| Irland/USA 2025 · 101 min. · FSK: ab 12 Regie: Richard Linklater Drehbuch: Robert Kaplow Kamera: Shane F. Kelly Darsteller: Ethan Hawke, Margaret Qualley, Bobby Cannavale u.a. |
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| Im Herzen eine unglückliche Liebesgeschichte... | ||
| (Foto: Sony) | ||
Seine Brillanz ist blendend. Stets hat er ein passendes Bonmot parat, oft den treffendsten Spott. So fein geschliffen, dass selbst die Getroffenen nur lachen können. Doch blendend ist die Zurschaustellung von Witz und Geist auch in diesem Sinn: Sie soll überstrahlen, wie verheerend und verheert es dahinter aussieht.
Lorenz Hart war einer der genialsten Broadway-Liedtexter. Mit Richard Rodgers als Komponisten schrieb er ab den 1920ern Evergreens wie »My Funny Valentine«, »Manhattan« – und eben: »Blue Moon«. Doch sein Alkoholismus, seine Unzuverlässigkeit führten zum Ende der Partnerschaft. Die Derangiertheit, Desorganisiertheit des großen Künstlers mögen als Sujet für Genrebilder taugen – eine Arbeitsgrundlage sind sie nicht. Vor allem nicht für jene, die dabei den verantwortungsvollen Widerpart übernehmen müssen.
Und nun sitzt Hart da, Ende März 1943, im legendären Broadway-Restaurant Sardi’s. Und wartet auf das Eintrudeln der Gäste zur Premierenfeier von »Oklahoma!« – jenes Musicals, das Rodgers mit seinem neuen Texter Oscar Hammerstein II zu noch größerem Ruhm verhelfen wird. Ein Akt des Masochismus von Hart, als würde er zur Hochzeit des Ex als Gratulant erscheinen.
Halb hat er wohl auf einen Flop gehofft. Halb buhlt er noch immer um seinen einstigen Partner. Unterbreitet
ihm hochfliegende Pläne für ein Musical über Marco Polo. Ob er selbst noch an deren Verwirklichung glaubt, ist unklar.
»Oklahoma!« ist maisgemästetes Amerikana, strotzend vor Propperkeit. Hart hat nichts dafür übrig als (freilich von Neid unterfütterte) Verachtung für jede täppische Silbe, jeden plumpen Reim. Und schmiert dann von Angesicht zu Angesicht Rodgers und Hammerstein doch nur Honig ums Maul, versetzt mit höchstens Mikrodosen von insgeheimem Gift.
Dass Hart bei jener Premierenfeier anwesend war, ist historisch belegt. Blue Moon pickt sich diesen Abend, diesen Moment für seine Fiktion heraus, um darin das tragische Zerbröckeln eines ganzen Lebens wie im Brennglas zu offenbaren.
Wie alles endet, schickt der Film voran: Keine acht Monate später, mit einem sturzbesoffenen Blackout Harts in der Gosse. Lungenentzündung. Tod. Jenen 31. März zeichnet Blue
Moon als das letzte Aufgebot der Fassade. Den letzten Auftritt der scharfzüngigen, leutseligen, überlegenen und etwas zynischen Persona – während das Ich schon ein Trümmerfeld ist.
Von besagtem Prolog abgesehen, könnte Blue Moon in mancher Hinsicht selbst ein Broadway-Stück sein: Er spielt quasi in Echtzeit an einem Abend, einem Ort. Seine Dialoge sind erwachsen, intelligent, voller Lust an Gewitztheit und Pointe. (Es ist das Drehbuch-Debut des Romanciers Robert Kaplow – dessen Roman »Me and Orson Welles« Linklater bereits als Vorlage zum gleichnamigen Film diente.)
Doch essentiell für Blue Moon ist etwas, das nur das Kino kann: Die Nahaufnahme. Auch deshalb, weil der Film sukzessive unterschiedliche Winkel des großen Restaurant-Raums bespielt und ihn dadurch zu einem kleinen Kosmos macht. Aber vor allem, weil die Kamera wählt, in wessen Gesicht wir bei welchen Worten sehen. Und minutiös wahrnehmen lässt, was sich dabei an Ungesagtem abspielt.
