| Indonesien/F/Singapur/D 2024 · 98 min. · FSK: ab 12 Regie: Tumpal Tampubolon Drehbuch: Tumpal Tampubolon Kamera: Teck Siang Lim Darsteller: Yusuf Mahardika, Zulfa Maharani, Marissa Anita, Muhammad Khan u.a. |
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| Der mit dem Krokodil schmust | ||
| (Foto: CCC Cologne Cine Collective) | ||
In Indonesien betreibt eine Mutter (Marissa Anita) mit ihrem etwa 20-jährigen Sohn Johan (Yusuf Mahardika) einen Krokodilpark. In die etwas heruntergewirtschaftete Anlage verlaufen sich nur wenige Besucher. Die namenlose Mutter und ihr Sohn leben sehr zurückgezogen und haben kaum Außenkontakte. Sie teilen sich die schwere Arbeit und füttern die hungrigen Raubtiere regelmäßig mit getöteten Hühnchen. Zwischen der dominanten Mutter und dem willfährigen Sohn hat sich eine symbiotische Beziehung entwickelt, sie schlafen sogar im gleichen Bett.
Eines Tages lernt Johan in der nächsten Stadt die gleichaltrige Arumi (Zulfa Maharani) kennen, die in einer Karaoke-Bar arbeitet. Die beiden verlieben sich schnell und schlafen miteinander. Prompt wird Arumi schwanger und zieht auf der Krokodilfarm ein, was seine Mutter nur widerwillig akzeptiert. Sie drängt die junge Frau auch sofort zur Abtreibung. Arumi entscheidet sich jedoch, ihr Kind zur Welt zu bringen. Die Anwesenheit der Schwangeren belastet das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn beträchtlich und droht das fragile Gleichgewicht zu zerstören. Eines Nachts eskaliert die Lage, als die Mutter beide betäubt und sich nachts in deren Schlafzimmer schleicht.
Der Debütspielfilm Crocodile Tears des indonesischen Filmemachers Tumpal Tampubolon entzieht sich einer klaren Genre-Zuordnung. Er beginnt als melancholisches Familiendrama, wandelt sich jedoch nach und nach in eine Kombination aus Coming-of-Age-Film und Psychothriller, die zudem Elemente des Horrorfilms, des Mystery-Dramas und der schwarzen Komödie absorbiert. Angenehmer Nebeneffekt der atmosphärisch dichten Inszenierung: der Fortgang der schrägen Geschichte lässt sich kaum vorhersehen.
Einzig im Fall des weißen Krokodils ahnt man schon früh, dass diese Fantasy-Fabel kein gutes Ende nehmen wird. Die Mutter glaubt nämlich, dass ihr verstorbener Mann in dem genannten Krokodil weiterlebt, das als einziges Tier im Park allein in einem Käfig haust. Um den Park ranken sich ohnehin dunkle Gerüchte. Bei dem einzigen gezeigten Treffen von Johan und Arumi mit einigen ihrer Freunde sagt eine junge Frau, dass es im Park spuken solle. Und die Parkbesitzerin habe ihren Mann umgebracht und seine Leiche an die Krokodile verfüttert.
Wiederholt streut die Regie irritierende surreal anmutende Miniaturen in die Inszenierung, wobei die Grenzen zwischen Realität und Traum, Vision und Fantasie sich auflösen. Einmal schreckt Johan aus einem Albtraum hoch, in dem ein Krokodil ihn anspricht. Ein anderes Mal sitzt die Mutter weinend auf einer Wiese und schlingt Fleisch in sich hinein – wie ein Krokodil. Oder aber sie kriecht mit Blut um den Mund auf ihn zu und will ihn beißen.
Zu Beginn scheinen die Machtverhältnisse eindeutig geklärt. Die kontrollsüchtige Mutter gibt den Ton an, reklamiert Johan für sich und schirmt ihn gegen die Außenwelt ab, der Sohn folgt ihren Anordnungen und akzeptiert die strenge Aufsicht. Doch dann verschiebt Arumi die Gewichte. Johan erkennt, dass er sich durch sie aus der toxischen Beziehung befreien kann. »Ich werde sie heiraten. Ich liebe sie. Ich will nicht ein Leben lang allein sein«, schleudert er der besitzergreifenden Mutter einmal entgegen. Je mehr die Mutter wahrnimmt, dass sie ihren Einfluss auf Johan zu verlieren droht, umso bedrohlicher wird ihr Verhalten.
Während der filmischen Narration und erst recht am Ende bleiben viele Fragen offen. Wieso nimmt der Sohn die permanente Gängelung so lange widerspruchslos hin? Warum klammert sich die Mutter so stark an Johan? Warum zweifelt die Mutter an, dass Arumis Kind von Johan gezeugt wurde? Legt die Mutter es darauf an, dass Arumi bei Baumarbeiten herunterstürzt und ihr ungeborenes Kind verliert? Ist die Mutter wahnsinnig und bildet sich nur ein, dass der Geist ihres Mannes im weißen Krokodil wohnt? Gerade wegen seiner Vieldeutigkeit dürfte Crocodile Tears lebhafte Diskussionen auslösen und macht Appetit auf das nächste Werk dieses Filmschaffenden.