Für immer 16

Deutschland 2026 · 73 min.
Regie: Brezel Göring
Drehbuchvorlage: Françoise Cactus
Drehbuch:
Kamera: Stephan Holl
Darsteller: Lilith Stangenberg, Chang Wang, Mücke, Anton Garber, Twiggy u.a.
Für immer 16
Ein Film, der keine Fragen beantwortet...
(Foto: Rapid Eye Movies / Real Fiction)

Super 8, super geil

Mit Für immer 16 dreht Brezel Göring den vermutlich anarchischsten deutschen Film des Jahres: eine Punk-Komödie über das Altern und die Weigerung erwachsen zu werden

Es gibt Filme, bei denen denkt man nach zehn Minuten: Was zum Teufel ist das denn? Und nach elf Minuten fragt man sich: Warum gibt es davon eigent­lich nicht viel mehr?

Denn seien wir ehrlich: Das deutsche Kino ist derzeit hervor­ra­gend darin, das Älter­werden zu verwalten. Es macht Filme über Schei­dungen, Depres­sionen, Demenz, Midlife-Crisis, Selbst­fin­dung, Selbst­op­ti­mie­rung und den ganzen thera­peu­ti­schen Maschi­nen­raum unserer Gegenwart. Alles wird aufge­ar­beitet. Alles erklärt. Alles verstanden. Für immer 16 inter­es­siert das einen feuchten Super-8-Streifen.

Brezel Göring schickt drei ehemalige Under­ground­filmer:innen in den Urlaub. Charlotte, Helena und Oskar haben sich seit Jahren kaum gesehen. Natürlich mögen sie sich nicht besonders. Natürlich beneiden sie einander. Natürlich tragen sie dieselben Verlet­zungen mit sich herum wie vor dreißig Jahren. Dann taucht Rudolf auf und plötzlich beschließt die Truppe, noch einmal einen Film zu drehen. Eine Seri­en­kil­lerin namens Demenzia bringt darin fort­lau­fend Männer um. Immer denselben Mann. Immer Rudolf. Das ist ungefähr so sinnvoll wie die meisten Punkbands der späten Siebziger. Also voll­kommen sinnvoll.

Der Clou besteht nämlich darin, dass Für immer 16 gar nicht versucht, seine Figuren zu thera­pieren. Niemand wird hier geläutert. Niemand wächst über sich hinaus. Niemand hält am Ende eine rührende Rede darüber, was Freund­schaft wirklich bedeutet. Sie streiten einfach weiter. Wie früher.

Denn Brezel Göring inter­es­siert sich nicht dafür, wie Menschen erwachsen werden. Ihn inter­es­siert, was von einer Haltung übrig bleibt, wenn der Körper älter wird. Was passiert eigent­lich mit Subver­sion, wenn plötzlich ehemalige Gegen­kul­tur­ak­ti­visten Teil des Kultur­be­triebs geworden sind? Was geschieht mit schwarzem Humor, Femi­nismus, Gender­ent­würfen und Funda­men­tal­op­po­si­tion, wenn sie irgend­wann selbst zum kultu­rellen Main­stream gehören?

Für immer 16 beant­wortet diese Fragen nicht. Zum Glück. Statt­dessen schmeißt er sie wie einen Farb­beutel gegen die Leinwand.

Dabei hilft natürlich, dass der Film selbst aussieht, als hätte ihn jemand 1983 in einem besetzten Haus unter einer Bierkiste gefunden. Gedreht auf Super 8 flackert hier alles. Farben. Gesichter. Dialoge. Bezie­hungen. Der Film besitzt den rauen Charme eines Mediums, das nie perfekt sein wollte. Super 8 war einmal Heimkino, Urlaubs­film und Amateur­technik. Dann wurde es zur Ästhetik des Wider­stands. Genau diese Geschichte schreibt Göring weiter. Schon das Material selbst wider­setzt sich jeder Hoch­glanz­glätte, ganz so, als sei das Kino plötzlich DJ-Pult, Kellerbar, Kunst­in­stal­la­tion und schlechte Idee zugleich.

Das über­wäl­tigt so sehr, dass plötzlich die digitale Perfek­tion unserer Gegenwart einfach nur noch unfassbar lang­weilig wirkt.

