Chaos Walking

USA 2021 · 109 min. · FSK: ab 12
Regie: Doug Liman
Drehbuch: ,
Kamera: Ben Seresin
Darsteller: Tom Holland, Daisy Ridley, Demián Bichir, David Oyelowo, Kurt Sutter u.a.
Lieber laufen statt leben
(Foto: STUDIOCANAL)

Ohne Lüge leben

Doug Limans Bestsellerverfilmung mit Mads Mikkelsen, Tom Holland und Daisy Ridley lohnt sich vor allem für die ungewöhnlich dystopische Auslegung unserer hypermedialen, alles überflutenden Gegenwart und einer mutigen Prämisse

»Wir müssen, fern allem Idea­lismus, der uns nur über­for­derte, zuerst die eigene Person mit allen Unzu­läng­lich­keiten akzep­tieren, Geduld mit uns selbst erlernen. Dann könnten wir darauf vertrauen, dass den Einsichten in die Mecha­nismen der Verlo­gen­heit eine neue Aufrich­tig­keit nachreift.«Arno Plack, Ohne Lüge leben

Dysto­pi­sche Filme und Serien, in denen jugend­liche Prot­ago­nisten mit der Zukunft ringen und ihr Coming-of-Age erleben, gibt es nicht erst seit der gegen­wär­tigen Pandemie wie geschmol­zener Sand an verstrahlten Meeren. Der große Erfolg der Tribute von Panem (2012-2015) hat nicht nur Serien wie The Rain und Tribes of Europa inspi­riert, sondern nun wohl auch dazu geführt, den Erfolg mit Patrick Ness' exzel­lenter und sehr erfolg­rei­cher Chaos-Walking-Trilogie, The Knife of Never Letting Go, zu wieder­holen.

Das Unge­wöhn­liche an Buch und Film ist vor allem die Kern­ge­schichte um den jungen Todd (Tom Holland), der auf einem Planeten geboren wurden, zu dem seine Eltern einst mit einem Genera­tio­nen­raum­schiff aufge­bro­chen waren, der aber in seiner Siedlung der letzte Jugend­liche seiner Art ist. Das erinnert in Ansätzen an Alfonso Cuaróns außer­ge­wöhn­lich anämische Welt ohne Kinder in Children of Men, doch in Chaos Walking gibt es nicht einmal mehr die Frauen, um Kinder zu gebären, da sie, so die Über­lie­fe­rung, bei einem Angriff der Urein­wohner dieses Planeten gezielt ausge­rottet wurden. Dass die Über­lie­fe­rung, die vor allem vom Bürger­meister Mayor Prentiss (Mads Mikkelsen) bewahrt und erinnert wird, nicht unbedingt der Wahrheit entspricht, ahnt Todd erst, als die Vorhut eines weiteren Genera­ti­ons­raum­schiffes der soge­nannten zweiten Welle in der Nähe der Siedlung abstürzt und die einzige Über­le­bende Viola (Daisy Ridley) das ruhige Leben und die etablierten Hier­ar­chien ins Wanken bringt und Todds bis dahin vorher­seh­bare Zukunft aus der Bahn wirft.

Denn erst jetzt wird ihm klar, dass die Kern­dis­po­si­tion aller Bewohner seiner Siedlung, die Unmö­g­lich­keit, den uner­trä­g­li­chen Lärm der eigenen Gedanken zu verbergen, auf die Männer­welt beschränkt ist, Frauen also weiterhin denken können, ohne dass diese Gedanken gehört werden. Diese Kernidee vor allem macht Chaos Walking zu einem so über­ra­schenden wie intel­li­genten Spaß. Denn zum einen wird unsere gegen­wär­tige Reizü­ber­flu­tung und Durch­drin­gung durch soziale Medien expo­si­tio­nell durch­de­kli­niert und an ihre gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Grenzen geführt, zum anderen das inter­es­sante Gedan­ken­spiel überprüft, wie es wäre, ohne Lüge leben zu müssen und einem Diktat der Wahrheit unter­worfen zu sein, wie und was wäre es, einen Reife­pro­zess zu durch­laufen, wie ihn Arno Plack im Zitat am Anfang vorge­schlagen hat und wie ihn Todd tatsäch­lich mit all den bitteren Selbst­vor­würfen und Vorwürfen aus seinem Umfeld durch­läuft?

Dass diese Gedan­ken­spiele tatsäch­lich eine furcht­ein­flößende Realität annehmen, ist nicht zuletzt dem über­zeu­genden Cast um Spiderman Tom Holland, Star-Wars (Das Erwachen der Macht)-Kriegerin Daisy Ridley und Groß­schau­spieler Mads Mikkelsen anzu­rechnen, aller­dings verhin­dert der insgesamt doch recht thetische Ansatz tatsäch­lich die bezie­hungs-drama­ti­schen Momente und großen Gefühle der Tribute von Panem, was nach ersten Test-Scree­nings zu finan­ziell aufwen­digen Nachdrehs und einem dennoch vernich­tenden anglo­ame­ri­ka­ni­schen Kriti­ker­spiegel und wohl nicht nur pande­mie­be­dingter Erfolg­lo­sig­keit an den Kino­kassen (in den USA und Südkorea) geführt hat.

Dabei ist Doug Limans Regie durchaus auf der Höhe seines großen Tom Cruise-Erfolgs Edge of Tomorrow, sind die western­ar­tigen Fremd­planet-Szenarien samt der »einhei­mi­schen Aliens« über­zeu­gend umgesetzt, funk­tio­niert der Zerr­spiegel auf unsere Gegenwart (siehe z.B. die Social Meltdowns der letzten Monate) und auch die Kernidee ist aufregend imple­men­tiert – allein schon Tom Hollands mantra­ar­tigen, »Lärm«-vermei­denden »I’m Todd Hewitt« zu folgen und ihn immer wieder verbal stolpern zu sehen, ist es wert, Chaos Walking eine Chance zu geben.