Corpus Delicti

Deutschland 2026 · 108 min. · FSK: ab 12
Regie: Lena Stahl
Drehbuch:
Kamera: Philipp Haberlandt
Darsteller: Hannah Herzsprung, Damian Hardung, Alexander Fehling, Haley Louise Jones, Christian Friedel u.a.
Corpus Delicti
Schatten im Paradies...
(Foto: Leonine)

Im Zweifel gegen die Ambivalenz

Lena Stahls Verfilmung von Juli Zehs „Corpus Delicti“ findet eindrucksvolle Bilder für die Gesundheitsdiktatur der „Methode“. Gerade dort aber, wo Zehs Gedankenexperiment von Widersprüchen lebt, fällt der Film zu eindeutige Urteile

Ein System steht vor Gericht. Die Anklage lautet auf Frei­heits­be­rau­bung, Über­wa­chung, Mani­pu­la­tion und die Unter­wer­fung des Einzelnen unter ein vermeint­lich vernünf­tiges Allge­mein­wohl. Die Beweis­lage scheint eindeutig. Gesund­heit, Sicher­heit, Trans­pa­renz und Ordnung haben in der nahen Zukunft einen Staat hervor­ge­bracht, der den Menschen nahezu volls­tändig erfasst: seinen Körper, seine Ernährung, seine Bewegung, seine Gewohn­heiten. Was gesund ist, wird nicht mehr empfohlen, sondern vorge­schrieben. Abwei­chung wird zum Verdachts­mo­ment.

Damit übernimmt Lena Stahls Corpus Delicti zunächst präzise die Versuchs­an­ord­nung von Juli Zehs 2009 erschie­nenem Roman. Die Natur­wis­sen­schaft­lerin Mia Holl (Hannah Herz­sprung) hat wenig Anlass, an der „Methode“ zu zweifeln. Bis ihr Bruder Moritz (Damian Hardung) wegen Mordes verur­teilt wird. Die Indizien, insbe­son­dere der DNA-Beweis, scheinen seine Schuld zwei­fels­frei zu belegen. Mia aber glaubt ihm. Als sie beginnt, den Fall zu unter­su­chen, gerät nicht nur ihr Vertrauen in das System ins Wanken. Auch sie selbst wird für dieses System zum Problem.

Der entschei­dende Begriff müsste hier „Zweifel“ lauten. Denn Zehs Konstruk­tion gewinnt ihre Spannung weniger aus der Erkenntnis, dass ein tota­li­täres System schlecht ist. Dafür bedarf es keiner Dystopie. Inter­es­santer ist die Frage, wie ein solches System seine Legi­ti­mität erzeugt und warum vernünf­tige Menschen bereit sind, ihm zuzu­stimmen. Die „Methode“ verspricht schließ­lich keine ethnische Reinheit, keinen impe­rialen Ruhm und keinen neuen Menschen. Sie verspricht Gesund­heit. Sie argu­men­tiert mit Statistik, Präven­tion und wissen­schaft­li­cher Evidenz.

Der Film scheint diesem an sich faszi­nie­renden Gedan­ken­spiel jedoch nicht volls­tändig zu vertrauen. Er will die Beweis­auf­nahme beschleu­nigen. Aus einem philo­so­phisch-poli­ti­schen Gedan­ken­ex­pe­ri­ment wird zunehmend ein Thriller, aus dem Zweifel eine Front­stel­lung. Hier das System, dort das Indi­vi­duum; hier Kontrolle, dort Freiheit. Das ist vers­tänd­lich, aber nicht besonders ergiebig, geschweige denn faszi­nie­rend.

Hinzu kommt, dass die Dialoge diese Verein­fa­chung immer wieder ausdrück­lich ausspre­chen. Sätze über Freiheit, Vernunft und Selbst­be­stim­mung stehen mitunter so unver­mit­telt im Raum, als müssten sie ihre eigene Bedeutung gleich mitlie­fern. „Ich bin frei, deshalb bin ich verloren“ – solche Formu­lie­rungen sollen gedank­liche Tiefe markieren, erreichen aber häufig das Gegenteil. Dann vergisst Mia ihre Print­aus­gabe von Max Frischs Homo Faber und bekommt es natürlich mit bedeu­tungs­schwan­geren Blicken nach­ge­tragen. Sprechen die Figuren, dann weniger mitein­ander, als dass sie Posi­tionen verlesen. Das mag mit der Herkunft des Stoffes aus dem Theater zu tun haben: ursprüng­lich hatte Zeh das Werk als Thea­ter­s­tück im Auftrag der RuhrTri­en­nale geschrieben. Im Film wirkt das immer wieder bizarr und hölzern.

