeln der Statistik gebaut; aus mehr als 3.000 Spiel­filmen über den Zweiten Weltkrieg und die Vernich­tung der Jüdinnen und Juden hat er am Faden der rele­vanten Wieder­ho­lung visueller Motive den Durch­schnitts­film über den Genozid neu zusam­men­ge­setzt. Und wie bei Quetelet bleiben die Ausnahmen außen vor. Die Film­ge­schichte spielt daher ebenso wenig eine Rolle wie die Debatten, die die Darstel­lung der Vernich­tung stets begleitet oder die Filme, die deren Grenzen peu à peu erweitert haben.

Statt­dessen ergibt sich allein aus der Häufung ein proto­ty­pi­scher Ablauf von Stationen, wie sie Zeitzeug·innen, die Geschichts­schrei­bung und mediale Artefakte über­lie­fert haben: Kenn­zeich­nung, Regis­trie­rung, Ausson­de­rung, Transport, Flucht­ver­suche, Verstecke, Lager, Abschieds­szenen, Tod. Die Geschichten der auf ihre Motive hin ausge­wei­deten Filme spielen keine Rolle mehr. Wichtiger sind Mimiken (aufge­ris­sene Augen, sadis­ti­sches Lachen, das Ziehen einer Pistole, filmende Nazis oder sich umklam­mernde Hände), die Choreo­grafie zu regis­trie­render und schließ­lich abtrans­por­tierter Massen, die Eisen­bahnen, deren Türen geschlossen und geöffnet werden, die Tore der Lager und die Schorn­steine der Krema­to­rien. Das alles wird gerahmt mit Bildern von Musik; in jedem gesich­teten Film gab es offenbar ein Gram­mo­phon, das massen­haft bedient den Beginn des Films bildet, gegen Ende tauchen Opfer-Musiker·innen auf, die ihre Instru­mente zertrüm­mern.

Jenseits dieser Rahmung greift Kosa­kowski nur an wenigen Stellen kommen­tie­rend in seine gesam­melten (und immer in Bild­un­ter­schriften anno­tierten) Ausschnitte ein; er kontras­tiert Schau­spieler, die einmal Täter, ein anderes Mal Opfer spielen, mit sich selbst. Bilder von Tod und Vernich­tung stellt er auf den Kopf. Die Gaskammer aber kommt gar nicht vor, weil sie im Ausgangs­ma­te­rial nur an den Rändern der Glocken­kurve auftaucht. Der Tod in der Gaskammer ist das fehlende Bild in jenen Debatten, in denen Claude Lanzmann es verbieten wollte, während Jean-Luc Godard es als Nazi-Dokument bei anstän­diger Recherche für auffindbar hielt. Ein Satz von Lanzmann über das Bilder­verbot steht am Anfang des Films, dessen Fülle allein ihm wider­spricht. Bilder der Vernich­tung gibt es auch ohne Gaskammer zuhauf.

Auf der einen Seite sieht man also Durch­schnitts-Nazis und Durch­schnitts-Juden und -Jüdinnen, die Durch­schnitts-Stationen durch­laufen, wobei der Menge und der Rechte wegen die Film­zi­tate kurz bleiben. Auf der anderen, der sonoren Seite, hört man durch­ge­hend eine Filmmusik, die alles andere ist als der statis­ti­sche Durch­schnitt der eventuell in den Ausgangs­filmen zu hörenden. Selbst wenn manche Disso­nanzen an Hanns Eislers Verun­stal­tung der deutschen Hymne in Nacht und Nebel erinnern, ist das musi­ka­li­sche Konzept das Gegenteil von Eislers kontra­punk­ti­schem Musik­ein­satz.

Regiert beim Bild das Gesetz der großen Zahl, so bei der Musik der Gestus der Über­wäl­ti­gung. Hier wird das Bild, das sonst sich in der Menge nivel­liert, auf einmal wieder bitter­ernst genommen, und den visuellen Stereo­typen wird erneut jene Schwere einge­blasen, die sie vermut­lich in ihren Ursprungs­filmen haben sollten. Geradezu mimetisch passt sich die Musik an die Inhalte der Bild­mo­tive an; ein Walzer hier, ein trauriges Lied dort, und die Disso­nanzen rufen dem Hörer zu, dass es jetzt ernst wird.

Der ästhe­ti­sche Selbst­wi­der­spruch ist so aufschluss­reich wie die Bild­sta­tistik in ihrem Erkennt­nis­ge­winn banal. Selbst­ver­s­tänd­lich gibt es Stereo­type in der Darstel­lung der Vernich­tung der Jüdinnen und Juden. Es gibt sie hier ebenso wie in jedem Genrefilm zwischen Western und Melodram, und keine Darstel­lung des Ersten Welt­kriegs kommt ohne Schüt­zen­gräben und Stachel­draht aus. Stereo­type haben einen schlechten Ruf und eine gute Funktion: sie verkürzen kognitive Prozesse, indem sie sie zu einem Bild zusam­men­ziehen und sie ermög­li­chen die Vers­tän­di­gung über komplexe Erschei­nungen ohne weit­schwei­figes Gerede. Im Film sind Stereo­type sowohl visueller Art als auch bei Hand­lungs­ab­läufen oder Figu­ren­kon­stel­la­tionen konsti­tutiv für die Genre­bil­dung und seit der Post­mo­derne wird das freie Spiel mit ihnen hoch­ge­schätzt. In der Welt dagegen sind sie stets kritisch zu befragen, dienen sie doch häufig der Denun­zia­tion und dem Vorurteil. Eine kritische Befragung von Stereo­typen im Film aber kann Statistik nicht leisten. Sie rechnet nur den Durch­schnitt aus, der uns alle betrifft, aber niemanden wirklich.

Eva Hohen­berger gehört seit ihrer Disser­ta­tion »Die Wirk­lich­keit des Films« (1988) und der Heraus­gabe des deutsch­spra­chigen Stan­dard­werks der Doku­men­tar­film­theorie »Bilder des Wirk­li­chen. Texte zur Theorie des Doku­men­tar­films« (1998) zu den maßgeb­li­chen Medi­en­wis­sen­schaft­le­rinnen des Doku­men­tar­films.