Ein einfacher Unfall

Yek tasadef sadeh

Frankreich/L 2025 · 104 min. · FSK: ab 16
Regie: Jafar Panahi
Drehbuch:
Kamera: Amin Jafari
Darsteller: Vahid Mobasseri, Mariam Afshari, Ebrahim Azizi, Hadis Pakbaten, Madjid Panahi u.a.
Ein einfacher Unfall
(Foto: MUBI)

Was tun mit Folterknechten?

Jafar Panahis »Ein einfacher Unfall« stellt elementare Fragen nach Wahrheit und dem Verhältnis von Anschein und Wirklichkeit

Was tun mit Folter­knechten? Was ist Gerech­tig­keit? So könnte man die beiden Leit­fragen von Jafar Panahis neuem Film zusam­men­fassen. Schon aus diesen Fragen geht hervor: Der Film ist ein Lehrstück. Eine Parabel auf die poli­ti­schen Verhält­nisse im Iran. Sehr thea­tra­lisch, sehr sche­ma­tisch, mit Grautönen, die aller­dings sorg­fältig unter einem grund­sätz­li­chen Schwarz-Weiß-Schema verborgen werden. Filmisch scheint mir Ein einfacher Unfall mehr als simpel und bescheiden zu sein. Ohne Frage ist er gut gemacht; man könnte das Ganze und würde es bei anderen aber auch einfach »routi­niert« nennen.

Unfall, englisch »accident« könnte zwar tatsäch­lich den Unfall meinen, nämlich das verse­hent­liche Über­fahren eines Straßen­kö­ters durch ein Auto in der Dunkel­heit der Nacht, er verweist aber eher noch auf einen »Zufall«. Denn der tote Hund zu Beginn dient als Ausgangs­punkt einer Verket­tung von Ereig­nissen, die zugleich schnell eine symbo­li­sche Dimension bekommt: Ein Auto­me­cha­niker ist nämlich überzeugt, dass es sich bei dem Fahrer des Wagens, den er repa­rieren soll, um seinen ehema­ligen Folter­knecht handelt. Er ist zunächst entschlossen, den Mann aus Rache für das, was der ihm einst angetan hatte, zu töten und entführt den Fahrer. Doch dann wachsen Zweifel: Ist es wirklich der, für den er ihn gehalten hat? Der Entführte leugnet hart­nä­ckig und nennt einige Indizien, die zu seinen Gunsten zu sprechen scheinen. Sein Entführer zögert und kontak­tiert, um auf Nummer sicher zu gehen, weitere ehemalige Leidens­ge­nossen.

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In der zweiten Hälfte des Films befinden sich deshalb dann gleich fünf ehemalige Opfer des Regimes im Minibus des Entfüh­rers, sowie ihr Gefan­gener, der in einer Kiste einge­schlossen seines Schick­sals harrt – eine ebenso grausame, wie absurd komische Situation.
Denn die Kidnapper sind sich zum Teil ganz sicher, zum Teil überaus unsicher, ob es sich um ihren ehema­ligen Schergen handelt – manche von ihnen konnten ihre Folterer nämlich nie sehen, sondern nur hören und riechen. Hier stellt der Film elemen­tare Fragen nach Wahrheit und dem Verhältnis von Anschein und Wirk­lich­keit. Doch selbst wenn es sich um den Folter­knecht handeln sollte – was tun? Will man ihn nach dem »Auge um Auge«-Prinzip selbst quälen und am Ende umbringen? Oder ihn anders strafen? Oder wäre Verzeihen die beste Antwort? Oder Rache die gesün­deste?

Mit dieser immerhin origi­nellen, wenn auch über­kon­stru­ierten Ausgangs­idee weiß der Film dann aber fast gar nichts anzu­fangen. Er tritt auf der Stelle, wie seine Figuren.

Stilis­tisch betonen Anspie­lungen auf Becketts »Warten auf Godot« das Theatrale, Abstrakte von Film und Drehbuch. In mehreren Momenten nimmt alles auch Züge einer Komödie mit fein austa­riertem absurdem Humor an, ohne aber je den grund­sätz­li­chen Ernst der Situation zu über­tün­chen: Wir Zuschauer werden Zeugen der Diskus­sion der Opfer darüber, was sie mit einem Folterer tun sollen. Der Regisseur entwi­ckelt dieses Streit­ge­spräch an verschie­denen Schau­plätzen durch teils surreal anmutende, aber gemäßigt unter­halt­same Szenen.