Die Insze­nie­rung verstärkt diesen Eindruck. Volker Bertel­mann und Lennart Saathoff unter­legen das Geschehen mit einem Score, der auffal­lend wenig Bereit­schaft zeigt, sich zurück­zu­nehmen. Wo die Situation bereits mehr als eindeutig ist, wird ihre Bedeutung musi­ka­lisch noch einmal bestätigt. Wo Unsi­cher­heit entstehen könnte, wird Spannung signa­li­siert. Der Film lässt seinem Publikum damit selten die Möglich­keit, einen Gedanken selbst zu Ende zu führen. Bild, Dialog und Musik treten wieder­holt als Komplizen einer völlig unnötigen Beweis­füh­rung auf.

Dabei wäre gerade die Ambi­va­lenz das stärkste Beweis­mittel dieses Stoffes. Eine über­zeu­gende „Methode“ müsste auch dort plausibel erscheinen, wo man ihre Konse­quenzen ablehnt. Man müsste verstehen können, weshalb Menschen ihr zustimmen. Ein System, das Sicher­heit bietet, Krank­heiten verhin­dert und indi­vi­du­elles Verhalten auf seine gesell­schaft­li­chen Folgen hin befragt, berührt schließ­lich reale Konflikte moderner Gesell­schaften. Die entschei­dende Frage wäre deshalb nicht, ob Freiheit besser ist als Diktatur, sie wäre, an welchem Punkt eine vernünf­tige Beschrän­kung indi­vi­du­eller Freiheit in Herr­schaft umschlägt und wer diesen Kipppunkt defi­nieren bzw. bestimmen darf. Corpus Delicti stellt diese Frage zwar in Ansätzen, aber er unter­sucht sie nicht lange genug. Statt­dessen liefert er die Antwort zunehmend mit. Das betrifft auch Heinrich Kramer (Alexander Fehling), der als Reprä­sen­tant und publi­zis­ti­sches Sprach­rohr der Methode weniger ein intel­lek­tuell ernst zu nehmender Widerpart als die Verkör­pe­rung eines bereits gefällten Urteils bleibt. Damit verliert auch Mia Holls Entwick­lung an Gewicht. Je eindeu­tiger die Gegen­seite als repres­sives System kenntlich gemacht wird, desto selbst­ver­s­tänd­li­cher wird ihre Oppo­si­tion. Hannah Herz­sprung hält dagegen. Ihre Mia besitzt jene kontrol­lierte Härte, die der Film selbst nicht immer aufbringt. Inter­es­sant ist sie besonders in den Momenten, in denen Ratio­na­lität und Loyalität zuein­ander in Wider­spruch geraten: Eine Wissen­schaft­lerin muss einem objektiv erschei­nenden Beweis vertrauen und gleich­zeitig einem Menschen glauben, den sie kennt. Hier liegt der eigent­liche Konflikt von Corpus Delicti. Nicht Wissen­schaft gegen Mensch­lich­keit, sondern die Frage nach den Grenzen dessen, was als zwei­fels­freier Beweis gelten darf.

Dass diese Frage keines­wegs an Aktua­lität verloren hat, liegt auf der Hand. Viel­leicht ist sie heute sogar inter­es­santer als 2009: die Vermes­sung des Körpers, digitale Gesund­heits­daten, algo­rith­mi­sche Auswer­tung und die Bereit­schaft, Sicher­heit gegen Privat­sphäre einzu­tau­schen, sind längst keine rein dysto­pi­schen Motive mehr. Umso weniger hätte es einer groben Aktua­li­sie­rung bedurft. Der Stoff trägt seine Gegenwart bereits in sich. Am Ende ist die Beweis­lage also keines­wegs unklar. Nur ist das in diesem Fall kein Vorzug. Eine Dystopie über ein System, das keinen Zweifel mehr duldet, hätte selbst mehr Zweifel aushalten müssen.