Nur dies erlaubt dem Film, ohne – nun ja...: –
theatralische Momente auszukommen. Ohne dramatische Ausbrüche. Sondern im Plauderton zu bleiben, in Barpiano-Stimmung. Und dennoch in Wahrheit gnadenlos die Zerstörung eines Menschen, eines Lebens zu erzählen.
Wer hätte besser als Richard Linklater seit Before Sunrise immer wieder bewiesen, welch großes Kino eine Nacht voller Gespräche sein kann? Blue Moon ist dabei noch mehr als die vorigen Kollaborationen eine absolute Glanztat von Ethan Hawke. Der sich den physisch ihm so unähnlichen Hart mit Haut und Haar, jedem Blick und, auch
stimmlich ganz ungewohnt, jedem Wort völlig anverwandelt.
Der Film hat dabei den Mut, mit schlichten Perspektiv- und Bühnentricks zu inszenieren, dass Hart auch körperlich ein zu kurz Gekommener war. Und vertraut darauf, dass man die Illusion akzeptiert, gerade weil er keine krampfhaften Mühen unternimmt, sie zu verbergen.
Generell setzt Blue Moon auf ein mündiges Publikum. Er streut en passant munter US-Kulturgeschichte ein, ohne die passenden Wikipedia-Artikel zu rezitieren. Überlässt einem die Verantwortung und Freude, die Verweise zu erkennen (oder nicht): Hart gibt E.B. White eine entscheidende Inspiration zum Kinderbuch-Klassiker »Stuart Little«. Rodgers stellt seinen Protegé »Stephie« vor – es ist Stephen Sondheim. Ein junger Regisseur erhält den Ratschlag, statt einer weiteren abgedroschenen Love Story doch Geschichten über Freundschaft zu erzählen – George Roy Hill wird das später beherzigen, wenn er Butch Cassidy und Sundance Kid dreht. Weegee, der große Photo-Chronist New Yorks, schießt die Party-Schnappschüsse. Und an der Garderobe steht in Sardi’s Renee Carroll, eine eigene kleine Legende der Theater-Szene, die einst u.a. einen zweifelnden Jungschauspieler ermunterte, es doch mit einer Filmkarriere zu versuchen: Humphrey Bogart.
Im Herzen aber ist Blue Moon eine unglückliche Liebesgeschichte. Während noch Hart das Ende der künstlerischen Beziehung zu Rodgers nicht recht wahrhaben will, stürzt er sich emotional in weitere fragwürdige Hoffnungen. Hart war wohl eigentlich schwul – biographisch ist das nicht gesichert, aber wahrscheinlich; der Film legt es ebenfalls nahe. Dennoch hat er sich verliebt in die viel jüngere Elisabeth Weiland. (Der reale
Briefwechsel der beiden diente Blue Moon als Inspiration.)
Vielleicht ist es gerade der fatale Reiz der Unerreichbarkeit, der ihn dazu bringt, wenn nicht gar zwingt, mit Elisabeth zu flirten. Und auch hier – »Oklahoma!« – selbstquälerisch so zu tun, als würde er ihr die Beziehungen zu Kommilitonen gönnen, gar mitfiebernd deren Erfolg wünschen.
Seine Brillanz, sein Geist erlauben Hart, seine tiefe Ur-Verwundetheit und
Einsamkeit zu überspielen. Doch dieses Schutzschild, dieser Panzer hat selbstverstärkenden Effekt. Die Lebens-Rolle, die er da gibt, bringt ihm Bewunderung. Doch Bewundertwerden ist nur noch einsamer. Die Kluft zum Geliebtwerden, zum Liebendürfen gar, eine klaffende Gletscherspalte.
Elisabeth hat für den Dichter nur die vernichtendsten Worte von allen: »I love you – but not in that way«. Sie liebe ihn – aber nicht auf jene Weise...