| Deutschland/Thailand 2025 · 154 min. · FSK: ab 12 Regie: Roderick Warich Drehbuch: Roderick Warich Kamera: Roland Stuprich Darsteller: Jutamat Lamoon, Jutarat Burinok, Wason Dokkathum, Rinda Hamer u.a. |
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| Innenansichten aus dem Nachtleben von Bangkok | ||
| (Foto: eksystent) | ||
Nachts sind die Hochhausschluchten von Bangkok in grünes und rotes Neon getaucht und baden im gelben Licht der Straßenlaternen. Mit seinem Motorrad folgt Wason (Wason Dokkathum) Jen (Jutamat Lamoon), die sich als Eskorte-Girl für Touristen durchs Leben schlägt. Alles fühlt sich an wie eine melancholische Ballade. Wason liebt Jen, irgendwie, wichtiger aber ist, dass er wie ein Bodyguard ihren Körper beschützt vor dem Zugriff der Kunden. Sex ist immer auch Violence, selten ist er zwischen den Thailänderinnen und den »Farang«, den westlichen Ausländern, einvernehmlich. Das teilt sich in den Bildern wortlos mit.
Funeral Casino Blues ist das Regiedebüt des Kölners Roderick Warich. Seinen ersten Kurzfilm, 2557, vielleicht nur eine Etüde zu seinem Langfilm, hat er bereits 2017 in Bangkok gedreht. Er ist da einfach oft, erzählt er in Nürnberg bei der Aufzeichnung des Podcasts »Dust in the Wind«, hat das Leben in Thailand von innen kennengelernt. Nun bringt er einen Film in die deutschen Kinos, der sich durch und durch asiatisch, nie deutsch anfühlt, und der durchtränkt ist von der Atmosphäre der (Hongkong-)Liebesmelodramen Wong Kar-wais und den Geistergeschichten des Thailänders Apichatpong Weerasethakuls. Er glaubt zwar selbst nicht an die Seelenwanderung – oder vielleicht nur ein bisschen: Da ist was dran.
Jen und Wason leben im selben Hochhauskomplex. Die endlosen Flure des immensen Wohnhauses werden von dem interesselosen Blick eines CCTV-Systems überwacht, im Erdgeschoss-Foyer sitzen die Conciergen, schaufeln sich Chips in die Münder und gucken auf die Monitore. Die Szenen, die sie in undeutlichem Schwarzweiß sehen, sind wortlose Ereignisse aus einem medialen Zwischenraum, sie wirken wie in einem Stummfilm, in dem man die Gesten lesen muss. Was passiert hier?
Roderick Warich kennt man bereits. Er gehört zusammen mit der Produzentin Viktoria Stolpe und den Regisseur:innen Sandra Wollner und Timm Kröger zu den 2018 gegründeten »The Barricades«, die u.a. Wollners Everytime und Krögers Die Theorie von Allem produziert hat. Wie Krögers Film lief auch Warichs Debüt bei den Filmfestspielen von Venedig, in der Reihe Orizzonti. Warich hat außerdem bei Drehbüchern von Wollner und Kröger mitgewirkt. Alle drei wollen ein cineastisches Kino, das getränkt ist von eigenen Seherfahrungen. Alle drei arbeiten mit ihren Filmen außerdem an der Abschaffung der linearen Zeit. Nichts weniger als das.
Seinen stimmungsvollen Bangkok-Noir hat Warich mit thailändischem Crew und Cast gedreht (nur die Touristen spielen weiße Europäer). Die Produktionsbedingungen für einen »deutschen« Film, der im Ausland spielt und erkennbar erfasst hat, was die Stimmung des asiatischen Kinos – in kinematographischen Kategorien gesprochen – ausmacht, muss man sich als herausfordernd vorstellen.
Funeral Casino Blues beginnt wie ein modernes Melodram. Es erzählt von der Einsamkeit großgewordener Kinder, die in die Megalopole gekommen sind, um ihr Glück zu versuchen. Das Geld, das Jen als Tagelöhner-Eskort-Girl verdient, schickt sie nach Hause, aufs Land zur Familie, wo ihre Schwestern noch ein unschuldiges, reines Leben in der Natur und Träume haben können.
Wason ist Barkeeper und Gambler, er kämpft gegen seine Spielschulden an, ist
immer nahe am Untergehen. Seine Gläubiger setzen ihm zu. Nur vermeintlich ist er der Stärkere, der Jen beschützen kann. Aber immerhin hat er eine Knarre. John Gürtler taucht den Film mit seiner Musikkomposition immer wieder in eine fast symphonische Beiläufigkeit, in der eine existenzielle Tragik mitschwingen darf. Und immer wieder, in anderen Räumen, die irgendwie nicht von dieser Welt sind, weil etwa das CCTV sie sieht, schweigt die Musik.
Die Liebe, die sich anbahnende Romanze gleitet in der gedämpften Tonlage des titelgebenden »Funeral Casino Blues« fast unmerklich in eine Gangstergeschichte hinein. Nur wenig muss sich verändern, das Leben der Figuren ist immer mit einem Schritt am Abgrund. Schließlich verschwindet Jen. Pim (Jutarat Burinok), ihre Freundin, die ab und zu an der Rezeption des Hochhauses jobbt, macht sich mit Wason auf die Suche nach ihr.
Immer mehr verliert sich der Film in der wunderbaren Ungewissheit einer großen Rätselhaftigkeit, in der Geistwerdung seiner Figur, die sich zuerst verdoppelt, in der Retrospektive zum Spiegelbild und zum Schatten wird – die lineare Zeit löst sich auf. Die Kamera von Roland Stuprich entwirft in dieser Losgelöstheit autonome Bilder, die die Hochhäuser in der Fahrt des Motorrads erfassen, stürzende Linien und aufschwingende Lichter, eine Feier der für das Menschenschicksal gleichgültigen Schönheit der Metropole.
Als Gewissheit bleibt die traurige Realität einer jungen Generation, die im globalisierten Leben abgehängt ist. Vielleicht, weil sie zu wenig zielgerichtet ist, zu sehr im Kreislauf eines Naturverständnisses zuhause, die in der Moderne keinen Ort finden kann.
Podcast »Dust in the Wind« zu Funeral Casino Blues
Mit Dunja Bialas (artechock), Lukas Förster (critic.de) und Roderick Warich, aufgenommen im Filmhaus Nürnberg