Und die Dialoge? Herrlich daneben. Sätze wirken halb vergessen, halb impro­vi­siert, komplett schief und trotzdem oft klüger als jeder sorg­fältig polierte Dreh­buch­rea­lismus. Ein Grund dafür dürfte sein, dass die Dialoge im Vorfeld einge­spro­chen werden mussten und dann dem Film unter­ge­legt wurden. Das hört sich dann so an:
»Wann hattest du das letzte Mal einen Orgasmus?«
»Im Traum.«
»Und davor?«
»Beim Wichsen.«

Dass dieses perma­nente Schwanken zwischen Impro­vi­sa­tion und Präzision überhaupt funk­tio­niert, liegt aber vor allem an einem Ensemble, das sich mit traum­wand­le­ri­scher Sicher­heit in diesen schrägen Kosmos hinein­be­gibt. Lilith Stan­gen­berg als Charlotte, Chang Wang als Oskar, Mücke als Helena, Twiggy Glouglou als Rudolf und Anton Garber als stoisch wieder­keh­render Taxi­fahrer spielen ihre Figuren nie aus, sondern lassen sie einfach geschehen; mit einer Gelas­sen­heit, als hätten sie schon immer in dieser Paral­lel­welt gelebt. Dass der Film auf einem unvoll­endeten Roman­frag­ment der 2021 verstor­benen Musikerin und Autorin Françoise Cactus basiert, die als eine Hälfte von Stereo Total Kult­status erlangte, passt dabei perfekt. Denn Cactus und Brezel Göring waren nicht nur die beiden kreativen Köpfe dieser Band, sondern teilen auch hier denselben anar­chi­schen Blick auf Kunst, Alltag und Absur­dität. Für immer 16 wirkt deshalb weniger wie eine Adaption als wie die verspä­tete Fort­set­zung eines gemein­samen künst­le­ri­schen Univer­sums.

Und mehr Hinter­grund­fak­ti­sches muss man über diesen Film eigent­lich auch gar nicht wissen.

Er besitzt diesen wunder­baren Mut zur Pein­lich­keit, den das deutsche Kino sich seit Jahren mühsam abtrai­niert hat und nur dann und auffla­ckert, zuletzt in Sonja Maria Kröners tollem Pferd am Stiel. Wo andere Produk­tionen jede Pointe absichern, jede Figur psycho­lo­gisch begründen und jede Emotion sauber moti­vieren, lässt Für immer 16 einfach alles passieren. Und gerade deshalb stimmt irgendwie auch alles.

Natürlich wird auch gemordet. Und natürlich ist das völlig egal. Natürlich fließt Kunst, Kino, Begehren, Freund­schaft und kompletter Blödsinn permanent inein­ander. Der Film funk­tio­niert weniger über Handlung als über Energie.

Vor allem aber über die Musik.

Der Stereo-Total-Sound­track ist nicht bloß Beglei­tung. Er ist Motor. Jede Szene scheint von diesen Songs ange­schoben zu werden, bis das Kino irgend­wann gleich­zeitig Keller­club, Kunst­per­for­mance, Punk­kon­zert und sehr schlechte Idee wird, wie schon vorhin mal geschrieben.

Man könnte Für immer 16 leicht als nost­al­gi­schen Film miss­ver­stehen. Das wäre ein Fehler. Denn nost­al­gisch ist hier überhaupt nichts. Die Vergan­gen­heit wird nicht verklärt. Sie wird wieder ange­schmissen. Die Figuren wollen gar nicht zurück in ihre Jugend. Sie machen einfach dort weiter, wo sie damals aufgehört haben.

Viel­leicht ist das die eigent­liche Science-Fiction dieses Films. Nicht, dass Menschen sechzehn bleiben, sondern dass sie ihre Wider­sprüche behalten.

Brezel Göring hat einen Film gedreht, der sich konse­quent weigert, vernünftig zu sein. Der schram­melig sein will. Der Unschärfen liebt. Der seine Fehler ausstellt wie andere ihre Produk­ti­ons­werte. Und der damit ganz nebenbei daran erinnert, dass Subver­sion viel­leicht genau in dem Moment verschwindet, in dem sie »markt­ge­recht« wird.

Für immer 16 ist deshalb nicht nur einer der über­ra­schendsten deutschen Filme des Jahres, er ist auch einer der leben­digsten.

Unscharf. Unver­schämt. So richtig geil. Und gefühlt sehr viel näher am Geist des Punk als fast alles, was das deutsche Kino in den letzten Jahren hervor­ge­bracht hat.