Cotton Queen

Sudan/D/F/Saudi-Arabien/Katar 2025 · 95 min. · FSK: ab 12
Regie: Suzannah Mirghani
Drehbuch:
Kamera: Frida Marzouk
Darsteller: Mihad Murtada, Rabeha Mahmoud, Talaat Farid, Haram Basher, Mohamed Musa u.a.
Cotton Queen
Frauengemeinschaft
(Foto: jip film)

Zwischen Baumwollfeldern und kolonialen Schatten

Suzannah Mirghani erzählt von weiblicher Selbstermächtigung im Spannungsfeld von Tradition, Ökonomie und persönlicher Freiheit im Sudan

Wie in vielen afri­ka­ni­schen Filmen ist auch Cotton Queen, der erste Lang­spiel­film der suda­ne­si­schen Regis­seurin Suzannah Mirghani, vom Konflikt zwischen Tradition und Moderne geprägt. Für den einen Pol steht die einfluss­reiche Matri­ar­chin und Groß­mutter Al-Sit, für den anderen der tech­nik­af­fine Geschäfts­mann Nadir. Während sie auf ihren weit­läu­figen Feldern auf einem natur­nahen Baum­wollanbau beharrt, setzt er auf gentech­nisch verän­dertes Baum­woll­saatgut, das angeblich viel ertrag­rei­cher ist als die alther­ge­brachten Sorten. In pathe­ti­schen Worten verheißt er den Dorf­be­woh­nern einen wirt­schaft­li­chen Aufschwung.

Doch die Bauern bleiben wie Nafisa skeptisch, denn sie müssten das neuartige Saatgut jedes Jahr neu kaufen. Außerdem könnten Schäd­linge dadurch resistent werden. Ihr Unbehagen hat auch histo­ri­sche Gründe: Der Versuch, die wirt­schaft­liche Kontrolle zu über­nehmen, weckt bei ihnen schmerz­hafte Erin­ne­rungen an Ausbeu­tungs­muster der längst über­wun­denen Kolo­ni­al­zeit.

Zwischen die beiden Macht­zen­tren gerät die 15-jährige Nafisa, Tochter von Al-Sit. In den Sommer­fe­rien hilft sie mit ihren Freun­dinnen beim Pflücken der Baumwolle und folgt damit der Erwartung ihrer Groß­mutter, die in der Familie das Sagen hat und im Dorf als Respekts­person gilt. Nafisa schreibt gerne Liebes­ge­dichte; sie hat ein Auge auf den jungen Gemü­se­bauern Babiker geworfen. Doch ihre Mutter Aisha hält ebenso wie Al-Sit nicht viel von dieser Schwär­merei. Sie haben ihre eigenen Pläne mit der attrak­tiven Teen­agerin.

Als der junge Geschäfts­mann Nadir aus London eintrifft und im dunklen Anzug und Krawatte in einem verlas­senen Herren­haus der briti­schen Kolo­ni­al­macht einzieht, das sein reicher suda­ne­si­scher Vater erworben hat, drängen Nafisas Eltern und Al-Sit Nafisa dazu, den ehrgei­zigen Agrar­un­ter­nehmer zu heiraten. Der Ehebund soll helfen, den Lebens­stan­dard der Familie und des Dorfes zu wahren, ja womöglich für mehr Wohlstand zu sorgen. Nafisa ist hin- und herge­rissen zwischen ihren roman­ti­schen Neigungen und der Rück­sicht­nahme auf ihre Familie.

Dass das Leben im Dorf vor allem von Frauen bestimmt wird, spiegelt der Film, wenn Mirghani die Bezie­hungen der Prot­ago­nistin zu drei Gene­ra­tionen von Frauen ins Zentrum ihrer Narration rückt, den Freun­dinnen, der Mutter und der Groß­mutter. Männer wie Nadir oder Babiker spielen eher eine unter­ge­ord­nete Rolle. Während Nafisa und ihre Mutter oft entge­gen­ge­setzter Meinung sind, versteht sich die Teen­agerin viel besser mit ihrer Groß­mutter.

