| Deutschland 2025 · 105 min. · FSK: ab 12 Regie: Franz Müller Drehbuch: Marcus Seibert, Franz Müller Kamera: Julia Daschner Darsteller: Katharina Derr, Alex Brendemühl, Leonidas Emre Pakkan, Lana Cooper, Marie-Lou Sellem u.a. |
![]() |
|
| Alles hat seinen Tauschwert... | ||
| (Foto: CCC Cologne Cine Collective) | ||
Tauschwerte und Dampfmaschinen. Beinahe dokumentarisch beobachtend verfolgt dieser Film das Reihenhaus-Patchwork-Leben der Supermarkt-Betreiberin Mira: Der Lebensgefährte verzockt geliehenes Geld für dubiose Crypto-Währung, das Super-Markt-Werbeschild fällt vom Himmel und begräbt zwei geparkte PKWs unter sich. Nur zwei Beispiele aus diesem sehr lustigen, klugen Film, der seine randständige, unaufgeregte Haltung nie verlässt, nahe bei seinen Figuren bleibt, ihnen
einfach folgt, sie aus dem Film treten und wieder hineinfinden lässt. Alle sind sie verloren in den merkwürdigen Systemen der Gesellschaft, abhängig von Verträgen, die sie beständig umgeben. Geld und Liebe, alles hat seinen Tauschwert.
Zum Glück steckt in dieser Absurdität des Daseins eine Menge Ironie, darf man trotz allem noch lachen über diese beste aller Welten. – von Benedikt Guntentaler
+ + +
Klassenverhältnisse. Franz Müller, Regisseur aus dem Umfeld von »Revolver« und dem Kölner Filmclub 813, befasst sich seit vielen Jahren mit dem Klassismus im Film. Dies schlägt sich jetzt in seinem neuesten Werk nieder, in dem eine Supermarkt-Leiterin gegen die Insolvenz und den Zusammenbruch ihrer Existenz ankämpft. Das Glück zerrinnt ihr förmlich unter den Händen, während die eigene Mutter sie kritisiert, sich immer »nach unten« zu orientieren. So geht es vom Reihenhaus-Hausmann-zwei-Kinder mit einem, wenn auch stressigen, so doch funktionierenden Alltag rapide in die Zerschlagung der kleinbürgerlichen Verhältnisse. Da dies aber ein Kölner Film ist, regiert hier die trocken-humorige Bestandsaufnahme eines Lebens, das sich nicht mehr in den Griff kriegen lässt, durchsetzt von etlichen Insider-Anspielungen, von der Nummer des Hotelzimmers 813 angefangen bis zum Pärchen in einer Bar. – von Dunja Bialas
+ + +
Wenn das Leben aus dem Takt rappt. Seit dem ersten Teil Die Liebe der Kinder sind 16 Jahre vergangen – und Mira scheint alles im Griff zu haben: Eine glückliche Ehe, zwei Kinder und nun auch ihre eigene Supermarktfiliale. Wäre da nicht ihr Ehemann – ein Ex-Rapper mit Hang zu windigen Krypto-Träumen –, der im Handumdrehen das von Miras Stiefvater geliehene Geld in zwielichtigen Geschäften versenkt. Und ab hier gerät alles aus der Spur – denn Mira verschweigt die Wahrheit. Angesichts des Ernstes der Lage vollführt Franz Müllers zweiter Teil seiner Trilogie einen gelungenen Spagat zwischen Existenzsorgen und Alltagskomik. Er erzählt vom Wackeln auf dem Hochseil namens Familienleben – insbesondere, wenn es sich um eine Patchworkfamilie handelt – mit feinem Gespür für Tragikomik und Timing. Die französisch anmutende Filmmusik verleiht einen Hauch Leichtigkeit und Melancholie. Eine schräge und zum Schmunzeln bringende Tragikomödie darüber, was passiert, wenn das Leben plötzlich aus dem Takt gerät – oder rappt. – von Tanja Moll
+ + +
»Du musst dich nicht immer nach unten orientieren.« Gnadenlose Alltagsspiralen in Leverkusen. Was dröge klingen mag, wird unter der Regie von Franz Müller zu einem regelrechten Alltagskrimi, in dem soziale Hierarchien, Herkunftsgeschichten und familiäre Erwartungshaltungen genauso ins Schwanken geraten wie der Balance-Akt zwischen Lüge und Wahrheit. Die Reihenhausrealität ist dabei genauso aufregend wie die ernüchternden Arbeitsverhältnisse der Supermarktleiterin Mira und der brennglasartige Blick von Müller auf die Beziehungen seiner Protagonisten. Das Müller hier eine Geschichte weitererzählt, die er vor 16 Jahren in Die Liebe der Kinder begonnen hat, stört gar nicht. Der Film steht wie ein Monolith für sich, macht aber natürlich unfassbar neugierig auf den Anfang dieser hyperrealen Lebenslinien. – von Axel Timo Purr