Glennkill: Ein Schafskrimi

The Sheep Detectives

GB/USA 2026 · 110 min. · FSK: ab 6
Regie: Kyle Balda
Drehbuch:
Kamera: George Steel
Darsteller: Hugh Jackman, Emma Thompson, Nicholas Braun, Nicholas Galitzine, Molly Gordon u.a.
Glennkill: Ein Schafskrimi
Gruppenbild ohne Wolf...
(Foto: Arsenal)

Wenn Schafe ermitteln und das Kino verblödet

Kyle Baldas Verfilmung von Leonie Swanns Bestseller »Glennkill« verwandelt literarischen Nonsens mit Charme in einen digitalen Familienalbtraum

Es gehört zu den zuver­läs­sigsten Mecha­nismen des Lite­ra­tur­be­triebs, dass sich eine origi­nelle Grundidee irgend­wann für tief­grün­diger hält, als sie eigent­lich ist. Im Fall von Glennkill lautete diese Idee: Schafe lösen einen Mordfall. Das war 2005 offenbar genau jene Mischung aus briti­schem Landkrimi, ironi­scher Tierfabel und leicht philo­so­phisch ange­hauchtem Wohl­fühl­non­sens, auf die Millionen Lese­rinnen und Leser gewartet hatten. Über andert­halb Millionen verkaufte Exemplare allein in Deutsch­land, Über­set­zungen in dreißig Sprachen, Hörbuch­fas­sungen, Best­sel­ler­listen: die Geschichte eines erschla­genen Schäfers und seiner ermit­telnden Herde wurde zu einem jener Kultur­phä­no­mene, bei denen man nie genau weiß, ob man den Einfall bewundern oder die Begeis­te­rung der Masse für komplett irre halten soll.

Dabei hatte Leonie Swanns Roman zumindest etwas, das vielen Hoch­glanz­kon­zepten fehlt: Eigen­wil­lig­keit. Die Schafe waren nicht bloß ein Gimmick, sondern eine bewusst naive Gegen­per­spek­tive auf mensch­liche Abgründe. Miss Maple, Mopple the Whale oder Sir Richfield beob­ach­teten ihre Umwelt mit einer Mischung aus philo­so­phi­scher Beschränkt­heit und über­ra­schender Präzision. Der Roman funk­tio­nierte gerade deshalb, weil er seinen Unsinn ernst nahm. Hinter dem skurrilen Konzept verbarg sich immerhin eine liebe­volle Persi­flage auf klas­si­sche Whodunits nach Agatha-Christie-Muster und den mensch­li­chen Herden­trieb. Die Verfil­mung von Kyle Balda inter­es­siert sich dafür aller­dings ungefähr so viel wie ein Rasen­mäher für Botanik.

Glennkill: Ein Schafs­krimi beginnt halbwegs harmlos: Schäfer George Hardy liest seinen Schafen Krimis vor, die Tiere verstehen ihn tatsäch­lich, nach seinem Tod beginnen sie selbst zu ermitteln. Doch was im Roman wenigs­tens eine gewisse trockene Absur­dität besaß, wird hier zum voll­kommen über­drehten Fami­li­en­kitsch. Der Film wirkt, als hätte man gleich­zeitig Angst gehabt, Kinder zu lang­weilen, Erwach­sene zu verlieren und Strea­min­g­al­go­rithmen nicht ausrei­chend zu bedienen. Also wird alles permanent erklärt, über­zeichnet, emotio­na­li­siert und digital aufge­blasen.

Vor allem Letzteres: in nahezu jeder Einstel­lung drängt sich die sterile Über­rea­lität heutiger Anima­ti­ons­tech­no­logie auf. Diese Schafe besitzen keine Körper­lich­keit mehr, keine Schwere, keinen Dreck, keine Wolle. Sie sehen aus wie das Resultat einer KI, die mit den Stich­worten »cute«, »British coun­try­side« und »family mystery« gespeist wurde. Mit jeder Minute und jedem weiteren Schaf sehnt man sich stärker nach der hapti­schen Anarchie von Richard Goles­zow­skis und Aardman Anima­tions groß­ar­tigem Shaun das Schaf, die ja mit ihren völlig verrückten Einfällen zeigen, warum spre­chende Schafe funk­tio­nieren können, nämlich, weil sie eben gerade nicht perfekt animiert aussehen und politisch korrekt handeln müssen.

In Glennkill hingegen ist alles geschnie­gelt, angepasst und dann auch noch furchtbar laut.

