Gorgonà

GR/FR 2025 · 95 min. · FSK: ab 16
Regie: Evi Kalogiropoulou
Drehbuch:
Kamera: Giorgos Valsamis
Darsteller: Melissanthi Mahut, Christos Loulis, Stavros Svigos u.a.
Gorgonà
Two girls and a gun
(Foto: Neue Visionen)

Mythen, Mädchen, Männer

Der König stirbt, es lebe die Königin: Die Wirklichkeit erhebt ihr Medusenhaupt in »Gorgonà«

Wir sehen als erstes ein fast ikoni­sches Bild: Eine leicht beklei­dete Frau mit wallendem schwarzen Haar stolz auf einem Floß stehend, im Licht des Sonnen­un­ter­gangs – eine Trophäe wie die schöne Helena, geraubt von Paris, heim­ge­holt von Menelaos. Sie heißt Eleni (Aurora Marion) und die Tatsache, dass ihre Eltern sie gegen einen Kanister Benzin einge­tauscht haben, führt sofort in eine Welt ein, in der Sklaverei und Tausch­handel längst wieder zur Norma­lität geworden sind: die Überreste einer verlas­senen Indus­trie­stadt, einst produktiv, heute auf rostige Ruinen und von bewaff­neten Banden kontrol­lierte Raffi­ne­rien reduziert.

»Ein guter Geruch«, erklärt sie uns aus dem Off, »draußen haben wir nichts, nur Krieg und Tod. Sie hatten mir von diesem Ort erzählt. Sie brauchen Frauen, damit sie sich entspannen.«
Die Männer arbeiten in riesigen Raffi­ne­rien, und wenn sie nicht arbeiten, trai­nieren sie ihren Körper. Einen Kanister hatte die Familie wie gesagt für sie verlangt. »Aber ich wäre auch umsonst gekommen. Auch wenn ich denke, dass ich mehr wert gewesen wäre.«

+ + +

Die Ausgangs­vor­aus­set­zungen von Gorgonà erinnern in ihrem post­apo­ka­lyp­ti­sches Szenario an ein Spin-off von Mad Max. In einer nicht allzu fernen Zukunft ist die Welt wieder in Stadt­staaten zerfallen, die Natur ist verseucht. Auch die Menschen sind es an Körper wie an Geist. Muskulöse Jungs mit Camou­flage-Klamotten und Maschi­nen­pis­tole in der Hand sichern den Ort. Vor wem spielt keine Rolle. Benzin ist die wich­tigste Währung dieser unter­ge­henden Welt. Eine Raffi­nerie wird so zu einer Festung, beherrscht vom Kult der Stärke und der Bruta­lität, unter­s­tützt durch regel­mäßige Stero­id­in­jek­tionen. Alle stählen ihren Körper, treiben Kampf­sport, alles sieht ein bisschen aus wie bei Donald Trump im MMA-Käfig. Ein Film über Muskeln und Drogen, über Geschlech­ter­ver­hält­nisse und unsere Ölfi­xie­rung. Ohne Öl kann niemand überleben. Am Ende geht es nur um Macht.

In der Festung regiert Nikos (Christos Loulis) so charis­ma­tisch wie brutal; er ist todkrank. Die Neuan­kom­mende ist sein Geschenk an die Männer, bevor er stirbt. Er redet mit den Unter­ge­benen in vulgären Komman­do­tönen, aber eigent­lich hat er einen anderen, revo­lu­ti­onären Plan: Seine Nachfolge soll eine Frau über­nehmen: Maria (Melis­santhi Mahut), weil sie stärker und »männ­li­cher« ist, als jeder der Männer.
In diesem Umfeld aus Testos­teron und ritua­li­sierter Gewalt sticht sie durch ihre Komple­xität hervor. Ihre Klugheit, ihr uner­bitt­li­cher Blick und ihre körper­liche Wider­stands­kraft machen sie zu einem Fremd­körper und zu einer Bedrohung der männ­li­chen Herr­schaft.

+ + +

Manchmal gelingt es einem Debütfilm, Visionen, Obses­sionen und Sehn­süchte in einer so kraft­vollen Form zu verdichten, dass er das Publikum bereits mit den ersten Bildern erschüt­tert. Genau dies ist bei Gorgonà, dem besonders visuell kaftvollen Erst­lings­werk der grie­chi­schen Regis­seurin Evi Kalo­gi­ro­poulou, der Fall. Die Regis­seurin schafft ein Universum, das schmut­zigen Realismus und Mytho­logie, alltäg­liche Preka­rität und beinahe über­na­tür­liche Visionen mitein­ander verbindet.

