Fireball: Visitors from Darker Worlds

USA 2020 · 90 min.
Regie: Werner Herzog, Clive Oppenheimer
Drehbuch:
Kamera: Peter Zeitlinger
Schnitt: Marco Capalbo
Darsteller: Werner Herzog, Clive Oppenheimer u.a.
Das Große im Kleinen – Clive Oppenheimer mit einem Meteoritenfund in der Antarktis
(Foto: Apple TV+)

Wir sind nicht allein

Fireball ist »der« Film zu Pandemie und Weihnachten: Sterben werden wir eh und Sternenstaub sind wir schon und dann gibt es noch die Wissenschaft, die uns dann doch rettet – gibt es einen besseren Trost?

»The dinosaurs had no space programme.« – Larry Niven

Werner Herzogs Leiden­schaft für Doku­men­tar­filme geht bis an die Anfänge seiner Karriere zurück. Einige dieser Filme sind auch heute noch unbedingt empfeh­lens­wert. Man denke nur an seinen Kurzfilm über die Welt­meis­ter­schaft der Vieh­auk­tio­na­toren, How much Wood Would a Woodchuck Chuck – Beob­ach­tungen zu einer neuen Sprache (1976, hier in ganzer Länge), in dem wie in Herzogs Spiel­filmen aus dieser Zeit (Stroszek, Woyzeck) starke Charak­tere mit eindring­li­chen Geschichten vor der Kamera fast schon hyper­rea­lis­tisch präsent waren.

Im Lauf der Zeit hat sich bei Herzog vieles verändert. Bis auf ein paar Ausnahmen (wie letztes Jahr Family Romance, LLC), sind es meistens Doku­men­tar­filme, die dicht­ge­taktet aus Herzogs Werkstatt kommen (Meeting Gorbachev, 2018) und anders wie in früheren Werken wie How Much Wood Would a Woodchuck Chuck, hört man jetzt auch einen starken Charakter hinter der Kamera, »in« die Filme hinein­reden. Und zwar Herzog selbst. Mit im modernen Doku­men­tar­film inzwi­schen eher unüb­li­chen Voice-Overs kommen­tiert Herzog das Geschehen vor der Kamera, schweift aber auch gerne ab. Allein Herzogs mahlende, murmelnde Stimme zu hören, ist es fast schon wert, diese Filme zu sehen (und zu hören), denn diese stimm­liche Perfor­mance – und zwar im Deutschen WIE im Engli­schen – ist so einzig­artig, dass sie Herzog bereits so großar­tige Gast­sprech­rollen wie in RICK UND MORTY (als Außer­ir­di­scher die mensch­liche »Penis-Kultur« analy­sie­rend) oder in den Simpsons (als Wissen­schaftler) beschert haben.

Genauso wie seine Stimme sind es aber auch die Themen, Herzogs unbändige Neugier für die ganze Welt, sei sie poli­ti­scher, wissen­schaft­li­cher oder einfach nur biogra­fi­scher Natur, die Herzogs Œuvre zu einem immer faszi­nie­ren­deren Mosaik unserer Gegenwart machen.

Fireball: Visitors from Darker Worlds setzt einen weiteren markanten Baustein dieses »Mosaiks«. Wie schon in seiner Doku­men­ta­tion über Vulkane (Into the Inferno,2016), arbeitet Herzog auch in Fireball mit dem Vulku­na­logen Clive Oppen­heimer von der Cambridge Univer­sity zusammen, der neben Herzogs Stimme hinter der Kamera die Inter­views vor der Kamera führt und mit Herzog die ganze Welt bereist, um auf die Spur der viel­leicht wich­tigsten Besucher aus dem Weltall zu kommen, Besucher, die Zivi­li­sa­tionen und Kulturen zerstört und verändert haben wie niemand anders.

Gemeint sind Meteo­riten, und Herzog und Oppen­heimer machen schon in den ersten Bildern klar, dass ihre Bedeutung nicht unter­schätzt werden sollte. Sie reisen zu reli­giösen, poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Zentren aus Vergan­gen­heit und Gegenwart, die aufgrund eines Meteo­ri­ten­ein­schlags ihre Bedeutung erst erhalten haben. Und sie besuchen gigan­ti­sche Krater­land­schaften und auch einen mexi­ka­ni­schen Badeort, der, wie Herzog es ausdrückt, »so gott­ver­lassen ist, dass man weinen möchte«, der aber einen der gewal­tigsten Einschläge überhaupt miterlebt hat, einen Einschlag, ohne den es die Hoch­kultur der Maya wohl kaum gegeben hätte und der den Dino­sau­riern ein entsetz­li­ches Ende bereitet hat.

An jedem der besuchten Orte treffen sie Wissen­schaftler, Religiöse, Mytho­logen und Privat­ge­lehrte, die ihr Leben den Besuchern aus dem All verschrieben haben. Und deren Geschichten so viel Tröst­li­ches über Vergäng­lich­keit, Unend­lich­keit und die kosmische Entwick­lung berichten, dass unsere Pandemie-Gegenwart tatsäch­lich zu dem Ster­nen­staub wird, aus dem wir alle geschaffen sind und zu dem wir – ob als Quas­ikris­tall oder Treibgut in den Weiten des Meeres – auch wieder werden.

Aber Herzog und Oppen­heimer machen auch deutlich, dass die Mensch­heit beim nächsten großen Einschlag und anders als die Dino­sau­rier überleben könnten. Denn schließ­lich gibt es Wissen­schaftler, die mit Hingabe und Begeis­te­rung für die Rettung der Mensch­heit in der nahen und fernen Zukunft arbeiten, Wissen­schaftler, die Herzog und Oppen­heimer bei ihren Visiten so glücklich machen, dass dieses Plädoyer für eine »fröhliche Wissen­schaft«, die das Leben selbst zum Mittel der Erkenntnis werden lässt, sich auch dem Betrachter mitteilt, und viel­leicht das schönste Weih­nachts­ge­schenk ist, das man in diese Wochen bekommen kann.

Doch es ist nicht nur die Sprache, die Worte, der Geist von Fireball, der einen immer wieder in seinen Bann zieht. Es sind auch Herzogs großar­tige Bilder. Jene, die ins mikro­sko­pisch Kleinste gehen genauso wie die ins unendlich Große. So wie der Ballhaus-Kreisel, die große Kreis­fahrt von Herzogs Kamera in der Antarktis, die aus spek­ta­ku­lärer Perspek­tive eine Gruppe korea­ni­scher Wissen­schaftler (und Clive Oppen­heimer) ins Visier nimmt, und die manischen Meteo­ri­ten­sammler auf den Weiten des Eises mit einer Liebe umrundet, die schöner und bewe­gender nicht sein könnte und der es gelingt unsere ganze Existenz mit all ihrem Scheitern, aber auch all ihrer Hoffnung in nur einem Bild fest­zu­halten.

Fireball: Visitors from Darker Worlds ist seit dem 13. November auf Apple TV+ abrufbar.