| USA 2025 · 129 min. · FSK: ab 6 Regie: Oliver Hermanus Drehbuch: Oliver Hermanus, Ben Shattuck Kamera: Alexander Dynan Darsteller: Paul Mescal, Josh O'Connor, Molly Price, Emma Canning, Alison Bartlett u.a. |
![]() |
|
| Ein allzu behäbig voranschreitenden Zeitstrahlkino... | ||
| (Foto: Universal) | ||
The History of Sound will Ordnung in seine Vorlage bringen. Die Kurzgeschichte von Ben Shattuck, auf der der Film basiert, ist nur reichlich zwanzig Seiten lang, besticht aber mit einer verschachtelten Struktur. Gleich die ersten Sätze öffnen eine Zeitspanne zwischen den Jahren 1916 und 1984. Der Ich-Erzähler und Protagonist Lionel setzt sich hin, um seine Erinnerungen niederzuschreiben. Auslöser ist die Ankunft eines Kartons, der ihn nicht ruhen lässt. 25 Phonographenzylinder befinden sich darin. The History of Sound führt damit zurück zu den frühen Stunden der Tonträger und der technischen Fixierbarkeit von Klängen.
Nun ist das aber weniger ein nacherzähltes Stück Technikgeschichte, sondern vor allem eine tieftraurige Romanze, die in der Zeit ihres Aufkeimens nicht sein darf und später reflektiert, was ihr eigentlich alles entgangen ist. Sowohl im Film als auch in der Vorlage steht ein spezifischer Sommer im Mittelpunkt der Geschichte, in dem Lionel und sein neuer Freund David gemeinsam loszogen, um auf dem Land in Amerika Folk Songs der Menschen aufzunehmen. Ein Vorwand, könnte man sagen, um gemeinsam Zeit verbringen und sich den romantischen Gefühlen hingeben zu können. Wenigstens für einige Augenblicke.
Ben Shattuck, der auch für das Drehbuch verantwortlich ist, hat das Szenario für die Verfilmung stärker in eine chronologische Reihenfolge gebracht. Er gibt dem, was rings um jenen Sommer zu Randnotizen taugt, erheblich mehr Raum. Dazu verzichtet er weitgehend auf die Rahmung und Verschachtelung des Ausgangstextes und setzt stattdessen auf eine linearer gedachte Erzählform, die sich durch die einzelnen Jahre der Beziehung der beiden Protagonisten arbeitet. Das erleichtert dem Publikum, der Geschichte zu folgen, raubt der Vorlage aber auch ein wenig Spielfreude im Umgang mit der Zeit, die von der Wiederkehr des Vergangenen erschüttert wird. The History of Sound verkommt dadurch zu einem allzu behäbig voranschreitenden Zeitstrahlkino, markiert mit Jahreszahlen und Orten.
Kurze Bilder aus der Kindheit gehen hier über in das erste Kennenlernen. Lionel und David treffen sich in einer Bar am Klavier. Musik schafft eine gemeinsame Basis. Später dann folgt die Trennung während des Ersten Weltkriegs. David wird als Soldat eingezogen. Der gemeinsame Sommer nach Kriegsende wird schließlich mehrere Jahrzehnte überschatten, in denen sich die Wege der Liebhaber verlieren. Lionel zieht von einem Ort, einer beruflichen Station und Affäre zur nächsten und kommt doch nicht über seine Jugendliebe hinweg.
Regisseur Oliver Hermanus kann dabei auf zwei herausragende Charakterdarsteller zurückgreifen, wenngleich er leider zu wenig mit ihnen anzufangen weiß. Paul Mescal und Josh O’Connor haben Mühe, in der zurückhaltenden Inszenierung und Wortkargheit Leben und Facetten in ihre Rollen zu stecken. Es ist ein sehr in sich gekehrtes, betont gehemmtes Spiel, das die beiden vorführen. The History of Sound setzt nur vereinzelt auf größere Gefühlsausbrüche. Vieles bleibt unausgesprochen und versteckt hinter dem Antlitz. Das passt zur Unsicherheit der beiden Figuren, die ihre Gefühle allein aufgrund der gesellschaftlichen Umstände und Tabuisierung ihrer Beziehung zähmen müssen. Zugleich verpasst der Film, eine echte Dringlichkeit und Fallhöhe spürbar werden zu lassen. Überhaupt das Spüren: Die ganze Romanze bleibt durchweg kühl und prüde in ihren Bildern. Alles Sexuelle bleibt mehr Andeutung und Leerstelle als eine ästhetisch vermittelte und spürbare Energie zwischen Charakteren und Körpern.
Hermanus lässt seine Figuren dafür oft durch die Wildnis wandeln und nach Ersatzhandlungen suchen. Er arbeitet mit trüben, kargen Szenerien, viel natürlichem Licht. Das sind weniger Sehnsuchtsorte und Sehnsuchtsräume auf der Leinwand als triste Gegenden, die bereits einen Vorgeschmack auf das Melodram der zweiten Filmhälfte bieten. Im Vergleich zu der scheiternden Form für das Erotische, Romantische und die Intimität gelingen dort immerhin deutlich stärkere Einzelszenen.
The History of Sound lässt die soziale Lust am Konservieren sowie das Betrauern verpasster und verdrängter Chancen ineinanderfließen. Gerade das Handwerk der Tonaufnahme wird dabei in seinen Einzelheiten und praktischen Schritten geduldig porträtiert. In Zeiten des Digitalen und Ungreifbaren sehnt sich der Film also zurück zur analogen Haptik und Besitzbarkeit des medial Fixierten. Sowohl er als auch seine literarische Vorlage wissen jedoch nicht nur um das Glück, sondern auch das Grauen, da das Besitzen der vergangenen Spuren und Erinnerungen ebenso mit etwas unbehaglich Gespenstischem einhergehen kann, wenn Tote auf einmal zum Klingen gebracht werden.
»Maybe that’s why people started using the phonograph for recording music – because why the hell would you want to listen to the voices of the loved and dead?«, heißt es in Ben Shattucks Kurzgeschichte und die Verfilmung knüpft daran an. Oliver Hermanus inszeniert mit einer seiner Hauptfiguren immerhin zwei eindringliche Momente in diesem spröde und trocken erzählten Drama. Beide Momente speisen ihre emotionale Kraft aus dem Abschied von dem, was hätte sein können, was verschlossen und unbemerkt blieb und nun dazu verdammt ist, als Relikt tradiert zu werden.