Einer der auffäl­ligsten Aspekte von Gorgonà ist die Fähigkeit der Regis­seurin, Eros und Thanatos, Lebens­trieb und Todes­trieb, zu vereinen. Die Szenen des männ­li­chen Trainings, mit den von der Sonne verbrannten Körpern und den Gewehren, zeigen selbst­zer­stö­re­ri­sche, sterile und in sich selbst gefangene Macht. Im Kontrast dazu öffnen jene Momente, in denen die Kamera auf den weib­li­chen Körpern verweilt – Elenis schräger Blick, Marias auf dem Kissen ausge­brei­tetes Haar wie die Schlangen der Medusa –, Räume der Sinn­lich­keit und der Tran­szen­denz.

+ + +

Schon der Titel verweist auf die mythi­schen Gorgonen, einer ebenso gefürch­teten wie faszi­nie­renden Kreatur, die jeden, der sie ansieht, zu Stein verwan­deln kann. Kalo­gi­ro­poulou nutzt diese Anspie­lung auf subtile Weise. Der Anführer hat ein großes Medusa-Tattoo auf der Brust, zugleich lässt die Regis­seurin ein über­na­tür­li­ches Element einfließen, das den rauen Realismus der Insze­nie­rung niemals durch­bricht, vielmehr verstärkt: Maria hat einen Gorgo­nen­blick – wenn sie zornig ist, dann bekommen Männer epilep­ti­sche Anfälle.

Es gibt einige Sexszenen in diesem Film, auch zwischen Frauen, und es gibt viel Verfüh­rung und Nacktheit – das war zu viel für größere Teile der deutschen Film­kritik. Denn dies ist ein grie­chi­scher Film, der in mancher Hinsicht, in der Härte und Herbheit, in seiner Leiden­schaft sehr sehr grie­chisch ist. Auch in der Bereit­schaft, Häss­li­ches zu zeigen. Zugleich ist dies ein Film, der der cleanen Ästhetik der grie­chi­schen Neuen Welle (»Greek Weird Wave«) ihrer bildungs­bür­ger­li­chen Haltung und poli­ti­schen Korrekt­heit, ihrer kontrol­lierten und kühlen Insze­nie­rung völlig fern steht. Statt­dessen gibt es Bezüge zu Julia Ducournau und die Neon­farben, die Nicolas Winding Refn so liebt, einen Hauch von Baz Luhrmann und eine kräftige Prise von Claire Denis’ Beau travail.

+ + +

Das Ergebnis ist ein anspre­chendes Spektakel. Visuell ist der Film von großer Schönheit, und die Erfahrung der Regis­seurin im Feld der Musik­vi­deos macht sich deutlich bemerkbar.

In den erwähnten eroti­schen Momenten scheint sich Gorgonà den Körpern, der reinen Sinn­lich­keit von Bild und Ton und dem Fließen des Begehrens hinzu­geben. Gerade dort scheinen die wenigen Funken der Subver­sion zu überleben.

Sympa­thisch an Gorgonà ist, wie er sich seinen desil­lu­sio­nierten Blick bewahrt: Es scheint keinen Ausweg aus der Zukunft der immer wieder­keh­renden Macht­ausü­bung zu geben. Und wie er darauf mit dem Anspruch auf Revo­lu­tion, auf Umwälzung aller Dinge regiert.

Mit Gorgonà gelingt Evi Kalo­gi­ro­poulou ein ambi­tio­niertes und radikales Debüt, eine Allegorie, die zugleich den Schmerz der Gegenwart und die Möglich­keit einer anderen Zukunft herauf­be­schwört.

Der Film ist nicht frei von Über­trei­bungen und riskanten Entschei­dungen, doch in diesem Mut zeigt sich die Stärke einer Künst­lerin, die bereit ist, ihre eigene Vision in der zeit­genös­si­schen europäi­schen Film­land­schaft zu verankern. Gorgonà ist ein Werk über Begehren, Gewalt und Wider­stand, vor allem aber über Begeg­nungen zwischen Frauen: Blicke, Gesten und Span­nungen, die selbst im bedrü­ckendsten Umfeld einen Raum für Intimität und Hoffnung eröffnen.