| USA/F/LV 2025 · 133 min. · FSK: ab 16 Regie: Kristen Stewart Drehbuchvorlage: Lidia Yuknavitch Drehbuch: Kristen Stewart, Andy Mingo, Lidia Yuknavitch Kamera: Corey C. Waters Darsteller: Imogen Poots, Thora Birch, Charlie Carrick, Tom Sturridge, Susannah Flood u.a. |
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| Sich im Strudel der Zeit verlieren | ||
| (Foto: eksystent) | ||
Was ist authentischer, was verrät mehr über einen Menschen? Die Schauspielerin, die öffentliche Person oder die Regieperson – also der künstlerische Mensch? Kristen Stewart, die Independent-Ikone, die schon längst ihr Privatleben öffentlich gemacht hat und von der es scheinbar keine Geheimnisse gibt, legt nun ihr Regiedebüt vor. Und während man The Chronology of Water sieht, denkt man, von der Schauspielerin, der man so oft auf der Leinwand zugesehen hat, mehr zu erfahren als jemals zuvor.
Sie hat hochsensibel inszeniert und überrascht mit einer Erzählweise, die titelgebend wurde: Fluide gleitet Stewart zwischen verschiedenen Zeitebenen hindurch, als würde sich ihre Erzählung einem strudelnden Strom fügen, der sie unaufhaltsam mitreißt. Experimentell könnte man die Erzählweise nennen. The Chronology of Water überrascht durch eine befreite Ästhetik, die jenseits des qualitativ hochwertigen Arthouses hinzielt, für das Kristen Stewart als Schauspielerin steht. Die fluide ist auch eine queere Ästhetik: Sie fließt an gegen die monolithisch gewordene Gewissheit einer Gesellschaftsordnung, rebelliert gegen die Machtstrukturen und experimentiert mit einem anderen Blick auf das Geschehen. Die vergangenen Ereignisse werden fühlend, nicht wissend, durchlebt. The Chronology of Water ist ein Film ohne Hauptsätze, ohne Thesen. Er trägt einen durch den Fluss der Emotionen, im Strudel der Bruchstücke.
Fragmentarisch und in Flashbacks, sich mit Tagebucheinträgen überlagernd, erzählt der Film von Lidia, der Schwimmerin, die in den 70er-Jahren in Oregon aufwächst, als junge Erwachsene in einem Schreibseminar das Trauma bewältigen lernt, das ihr als Kind zugefügt wurde. Es geht um den Missbrauch durch den Vater. Undurchdringbar die Kindheit, am Tisch verliert sich die Kamera im Chaos dessen, was das Kind nicht verstehen, nicht einordnen kann. Die Perspektive ist radikal aus der Wahrnehmung derer, die nicht oder noch nicht verstehen können. Wir werden mitgerissen, mit den Fragmenten der Ereignisse.
Kristen Stewart sagt, dass sie mit diesem Film ihre eigene Stimme gefunden habe, in einem schmerzlichen Prozess voller Rückschläge. Sie war auf die Autobiographie der heute 63-jährigen Amerikanerin Lidia Yuknavitch gestoßen. Die Schwimmerin wurde als Kind vom Vater missbraucht, die alkoholkranke Mutter sah zu. Später verlor sie sich selbst in den Drogen, ein Schreibseminar beim Schriftsteller Ken Kesey rettete sie. Auch sie fand zu sich selbst, durch die Kraft der Worte, durch die Möglichkeit, die sich bot, im Text das Unzusammenhängende, Undurchschaubare nebeneinanderzustellen. Wie in einer filmischen Montage. Und dennoch schien Stewart das Buch, das sie so angesprochen hatte, im Prozess der Verfilmung immer wieder unverfilmbar.
Man kann nicht anders, als tief in The Chronology of Water einzutauchen. Den Film sehen ist wie mit dem Kopf unter Wasser gehen. Alles wird dumpf, die Sinne unscharf. Man vereinzelt sich unter Wasser, während man alles in einer unwirklichen Ferne vernimmt. Die Fluidität der Bilder potenziert sich im leicht unscharfen 16mm-Filmkorn von Kameramann Corey Waters. Wir verlieren uns in den Bildern, in der kindstraumatisierten Erzählung, die keine Ordnung erlaubt.
Das flirrende Chaos findet Verkörperung in Imogen Poots. Sie spielt mit flackerndem Blick, strohblondem Wuschelhaar, verloren und doch bestimmt. Ängstlich und doch ahnungsvoll. Jim Belushi ergänzt, Kim Gordon, und andere. Kristen Stewart hat einen hochkarätigen Cast gefunden, die Schauspieler*innen aber auch dazu gebracht, wenig gesetzt zu spielen, eher tastend, verletzlich, scheu.
The Chronology of Water ist ein sensibler filmischer Befreiungsschlag, vorsichtig erzählt und doch schonungslos. Manche Filmkritiken zeigten sich regelrecht schockiert, als der Film in Cannes Premiere hatte. Diese erzählerische Freiheit hatte man sich von der fest im Filmbusiness verankerten Stewart nicht erwartet. Und auch nicht eine derart kraftvoll inszenierte Geschichte, die mit Verve an die Oberfläche drängt.