Denn der Film vertraut seinem Material keinen Moment lang. Jede Pointe wird ausge­walzt, jede Anspie­lung auf klas­si­sche Whodunits mit dem Holz­hammer markiert. Der Dorf­po­li­zist Tom Derry – ohnehin schon als Figur allzu simpel angelegt – wird zum komplett verblö­deten Running Gag degra­diert. Dass klas­si­sche Krimi­nal­ge­schichten oft mit exzen­tri­schen Ermitt­lern arbeiten, scheint das Drehbuch von Craig Mazin nur so weit verstanden zu haben, dass möglichst viele Menschen möglichst dumm gucken müssen.

Überhaupt herrscht in Glennkill diese boule­var­deske Dauer­hys­terie, die man sonst eher aus deutschen Komödien kennt und bei der jede Figur exakt eine Eigen­schaft besitzt, die dann hundert Minuten lang wieder­holt wird. Die kluge Schafs­dame ist klug. Der verfres­sene Widder ist verfressen. Der trot­te­lige Polizist ist trottelig. Irgend­wann wirkt das alles nicht mehr wie eine Charak­ter­zeich­nung, sondern wie eine algo­rith­mi­sche PowerPoint-Präsen­ta­tion für inter­na­tio­nale Fami­li­en­ver­mark­tung.

Umso schmerz­hafter ist es, dabei Schau­spie­le­rinnen und Schau­spieler dieses Formats verheizt zu sehen. Warum macht Hugh Jackman das? Gerade erst zeigte er in Song Sung Blue eine seiner viel­leicht offensten und melan­cho­lischsten Perfor­mances der letzten Jahre. Und nun verkör­pert er einen Schäfer in einem Film, der emotional ungefähr die Komple­xität eines Müsli­rie­gels besitzt. Auch Emma Thompson wirkt wie eine Schau­spie­lerin, die sich alters­de­ment verlaufen hat. Nach Filmen wie Meine Stunden mit Leo oder dem erstaun­lich mutigen Genre­bei­trag Dead of Winter – Eisige Stille erscheint ihre Teilnahme hier schon fast surreal.

Selbst die eigent­liche Pointe des Romans – dass die Schafe mensch­li­ches Verhalten miss­ver­stehen und dadurch eine eigen­tüm­liche Wahrheit sichtbar machen – geht im Dauerlärm verloren. Alles wird vernied­licht, geglättet und mit jener aggres­siven Fami­li­en­hei­me­lig­keit überzogen, die inzwi­schen zu viele inter­na­tio­nale Main­stream­pro­duk­tionen uner­träg­lich macht. Das Kino traut Kindern offenbar keinerlei Ambi­va­lenz mehr zu und Erwach­senen keinen subtilen Humor.

Dabei hätte genau darin eine Chance gelegen. Die Vorstel­lung einer Herde, die versucht, mensch­liche Gewalt mit tieri­scher Logik zu begreifen, besitzt ja durchaus philo­so­phi­sches Potenzial. Der Roman deutete immerhin die fast schon 500 Jahre alten Erkennt­nisse von Thomas Hobbes an, dass der »Wolf« viel­leicht im Menschen selbst sitzt. Der Film dagegen inter­es­siert sich fast ausschließ­lich dafür, möglichst hektisch von Pointe zu Pointe zu springen.

Am Ende bleibt vor allem Erschöp­fung, auch wenn Glennkill: Ein Schafs­krimi kein kata­stro­phaler Film im eigent­li­chen Sinn ist. Dafür ist er zu profes­sio­nell, zu teuer, zu sehr auf inter­na­tio­nales Wohl­fühl­pu­blikum kali­briert. Aber genau das macht ihn dann auch so uner­träg­lich. Denn alles an diesem Film wirkt berechnet: die Nied­lich­keit, die Exzentrik, die Musik, die Über­dreht­heit, die künst­liche Wärme. Nichts darf still sein, nichts darf schmutzig sein und nichts und niemand darf wirklich traurig sein. Und darin mag dann auch das eigent­liche Verbre­chen dieses Films liegen. Nicht, dass hier Schafe sprechen und einen Mord inves­ti­gieren und einem exzes­siven Anthro­po­mor­phismus gehuldigt wird. Sondern dass hier im Kern wirklich niemand etwas zu sagen hat und der Film mit einer Dauer-Mäh-Synchro­ni­sie­rung viel­leicht sogar der bessere Film gewesen wäre.