Christo – Walking on Water

Walking on Water

I/USA/D 2018 · 105 min. · FSK: ab 0
Regie: Andrey Paounov
Drehbuch:
Schnitt: Andrey Paounov, Anastas Petkov
Porträt eines Menschen und Ausnahmekünstlers

Das Genie als Handwerker, Diplomat und kleiner König

Was haben sie nicht alles verhüllt oder mit ihren gigan­ti­schen Stoff­planen in einen anderen, unge­se­henen, poeti­schen Zusam­men­hang gestellt, die aus Bulgarien stammende Künstler Christo und seine Frau Jeanne-Claude? Der Reichstag in Berlin ist in Deutsch­land ihr bekann­testes Projekt, aber auch die Verhül­lung des Pariser Pont Neuf 1985 war spek­ta­kulär, oder die »Umbrellas« in Japan, unzählige blaue Regen­schirme...

Nach dem Tode seiner Ehefrau 2009 setzte Christo eine Weile aus, bevor er eine alte Idee aufgriff, die er und Jeanne-Claude bereits in den siebziger Jahren hatten: Eine monu­men­tale Konstruk­tion aus stof­füber­zo­genen leuchtend orangenen Pontons, die es ermög­li­chen, übers Wasser zu wandeln. Zuerst sollten sie in Latein­ame­rika den Rio de la Plata zwischen Uruguay und Argen­ti­nien über­brü­cken. Doch das schei­terte an Regie­rungs­auf­lagen, ebenso wie ein weiterer Versuch in der Bucht von Tokio.

In Italien wurde es auf der nord­ita­lie­ni­schen Insel San Paolo im Isoe-See zwischen Mailand und Venedig schließ­lich möglich: Über 1,2 Millionen Menschen haben »Floating Piers« im Jahr 2016 gesehen. Der Filme­ma­cher Andrey Paounov beglei­tete dieses spek­ta­ku­läre Projekt, das erste Werk, das Christo allein in Angriff nahm, von der Entste­hungs­phase bis zur Reali­sie­rung. Die Kamera ist immer dabei: In Christos Atelier, am Ort der Verwirk­li­chung, aber ebenso bei den vielen Treffen, Verhand­lungen, Empfängen, die dem Projekt voraus­gingen und es beglei­teten.

So ist der Doku­men­tar­film Christo – Walking on Water mehreres zugleich: Zunächst einmal das Porträt eines Menschen und Ausnah­me­künst­lers.

Man sieht Christo im Atelier, bei der Arbeit mit seinen Assis­tenten, im Umgang mit moderner Tech­no­logie, die den Meister ein ums andere Mal zu einem Wutaus­bruch provo­ziert. Zugleich sieht man, wie viel alltäg­li­ches Klein­klein, wie viel Detail­pro­bleme und Handwerk und nicht zuletzt wie viel hoch­kom­pli­zierte Technik hinter dem stecken, was in fertigem Zustand luftig leicht und hoch­poe­tisch erscheinen soll: Computer, Mikro­phon­an­lagen, der Apparat der vielen Mitar­beiter – das alles ist nicht zuletzt eine logis­ti­sche Heraus­for­de­rung, und irgend­wann muss Christo das alles von oben vom Hubschrauber aus steuern. Der Künstler als Arbeiter.

Zugleich zeigt der Film auch, dass diese Art von Event- und Instal­la­tions-Kunst auch jenseits des Hand­werk­li­chen extrem harte Arbeit ist: Das »langsame Bohren dicker Bretter«, wie Max Weber die Politik bezeich­nete – hier kann man es erleben: In Dutzenden von Treffen mit den kunst­fernen Büro­kraten der Regierung, den Denk­mal­pfle­gern, die alle Verän­de­rung verhin­dern wollen, mit Natur­schutz­ver­bänden, die wiederum in jeder Art von Kunst­ak­tion einen Eingriff in die Natur sehen, muss Christo uner­müd­lich seine Ideen wieder­holen, Verhand­lungs­ge­schick zeigen, Verspre­chungen machen, oder nicht zuletzt einfach nur tausend Eitel­keiten befrie­digen. Und Werbung machen. Der Künstler als Diplomat.

Schließ­lich ist Christo – Walking on Water auch eine luzide Darstel­lung des gegen­wär­tigen Kunst­be­triebs. Denn unab­hängig von der rebel­li­schen Gesinnung Christos und der Tatsache, dass ihn das selbst mögli­cher­weise wenig inter­es­siert: Überall wo er auftritt, wird er wie ein kleiner Monarch behandelt, überall bildet sich eine Art Hofstaat mit den dazu­gehö­rigen Höflingen, den Narren, den Spei­chel­le­ckern, den Spöttern. Der Künstler als König.

So ist dies ein ebenso infor­ma­tiver wie kurz­wei­liger Film. Völlig unkom­men­tiert, dafür untermalt von viel Musik, macht es Spaß, sich den Alltag eines Künstlers anzu­schauen, der auch in seinen Schwächen und Launen gezeigt wird. Auch Christo kommt dabei nicht nur sympa­thisch rüber. Insgesamt aber wachsen Interesse und Sympathie für seine Arbeit.

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