| Mazedonien/Tschechien 2025 · 99 min. · FSK: ab 12 Regie: Georgi M. Unkovski Drehbuch: Georgi M. Unkovski Kamera: Naum Doksevski Schnitt: Michal Reich Darsteller: Arif Jakup, Agush Agushev, Dora Akan Zlatanova u.a. |
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| Ein Film von erstaunlicher visueller Klarheit... | ||
| (Foto: Neue Visionen) | ||
Manchmal reicht eine einfache Geste, um alles zu erzählen. Ein Drachen steigt in den Himmel, getragen vom Wind, und unten steht ein Junge, der das Gleichgewicht zwischen Festhalten und Loslassen lernen muss. Georgi M. Unkovskis DJ Ahmet beginnt mit einer solchen – symbolischen – Bewegung: eine Geschichte darüber, wie man in einer Welt voller Regeln und Erwartungen langsam den eigenen Rhythmus entdeckt.
Der fünfzehnjährige Ahmet lebt in einem Dorf im ländlichen Nordmazedonien – einer Welt, die von Tradition, Religion und sozialer Kontrolle geprägt ist. Sein Vater ist streng, seine Umgebung konservativ, und der Raum für individuelle Träume scheint begrenzt. Doch Ahmet hat eine Leidenschaft: Musik. Genauer gesagt: elektronische Musik. Er möchte DJ werden.
Was zunächst wie ein klassisches Coming-of-Age-Narrativ klingt – ein junger Mensch gegen die Engstirnigkeit seiner Umgebung – entwickelt sich bei Unkovski jedoch zu etwas deutlich Subtilerem. Der Film arbeitet nicht mit großen Konfliktszenen oder moralischen Manifesten. Stattdessen beobachtet er mit erstaunlicher Geduld, wie sich kleine Verschiebungen im Leben eines Jugendlichen ergeben: ein erster Blick auf ein Mädchen, eine heimliche Playlist, ein Beat, der plötzlich stärker wirkt als jedes Verbot.
Eine der schönsten Szenen kommt früh im Film. Ahmet blickt über ein weites Feld, auf dem Mädchen Fußball spielen, in traditioneller Kleidung, unter einem Himmel, der so groß wirkt, dass er fast jede gesellschaftliche Regel relativiert. In Zeitlupe begegnet Ahmet zum ersten Mal Aya. Die Szene könnte leicht kitschig werden, doch Unkovski findet einen anderen Ton: Während die Bilder noch im lyrischen Realismus verweilen, bricht plötzlich die Musik um. Traditionelle Balkan-Klänge gehen über in elektronische Beats. Für einen Moment verschmelzen zwei Welten, die sonst als unvereinbar gelten.
Musik ist in DJ Ahmet ohnehin mehr als nur Soundtrack. Sie ist die zweite Hauptfigur des Films. Immer wieder verbindet sie scheinbare Gegensätze: Techno und Volksmusik, Moschee und Dancefloor, Gebet und Playlist. Besonders schön ist der ironische Einfall, dass Ahmet Gebete in seine Musiksammlung integriert – nicht als Provokation, sondern fast als natürliches Element seines Klanguniversums.
Diese Idee durchzieht den ganzen Film: Tradition und Moderne erscheinen nicht als Feinde, sondern als Materialien, aus denen eine neue Identität gebaut werden kann.
Dabei verliert Unkovski nie den Blick für die sozialen Realitäten seiner Figuren. Der Vater – gespielt mit verzweifelter Strenge von Agush Agushev – verkörpert eine Welt, in der Disziplin und Kontrolle als einzige Stabilität gelten. Seine Härte wirkt nie karikaturenhaft; sie entsteht aus Angst, aus Verantwortung, aus dem Wunsch, die Ordnung des Dorfes zu bewahren, und aus dem Schmerz heraus, die eigene Frau, die Mutter seiner Kinder verloren zu haben. Der Film ist jedoch klug genug, diese versehrte Generation nicht zu dämonisieren.
Gleichzeitig besitzt DJ Ahmet eine leise, fast märchenhafte Symbolik. Zu Beginn der Drachen, dann taucht immer wieder ein rosafarbenes, verlorenes Schaf auf; eine ironische Variation der biblischen Geschichte vom „verlorenen Schaf“, aber auch ein Hinweis darauf, dass Anderssein nicht unbedingt ein Makel ist. In dieser Welt kann gerade das Abweichende in eine neue Richtung weisen.
Überhaupt arbeitet der Film mit einer erstaunlichen, immer wieder überraschenden visuellen Klarheit. Weite Landschaften, staubige Dorfstraßen, Moscheen, Felder – all das wirkt zugleich konkret und leicht entrückt. Man spürt darin eine Nähe zu jener poetischen Balkanfilmtradition, die man aus den Filmen von Emir Kusturica kennt, dessen Balkan-Pop hier auch musikalisch zitiert wird, allerdings ohne deren barocke Überdrehtheit. Unkovski bleibt ruhiger, beobachtender, beinahe zärtlich.
Ein großer Anteil haben dabei auch die jungen Darsteller. Arif Jakup spielt Ahmet mit einer Mischung aus Unsicherheit, Neugier und stiller Entschlossenheit, die den Film trägt. Seine Entwicklung geschieht nicht in dramatischen Sprüngen, sondern in kleinen, glaubwürdigen Schritten. Man glaubt diesem Jungen, dass er seinen Weg sucht, und vielleicht auch findet.
Dass der Film beim Sundance Film Festival den Publikumspreis seiner Sektion gewann, überrascht daher kaum. DJ Ahmet besitzt jene seltene Qualität, die man nur schwer planen kann: Er funktioniert für unterschiedliche Generationen zugleich. Jugendliche dürften in Ahmets Sehnsucht nach Freiheit ihre eigene Suche wiedererkennen, Erwachsene sich für die komplizierte Balance zwischen Tradition und Veränderung interessieren. Und vielleicht verstehen beide Seiten am Ende ein wenig besser, warum der jeweils andere so handelt, wie er handelt.
Das offene Ende ist gerade auch deshalb eine kluge Entscheidung. Kein triumphales Happy End, kein endgültiger Bruch mit der Vergangenheit. Stattdessen bleibt etwas in Bewegung, so wie der Drachen zu Beginn des Films, der im Wind steigt und sinkt, aber nie ganz verschwindet. DJ Ahmet ist damit einer dieser fast idealen Familienfilme. Einer, der weder belehrt noch beschwichtigt. Einer, der zeigt, dass aus Verletzlichkeit Stärke entstehen kann, manchmal einfach allein schon dadurch, dass jemand den Mut findet, dem eigenen Beat zu vertrauen.