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Der Film entfaltet elemen­tare Fragen nach Wahrheit und dem Verhältnis von Anschein und Wirk­lich­keit. Und nach Moral: Am Ende entsteht eine origi­nelle Fabel über Rache und Vergebung, über die Verant­wor­tung der Täter und die Moral der Opfer – bis schließ­lich der Triumph von Ethik und Mensch­lich­keit zwar greifbar wird, aber dennoch nicht vergessen lässt, dass Terror und Tyrannei im Iran (und nicht nur dort) weiterhin gegen­wärtig sind.

Panahi stellt die Frage nach den Grenzen des Mitge­fühls und danach, ob das Böse tatsäch­lich so banal ist, wie oft behauptet wurde. Sind die Hand­langer der Macht mensch­liche Wesen? Oder bloß Werkzeuge einer unmensch­li­chen Maschi­nerie, die perverse Befehle ausführen? Oder doch Monster in Menschen­ge­stalt?

Und welche Antwort wäre die bessere, ange­neh­mere, bequemere? Der Regisseur lässt die Antwort offen.

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Das Ergebnis seiner Bemühungen ist ein sehr guter Film, dem doch auch bis zum Ende etwas Akade­mi­sches und »Trockenes«, Geschrie­benes anhaftet.

Leider bleibt der gesamte Film ohne jede Über­ra­schung. Und das schon inhalt­lich: Die Geschichte nimmt Wendungen, sie stellt Fragen, sie tendiert zu Posi­tionen, die wir allesamt schon sehr sehr oft gehört und gesehen haben und entspre­chend erwarten können. Sie werden nicht wahrer oder falscher dadurch, dass man sie wieder­holt, sie werden aller­dings ermü­dender.

Filmisch hat Panahi dem Kino nichts zu geben und hinzu­zu­fügen, was wir nicht schon auf der Thea­ter­bühne von Tschechow und Brecht gesehen haben und im Kino zum Beispiel von Frank Capra und nicht zuletzt von Panahi selbst.

Das ist viel zu wenig, um zur Welt­spitze des Kino gerechnet zu werden, zu den besten Filmen einer Epoche zu gehören, und um einen der Haupt­preise bei einem Film­fes­tival wie dem von Cannes zu gewinnen – es gibt genug andere Filme, die pulsie­render sind, und ein leiden­schaft­li­cheres, mit Bildern argu­men­tie­rendes Kino reprä­sen­tieren.

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Wie kann dies alles also sein? Warum das Gewese um diesen Mann und seine Filme? Jafar Panahi hat den Goldenen Löwen von Venedig gewonnen, er gewann den Goldenen Bären in Berlin, und nun gewann er halt im letzten Frühjahr auch die Goldene Palme. Benei­dens­wert. Ist der Iraner Panahi dadurch aber nun einer der besten Filme­ma­cher der Welt? Nein, ganz und gar nicht. Er ist einfach ein guter Filme­ma­cher, der exakt die Filme liefert, die für eine formal tradi­tio­na­lis­ti­sche Jury unan­stößige »Quali­täts­filme« reprä­sen­tieren, und zudem steht er politisch auf »der richtigen Seite« und ist als politisch Verfolgter, aber nicht den Westen kriti­sie­render Kritiker des Regimes in seiner Heimat auch ideo­lo­gisch über alle Zweifel erhaben.
Nichts an diesem Regisseur und seinen Filmen ist in irgend­einer Weise unbequem für ein west­li­ches Publikum. Und nichts an ihnen ist schwierig für die von vorn­herein auf faule Kompro­misse geeichten Jurys auf einem inter­na­tio­nalen Film­fes­tival. Gegen all dies ist, man muss das wohl sicher­heits­halber betonen, nichts zu sagen. All dies ist aller­dings auch noch lange kein Grund für eine Preis­ver­gabe.

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Was tun mit Folter­knechten? Was ist Gerech­tig­keit? Auf seine beiden Leit­fragen hat Jafar Panahi übrigens am Ende auch keine Antwort. Schade.