Aller­dings ist die Matri­ar­chin als ambi­va­lente, ja geradezu mythische Figur angelegt. Einer­seits verbietet Al-Sit der Enkelin, zum Nil zu gehen und zu baden, weil sich das für ledige junge Frauen nicht gehöre. Ande­rer­seits tröstet und unter­s­tützt sie Nafisa, wenn diese Kummer hat, und wird so zu ihrer wich­tigsten Bezugs­person. Sie hat Nafisa außerdem vor der im Dorf üblichen Geni­tal­ver­s­tüm­me­lung bewahrt.

Das Vertrau­ens­ver­hältnis bekommt erste Risse, als Nafisa durch einen alten Zeitungs­ar­tikel heraus­findet, dass die ehemalige Schön­heits- und Baum­woll­kö­nigin Al-Sit in ihrer Jugend wohl doch nicht so helden­haft war, wie sie immer behauptet. Offenbar hat sie ihren tapferen Kampf gegen das Militär der Kolo­ni­al­macht reichlich ausge­schmückt, eine Fabel, die ihr im Dorf viel Respekt beschert hat, die aber niemand mehr bestä­tigen kann. Nafisa rebel­liert gegen die Fremd­be­stim­mung, doch Al-Sit beharrt auf ihrem Macht­an­spruch. Ihre ambi­va­lente Beziehung spitzt sich zu. Wenn die beiden zusammen im Bild erscheinen, sorgen sie für die stärksten Szenen. Mihad Murtada beein­druckt als Nafisa mit ihrem stillen Wider­stands­willen, während Rabha Mohammed Mahmoud Al-Sit eine enorme Kraft hinter einer Fassade der Alters­schwäche aufblitzen lässt.

Mirghanis Verqui­ckung von Coming-of-Age-Film und Dorfdrama besticht durch die authen­ti­sche Darstel­lung der dörf­li­chen Kultur mit ihren alltäg­li­chen Routinen. Die Kame­ra­frau Frida Marzouk fängt die rustikale Atmo­sphäre in ruhigen Bild­kom­po­si­tionen ein. In den impo­santen Land­schafts­auf­nahmen bilden weiße Baum­woll­felder und ocker­far­bene Erdtöne immer wieder starke Kontraste mit dem tief­blauen Himmel und den glit­zernden Ober­flächen des Nil.

Die Regie reichert die ebenso ruhige wie einfühl­same Insze­nie­rung gele­gent­lich mit meta­pho­ri­schen Sequenzen ein, die in der Tradition des Magischen Realismus stehen. Etwa wenn Nafisa sich eines Nachts allein in das Boot Babikers legt, obwohl es Frauen in der Region verboten ist, ein Boot zu betreten. Oder wenn sie in albtraum­haften Szenen eine Hoch­zeits­feier mit Nadir imagi­niert. Noch rätsel­hafter wirkt die märchen­hafte Figur eines jungen Engels, der in einem impro­vi­sierten Thea­ter­spiel gegen die Geni­tal­ver­s­tüm­me­lung mobil macht.

Cotton Queen errang seit der Urauf­füh­rung auf den Film­fest­spielen in Venedig 2025 mehrere inter­na­tio­nale Preise, darunter den Publi­kums­preis auf dem Film­fes­tival in Doha und den Preis für den besten Debütfilm in Karthago. Der Debütfilm, der erst durch die Koope­ra­tion von sieben Ländern entstehen konnte, schwächelt ausge­rechnet in der Schluss­phase, wenn Nafisas flam­mender Befrei­ungs­schlag allzu pathe­tisch ausfällt. Doch insgesamt ist Mirghani ein viel­schich­tiges Filmdrama über weib­li­ches Empower­ment gelungen, das sehens­werte Einblicke in ein afri­ka­ni­sches Land ermög­licht, aus dem es nur sehr selten ein Film in die deutschen Film­theater schafft.