Die Geheimnisse des schönen Leo

Deutschland 2018 · 80 min.
Regie: Benedikt Schwarzer
Drehbuch:
Kamera: Julian Krubasik
Schnitt: Natascha Cartolaro
Mit dem BMW nach Bonn, zu Wein, Weib und Politik

Die Büchse der Pandora

»Mama, wie war Opa eigent­lich?«
Irgend­wann ist der Moment gekommen und die eigenen Kinder fragen nach der Fami­li­en­ge­schichte. Manch einer würde lieber vergessen, kaum einer erzählt bereit­willig über dunkle Kapitel der Vergan­gen­heit. Nicht so bei Benedikt Schwarzer, Absolvent der Münchner Film­hoch­schule und Regisseur von Die Geheim­nisse des schönen Leo. Er lässt sich nicht abwimmeln, fragt nach. Und erhält unbequeme Antworten, die er sich nicht hat träumen lassen.

Im seinem Doku­men­tar­film begibt er sich auf die Spuren seines Großva­ters: Leo Wagner. Er war ein CSU-Politiker der Bonner Republik und in der Öffent­lich­keit bekannt für seinen ausschwei­fenden Lebens­stil. Schwarzer hat ihn nie kennen­ge­lernt, die einzige Ähnlich­keit ist die Brille, die beide tragen, das gleiche Gestell. Was verbirgt sich aber hinter dem »schönen Leo«, dem Politiker und Salon­löwen? Wer war Leo Wagner?

Schwar­zers Suche führt ihn zu verschie­denen Stationen im Leben seines Großva­ters. Von der alten Wohnung in Günzburg bis zum Rotlicht­viertel in Bonn mit Wagners berühmt-berüch­tigtem Stamm-Etablis­se­ment »Chez nous«, in dem er sich fast täglich aufhielt. Schwarzer arbeitet gründlich. Er folgt den Spuren der Geld­ge­schäfte, führt Inter­views mit Mitar­bei­tern der Stasi, zu denen Leo Wagner Kontakt hatte, und spricht mit Zeit­zeugen, ehema­ligen Kollegen und zahl­rei­chen Geliebten. Seine Nach­for­schungen führen ihn zur sprich­wört­li­chen Büchse der Pandora, bei der es besser ist, sie nicht zu öffnen. So deckt er einen der größten poli­ti­schen Skandale der Bonner Republik auf: Sein Großvater soll beim Miss­trau­ens­votum gegen den damals amtie­renden Kanzler Willy Brandt seine eigene Partei verraten haben. Dabei spielte nicht die poli­ti­sche Über­zeu­gung eine Rolle, sondern Wagners perma­nente Geldnöte, die ihn dazu bewegten, im Gegenzug zu seiner Stimme Geld von der Stasi anzu­nehmen. Neben ihm wurde ein weiterer Politiker von der Stasi bestochen, um das Absetzen Brandts zu verhin­dern.

Hinter der öffent­li­chen Fassade: die Familie. Hell ertönt ein Kinder­la­chen, ein Mädchen spielt mit seinem Vater im Schnee. Es wirkt unbe­schwert, fast könnte man alles vergessen, was in dieser Familie schief läuft, wenn Leo mit seiner Frau durch die Natur spaziert und seine Tochter herum­tollt. Heile Welt in Schwarz­weiß. Fotos zeigen eine perfekte Fami­li­en­idylle.

Ruth Schwarzer hingegen, Leos Tochter, zeichnet ein anderes Bild von der Vergan­gen­heit, im Hier und Jetzt und in Farbe. Sie erzählt von schmerz­li­chen Erin­ne­rungen an eine Familie, die nur als Fassade diente, die als »Park­ge­le­gen­heit« genutzt wurde, wie sie sagt. Immer wieder kontras­tiert der Regisseur die Aussagen seiner Mutter mit Fotos und alten Film­auf­nahmen aus ihrer Kindheit und macht deutlich, wie weit Schein und Sein ausein­ander liegen.

Bonbon­far­bene Super-8-Aufnahmen zeigen Leo Wagner oft im Auto. Das gleiche Auto, ein alter BMW, in dem sich sein Enkel nun auf seine Spuren begibt. Es ist das Binde­glied zwischen damals und heute, das Vehikel seiner Zeitreise, viel­leicht das einzige Vermächtnis des Großva­ters und gleich­zeitig Sinnbild der Bewegung und der Suche.

Während der Regisseur im Voice-Over versucht, seine Vermu­tungen, Gedanken und Entde­ckungen zu ordnen, behauptet die ruhige Kamera von Julian Krubasik, dass alles klar auf der Hand liegt. In Wirk­lich­keit aber zerfällt, je näher Schwarzer der Wahrheit kommt, das ganze Lebens­kon­strukt. Wie ein Krimi­nal­kom­missar hat er sich auf die Suche nach den wahren Bege­ben­heiten gemacht und kommt dabei dunklen Geheim­nissen auf die Spur. So wird sein Doku­men­tar­film zum span­nenden Krimi. Als es bereits so scheint, als wären die Ermitt­lungen abge­schlossen und die Akte beisei­te­ge­legt, nehmen die Ereig­nisse noch eine Wendung, mit der niemand gerechnet hat.

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